Wiedersehen mit der Heinkel Kabine

Dreirad für die Familie

Von Thomas Becki
Aktualisiert am 30.06.2014
 - 16:14
Die pure Nostalgie: Die Heinkel Kabine hat drei Räder, eine Tür und bot früher Platz für eine Kleinfamilie.zur Bildergalerie
Manche Erinnerungen verblassen nie. Benzin, Rosshaar, leicht muffiger Geruch und atemberaubende 10 PS Leistung: Ein Ausflug ins Gestern mit der Heinkel Kabine.

Die erste bewusste Autofahrt zu den Großeltern in Speyer erfolgte in einer Konstruktion aus Stuttgart-Zuffenhausen. Das Fahrzeug war sehr kompakt geschnitten, leuchtend rot, hatte die typischen runden, in die Kotflügel integrierten Scheinwerfer, drei Räder und eine Tür. Also kein Porsche, sondern der von den Heinkel-Werken in Stuttgart-Zuffenhausen entwickelte Kabinenroller, der 1956 erstmals in den Verkauf ging. Ein laut damaligem Verkaufsprospekt „Wirklichkeit gewordener Wunschtraum“ für alle, die sich kein Auto leisten konnten und doch „fast autogleich motorisiert“ sein wollten.

Wie die von BMW in Lizenz gebaute Isetta und der Messerschmitt Kabinenroller war die Heinkel Kabine vor allem auf den Bedarf junger Paare mit kleinem Budget zugeschnitten. Und so waren die Eltern als recht typische Vertreter der aufstrebenden Wirtschaftswundergeneration kurz nach Geburt des ersten Kindes 1957 schnell vom DKW Motorrad ab- und in die Heinkel Kabine eingestiegen.

Heute noch mehr als 3000 Exemplare zugelassen

Sie war mit einem Preis von 2750 Mark erschwinglich und brachte zwei Erwachsene und zwei Kinder recht verlässlich von A nach B, geschützt vor Wind und Wetter. Dafür sorgte nicht zuletzt die „Spezial-Heizung“ die den Worten des Kabinen-Konstrukteurs zufolge „unbedingt gut funktionieren muss(te), da die Menschen heute verwöhnt sind und vielfach ohne Mantel im Wagen sitzen, wo sie es in wenigen Minuten warm haben wollen“. Im Sommer war die Kabine aufgrund der vielen Glasflächen, die deutlich an eine Flugzeugkanzel erinnerten, von Beginn an warm, und es wurde aufgrund der unvermeidlichen Tuchfühlung der Passagiere auch während der Fahrt nicht mehr kühler.

Der als Flugzeugentwickler bekannte Professor Ernst Heinkel hatte sich schon Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit besonders aerodynamischen und schnellen Flugzeugen einen Namen gemacht. Auch wenn Heinkel wenig überraschend zu einem der wichtigsten Lieferanten für Hitlers Luftwaffe aufstieg, gelang es ihm nach dem Krieg recht schnell, entnazifiziert zu werden und mit dem Wiederaufbau seines Unternehmens zu beginnen.

Heute fast vergessen, gehörten Heinkel-Fahrzeuge schon bald darauf fest zum Straßenbild in Wirtschaftswunderland. Den Anfang machte der Heinkel Roller Tourist, der insgesamt 160.000 Mal verkauft wurde und von dem nach Schätzungen des Heinkel Club Deutschland e.V. heute noch mehr als 3000 gut erhaltene Exemplare zugelassen sind. Sein Antrieb wurde weiterentwickelt und in die Kabine verpflanzt. Es handelte sich dabei um einen Einzylindermotor mit zunächst 174, später 198 Kubikzentimeter und atemberaubenden 9,2 oder 10 PS Leistung.

Bremsen auf glatten Straßen wollte gelernt sein

Was nach heutigen Maßstäben lächerlich klingt, erlaubte den Eltern und ihren mittlerweile zwei Kindern mit einem gewissen Anlauf durchaus taugliche Landstraßengeschwindigkeiten bei ihren Ausflügen in der heimatlichen Südpfalz. Eine „fast autogleiche“ Höchstgeschwindigkeit von 86 km/h war möglich, auch wenn der fürsorgliche Vater es selten darauf ankommen ließ – jedenfalls in Gesellschaft von Frau und Kindern. Eine Ausfahrt endete wohl trotzdem im Straßengraben. Der engagierte Hobbymusiker hatte auf dem Rückweg von einem nächtlichen Einsatz mit seiner Tanzkapelle erleben müssen, wie schwer es auf glatten Straßen ist, mit einer ungebremsten einrädrigen Hinterachse die Spur zu halten. Es ging ohne größere Blessuren für Mensch und Gerät ab, und schon bald war die Familie mit der rollenden Knutschkugel wieder vernünftig und flott unterwegs.

Ernst Heinkel hatte sein Wissen als Flugzeugbauer clever genutzt, um die Kabine möglichst leicht und ihren Luftwiderstand möglichst gering zu gestalten. Angefangen bei der selbsttragenden Karosserie über die Kunststoffseiten- und -heckscheiben bis hin zu hohl ausgeführten Pedalen war alles so leicht wie technisch und wirtschaftlich möglich konstruiert. Ein Leergewicht von 243 Kilogramm und eine Zuladung von beachtlichen 232 Kilogramm waren das Resultat. Ein Verhältnis, das bei den heutigen Anforderungen an Komfort und Sicherheit für aktuelle Fahrzeuge praktisch unerreichbar scheint.

Eines der ersten Drei-Liter-Autos

Zusammen mit der windschlüpfigen Form sorgte der radikale Leichtbau dafür, dass die Heinkel Kabine trotz geringerer Leistung oft schneller als die ähnlich aussehende Isetta war und trotzdem weniger „Brennstoff“ verbrauchte. Mit 3,0 bis 3,5 Litern Benzin auf 100 Kilometer kann die Heinkel Kabine für sich reklamieren, eines der ersten Drei-Liter-Autos gewesen zu sein.

Fast 12.000 Einheiten davon wurden in Deutschland von 1956 bis 1958 produziert, die meisten davon im Werk Speyer. Dort arbeitete der Großvater als Schlosser, und vermutlich hat auch seine Empfehlung dafür gesorgt, dass die Eltern unter das schützende Kabinendach schlüpften. Nach dem Ende der Produktion in Deutschland wurde die Kabine bei „Dundal Enginieering Company“ in Irland bis 1961 weiter gebaut. Danach erwarb das englische Unternehmen Trojan alle Pläne, Maschinen und Rechte und produzierte bis 1964 unter ihrem Namen. Von 1957 bis 1961 wurden zudem etwa 2000 Heinkel in Argentinien gebaut. Dann hatte sich das Konzept des Rollermobils überlebt. Die Massenmotorisierung trat in die nächste Phase ein.

Bergauf mit blechernem Röhren

Heute sind gut erhaltene Exemplare extrem selten und erzielen leicht Preise jenseits der 15.000 Euro. Damals lag der Verkaufspreis in Deutschland bei 2750 Mark. Eine Probefahrt im schönen Sauerland, vom Heinkel Club Deutschland freundlicherweise ermöglicht, gestaltet sich deshalb als besonders exklusive und anrührende Zeitreise.

Und so taucht der Verfasser mit seiner nicht ganz kompakten Körpergröße in den Korpus der Kabine ein und versinkt in der Autoduftwelt seiner Kindheit. Etwas Benzin und Öl, selbstverständlich Gummi, aber auch Rosshaar aus den Polstern und natürlich eine leicht muffige Note, die nur durch eine konstante Grundfeuchtigkeit im Innenraum erzeugt wird – dem selten wirklich dicht schließenden Rolldach sei Dank. Gestartet wird per Kippschalter, geschaltet mit einem bleistiftstummelgroßen Hebelchen, das sich links unterhalb des Fensters durch eine lineare Schaltkulisse mit vier Vorwärts- und einem Rückwartsgang schlängelt.

Das Rollengaspedal verlangt eher nach einem beherzten Tritt, und anschließend geht es mit einem blechernen Röhren bei immerhin wahrnehmbarer Beschleunigung den Berg hoch. Ja, genauso schön und leuchtend müssen die Blumenwiesen vor sechzig Jahren ausgesehen haben. Auch ohne Radio habe ich Peter Kraus im Ohr, Damen mit gepunkteten Petticoat-Röcken an der nächsten Bushaltestelle könnten mich jetzt nicht wirklich überraschen. Es geht jedoch hangabwärts in eine Rechtskurve, und bei nahezu 50 km/h ist Vorsicht geboten. Schließlich soll dieser Ausflug nicht im Graben enden.

Begehrtes Spielgerät für die Kinder

Deshalb kehren wir mit gebotener Zurückhaltung an den Ausgangspunkt unter einer stattlichen Linde zurück, für ein Paar Erinnerungsfotos. Im Kopf läuft derweil der Film weiter. Nachdem die Eltern 1966 auf einen schneeweißen VW Käfer umgestiegen waren, um ihren auf vier Sprösslinge angewachsenen persönlichen Beitrag zum Babyboom etwas angemessener transportieren zu können, fristete die Heinkel Kabine noch ein paar wunderbare Monate ein Dasein als begehrtes Spielgerät im Hühnerhof. Hier konnte man nach Lust und Laune am Lenkrad reißen, wild alle Schalter drücken und auf den Pedalen steppen. Oder aber mit dem etwas älteren Mädchen aus der Nachbarschaft Familienausflug spielen. Das Picknick wurde umständehalber im Wagen eingenommen. Manche Erinnerungen verblassen nie.

Quelle: F.A.S.
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