Die IAA startet in München

Stadt unter Strom

Von Holger Appel
07.09.2021
, 10:16
VW ID Life: Soll etwa 2025 die Stadt erobern. 4 Meter lang, mit  Frontantrieb, 234 PS, 57 kWh, 400 Kilometer Reichweite nach WLTP-Norm, 180 km/h schnell.
Die IAA gastiert erstmals in München. Alle Fahrzeughersteller zeigen ihren Weg zu mehr Klimafreundlichkeit. Viele setzen mit ganzer Kraft auf die Elektromobilität. Und Obacht: Das Fahrrad ist auf der Automesse zahlenmäßig haushoch überlegen.

Bis zuletzt haben die Veranstalter gezittert, ob die Internationale Automobil-Ausstellung IAA für Personenwagen in diesem von der Corona-Pandemie geprägten Jahr stattfinden kann. Geht alles so weit glatt, läuft die erstmals in der bayerischen Landeshauptstadt ausgetragene IAA bis zum 12. September. Das ist deutlich kürzer als früher gewohnt, als die IAA alle zwei Jahre in Frankfurt stattfand und dort innerhalb von elf Tagen 600.000 bis 900.000 Besucher anzog.

Das schien manchem Autohersteller zu wenig, das Konzept mit großen Flächen in riesigen Hallen sei überholt und zu teuer gewesen, hieß es damals. So wurde der Ausstellungsort neu ausgeschrieben, die Wahl fiel auf München. Hier ist die Ausstellung geteilt. Auf dem Messegelände sollen sich in der Hauptsache Hersteller und Fachpublikum treffen, quer durch die Stadt verteilt soll an diversen Orten das breite Publikum angesprochen werden. Allerdings fahren die Autohersteller nur mit halber Kraft, was etwa dazu führt, dass die Marke Volkswagen nur in der Messehalle zu sehen ist. Andere Marken wiederum stehen nur in der Stadt.

Viele kommen gar nicht nach München, etwa der die Marken Opel, Peugeot, Citroën und Fiat umfassende Konzern Stellantis. Sämtliche Japaner von Toyota über Nissan bis Honda fehlen. Auch Volvo, Bentley, Ferrari, Lamborghini, Skoda, Seat oder Rolls-Royce und viele weitere glänzen durch Abwesenheit, was die Fangemeinde bedauern dürfte. Wer vor Ort ist, müht sich redlich, mit den Beschränkungen zu leben. Skoda hat immerhin ein Café in der Innenstadt angemietet, schützt es mit sechs Sicherheitskräften gegen mögliche Randale.

Die richtigen Aussteller versuchen entlang einer zwölf Kilometer langen blauen Linie, ihre Ideen einer Mobilität der Zukunft an Mann und Frau zu bringen. Formate des Dialogs treten explizit an die Seite der Kraftfahrzeuge, die in einer bemerkenswerten Minderheit sind. 17 Automarken treffen in München auf 70 Marken aus der Fahrradbranche. Gleichwohl sind Proteste angekündigt, der veranstaltende Verband VDA, die Messe München und die Sicherheitskräfte erwarten Demonstrationen und befürchten Krawall.

Dabei gehe es auf der Messe, welche Bundeskanzlerin Angela Merkel an diesem Dienstag um 14.30 Uhr eröffnen will, darum, über die für Deutschland so wichtige Mobilität im Gespräch zu bleiben und „die Transformation zu einer Erfolgsgeschichte für die deutsche Automobilindustrie und damit den Standort Deutschland zu machen“, wie VDA-Präsidentin Hildegard Müller sagt. Mehr als 100 Weltpremieren hat der Verband ausgemacht, spektakuläre sind freilich an einer Hand abzuzählen. Zu ihnen gehört der Blick auf einen elektrischen Kleinwagen von VW, der 2025 auf den Markt kommen soll, oder die schon bald zu habende elektrische Mittelklasselimousine EQE von Mercedes-Benz.

Technologieoffenerer An­satz

Allen Herstellern gemein ist das Bekenntnis zu einer klimafreundlicheren Mobilität, die sich in der Konzentration auf Elektroautos für Europa ausdrückt. Volkswagen setzt mit Nachdruck darauf, BMW oder Mercedes-Benz fordern einen technologieoffeneren An­satz. Der Abschied vom fossilen Kraftstoff verfeuernden Verbrennungsmotor ist allgegenwärtig. Audi etwa bekräftigt, ab 2026 nur noch Modelle auf den Markt bringen zu wollen, die rein elektrisch angetrieben sind. Bis 2033 werde die Produktion der Modelle mit Verbrennungsmotoren auslaufen. Ford wird von 2030 an in Europa nur noch rein elek­trisch angetriebene Neufahrzeuge anbieten. So oder so ähnlich planen nahezu alle Hersteller, wobei sich die Zusagen auf Personenwagen beziehen. Im Bereich der Nutzfahrzeuge hat der Verbrennungsmotor ein deutlich längeres Leben, sogar der unter seinem Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess voll unter Strom stehende Volkswagen-Konzern plant für das Jahr 2026 noch mit der Einführung eines neuen Dieselmotors in seinem Multivan-Bus.

Abseits der eigentlichen Karossen wird in München autonomes Fahren thematisiert, das wegen seiner Komplexität länger braucht als bisweilen zu vollmundig versprochen. Autonomes Parken soll rascher Realität werden. Mitfahrgelegenheiten in selbstfahrenden, aber noch von einem Fahrer überwachten Fahrzeugen stehen gleichfalls auf der Agenda.

Sosehr PS eine noch immer große Klientel weiter reizen, so sehr tun sich andere Interessen in der Kundschaft auf. Ford begegnet denen zum Beispiel mit einem „Achtsamkeits-Konzeptfahrzeug“, das ausgestattet mit besonderem Innenlicht, Meditations-App, Powernap-Funktion und Sitzvibrationen zur Beruhigung der Atem- und Herzfrequenz eine neue Form des Wohlbefindens an Bord schaffen will.

Sicher werden an den diversen Ständen auch Fragen erörtert, etwa, wie eine Ladeinfrastruktur aussehen soll, die Elektromobilität nicht nur auf dem Papier attraktiv und nachhaltig macht. Oder solche, wie eine Stadt mit dem Auto leben kann, statt gegen es. „What will move us next“, lautet das Motto der IAA Mobility 2021. Wir zeigen hier schon mal die automobilen Höhepunkte. Wer sich persönlich einen Eindruck verschaffen will, hat dazu Gelegenheit bis nächsten Sonntag. Tickets für die Außenbereiche gibt es von 20 Euro an, der Zutritt zu den Messehallen ist zum Teil deutlich teurer.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Appel, Frank-Holger (hap.)
Holger Appel
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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