Infotainment Mercedes S-Klasse

Die unglaubliche Reise in einem fahrenden Technik-Raumschiff

Von Michael Spehr
12.09.2021
, 14:00
Üppig: Blick von hinten in die S-Klasse mit fünf Displays
Die neue S-Klasse setzt Maßstäbe auch in Sachen Infotainment, Sprachsteuerung und Künstlicher Intelligenz. Es gibt indes Grenzen.

Die neue S-Klasse steht vor der Tür, und diesmal dürften sich auch zwei Teenager am Test des Infotainment beteiligen. Noch nie haben sie das MBUX genannte System gesehen, geschweige denn ausprobiert. Nun gibt es dazu Anlass genug, weil unser Fahrzeug im Fond zwei Monitore an den vorderen Kopfstützen mitbringt und zudem ein Tablet in der hinteren Mittelarmlehne.

Der Fahrer fährt, die Kinder spielen. Man muss nichts erklären, die beiden kommen intuitiv mit der Anlage zurecht, und alle paar Minuten entfährt ihnen ein „geil!“ oder „krass!“, wenn sie wieder eine neue Funktion entdeckt haben. Lisa sitzt rechts und kann den Beifahrersitz von hinten aus weit nach vorn fahren, um ihren eigenen Sessel zu neigen und eine Fußstütze auszufahren. Da liegt sie nun wie eine junge Königin in der Business-Class der Lufthansa.

Sam auf der linken Seite ist begeistert von der Ambientebeleuchtung mit einem umlaufenden Lichtstreifen auf Schulterhöhe. Er besteht aus 250 LED, die sich in Echtzeit ansteuern lassen, und der Teenager probiert verschiedene Farbverläufe aus. Das alles ist nicht nur etwas fürs Auge, sondern es erscheint auch eine rote Lichtanimation, wenn beim Aussteigen von hinten nahende Radfahrer übersehen wurden oder wenn man während der Fahrt ohne Blinkersetzung die Spur verlässt.

Für den Chef: Tablet im Fond
Für den Chef: Tablet im Fond Bild: Hersteller

Ausgiebig testen die beiden Fondpassagiere dann die Sprachassistentin, die sich nicht nur auf Tastendruck, sondern auch mit „Hey Mercedes“ starten lässt. Das System erkennt automatisch, von welchem Sitzplatz gesprochen wird. Als Lisa erstmals das Kommando ruft, bekommt sie eine kurze persönliche Einführung, zudem ist MBUX auch in der Lage, die Insassen an der Stimme zu erkennen. So reicht zur Aktivierung der Sitzmassage ein kurzes Kommando, und schon startet die Massage am richtigen Platz. Was die beiden Fondpassagiere nicht wissen: „Hey Mercedes“ hat auch eine Wissensdatenbank zu Gebäuden in der unmittelbaren Umgebung und zu allgemeinen Themen, die man per Sprache aufrufen kann.

Lisa und Sam wollen ihre Lieblingsmusik in der neuen S-Klasse wiedergeben, und hier scheitert „Hey Mercedes“ kläglich, welchen Titel auch immer sie vorsprechen. Der alte weiße Mann am Lenkrad hingegen sagt „spiele Johannes Brahms“, und das klappt sofort, auch mit Jazz und anderen Sujets. Die Fondpassagiere versuchen es abermals und wiederholt, stets vergeblich. Wir erklären den beiden, dass die Musik von unserem iPhone gespielt wird und von dort natürlich nur das, was vorhanden ist. Tina Turner singt erst, wenn man ihren Nachnamen deutsch ausspricht, aber immerhin, Michael Jackson wird sofort verstanden.

Die Brille ist hier entbehrlich

Noch Tage später schwärmen die Teenager über die neue S-Klasse. So gesehen hat das Marketing von Mercedes sein Ziel erreicht. Junge Leute finden MBUX „absolut cool“. Das Fahren hat sie nicht interessiert, auch nicht das, was den Fahrer begeisterte, die Hinterachslenkung, die das Rangieren etwa im Parkhaus ungemein erleichtert.

Wir haben dann noch etwas genauer auch bei MBUX hingesehen und mit den bisherigen Modellvarianten verglichen. Bei der Annäherung ans Fahrzeug fallen als Erstes die automatisch herausfahrenden Türgriffe auf, sobald man sich mit dem Schlüssel nähert. Eingefahren schließen sie bündig mit der Tür ab. Beim Betreten der neuen S-Klasse fällt der Blick sofort auf den Tesla-großen Bordmonitor, der hochkant alle Informationen zeigt. In allen anderen Mercedes-Limousinen nutzt MBUX ein flaches Display, das ans digitale Cockpit vor dem Lenkrad andockt. Das in der S-Klasse verwendete OLED-Display zeigt auf der zusätzlichen Fläche mehr Informationen, insbesondere bei der Navigation ist das ein Pluspunkt.

Diese Anzeige ist berührungsempfindlich, das digitale Cockpit ist es nicht. Allerdings bringt Letzteres eine Neuerung mit, die unsere Testfahrer im Fond nicht sehen konnten, weil sie allein dem Piloten vorbehalten bleibt: eine 3-D-Tiefendarstellung, die insbesondere bei der Anzeige der Navi-Karte ungemein beeindruckt. Das Bild hat eine Tiefe, wie man sie sonst nur mit 3-D-Brille erzielt. Die Brille ist hier entbehrlich, weil Mercedes zwei Kameras ins Display einbaut, welche die Augenposition des Fahrers beobachten. Ziemlich spooky. Die Darstellung wird mit jeder Kopf- und Augenbewegung in Echtzeit angepasst.

Setzt Zeichen: Mercedes-Benz
Setzt Zeichen: Mercedes-Benz Bild: Hersteller

Eine leichte Irritation stellt sich sodann mit einem Blick auf die Bedienelemente ein: Konnte man bislang die Klimaanlage mit physischen Tasten justieren, sind diese nun komplett weggefallen, und das entsprechende Modul befindet sich im unteren Viertel des Bordmonitors. Die physischen Lenkradtasten und die Tasten zur Einstellung der Außenspiegel wurden sodann durch Touch-Elemente ersetzt, das wird nicht jeder mögen, weil die intuitive Bedienung ohne Hinsehen schlechter gelingt.

Weniger Tasten und mehr Kameras sind abermals die Leitlinie bei der Entwicklung des Interieur-Assistenten, der Fahrer und Beifahrer mit Laserkameras in der Dachbedieneinheit beobachtet. Dabei werden die Bewegungen von Kopf, Hand und Oberkörper in Echtzeit ausgewertet und interpretiert. Abermals spooky. Streckt der Fahrer bei Dunkelheit seine Hand in Richtung Beifahrersitz, schaltet sich automatisch das Suchlicht ein. Aber nur, wenn dort keine Beifahrerin sitzt. Blickt der Fahrer nach hinten, öffnet sich das Sonnenrollo, und so weiter.

Klar und präzise visualisieren

Spektakulär und abermals nur dem Fahrer vorbehalten ist das „Augmented Reality Head-up-Display“. Kein anderes System zeigt eine so große virtuelle Fläche vor der Motorhaube, zeigt auch Hinweise des adaptiven Tempomaten und der Assistenzsysteme und nicht zuletzt blaue Richtungspfeile, die in einer Augmented-Reality-Darstellung den Abbiegevorgang klar und präzise visualisieren.

Was wir nicht ausprobiert haben, ist die Kopplung von MBUX mit dem Smart Home zu Hause. Auf diese Weise kann man seinen Mercedes fragen, ob jemand zu Hause ist, und MBUX antwortet dann zum Beispiel „Die letzte erkannte Bewegung war vor einer Stunde in der Küche“. Mit Sprache lassen sich nicht nur Bewegungsmelder und Lampen, sondern auch die Heizung, Rollläden und Temperatursensoren ansprechen. Dazu muss man seinen Smart-Home-Account mit einem „Mercedes me“-Profil koppeln.

Erscheint einem die neue S-Klasse wie ein Technik-Raumschiff aus der Zukunft, kann man wie unsere Teenager ins Schwärmen kommen. Der Alltag in der Gegenwart hat jedoch auch Tücken. Dass „Hey Mercedes“ besser als jedes andere System der Mitbewerber arbeitet, hat sich herumgesprochen. Aber man stößt nicht nur bei der Musikauswahl mit Alben, Titeln und Komponisten an Grenzen, sondern bisweilen klappt etwas nicht, was eigentlich trivial ist: „Apple Carplay“ als Kommando führt ins Nichts, und während einer längeren Fahrt von Frankfurt nach Innsbruck streikte die Online-Verbindung über mehr als 300 Kilometer. Der neue Mobilfunkstandard 5G wird übrigens vom Bordsystem nicht unterstützt.

Man ärgert sich also bisweilen über Kleinigkeiten, über eine plötzlich einsetzende Musikwiedergabe nach einem „Hey Mercedes“-Kommando oder über die Routenplanung des Navis, das zur Stauvermeidung zu oft von der Autobahn führt. Der Basispreis der kleinsten S-Klasse beginnt bei 97.000 Euro, und die Preisliste hat einen Umfang von sage und schreibe 97 Seiten. Die meisten sinnvollen Extras wie das Burmester-Soundsystem und das Head-up-Display findet man im High-End Interieur-Paket, das wir empfehlen können. Es kostet allerdings einen Aufpreis von 24.000 bis 31.000 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
FacebookTwitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot