Zwei Mal Duke R von KTM

Die grimmige Art des Alpenduos

Von Boris Schmidt
24.10.2020
, 08:12
Zum Saisonabschluss bewegten wir die KTM 1290 Super Duke R und die etwas kleinere KTM 890 Duke R im Vergleich. Beide zeigen auf ihre Art, was Sache ist: Leistung satt.

Die KTM 1290 Super Duke R gehört zu den Motorrädern, die von vornherein Respekt einflößen. Dabei geht es weniger um die kruden Formen, die KTM im Netz auf ihrer Homepage mit den starken Worten „aggressiv und furchteinflößend“ preist, sonst aber in Sachen Design von einer Reduktion auf das Wesentliche spricht und, wörtlich: „Das Einzige, was noch in rauen Mengen vorhanden ist, ist die grimmige Mentalität dieses Bikes.“ Das lassen wir jetzt einfach mal so stehen.

Vor dem ersten Ritt bewegen uns mehr die 180 PS aus exakt 1,301 Liter Hubraum, und viel gefahren waren wir in dieser Saison auch noch nicht. Und dann zum Abschluss solch ein Gerät. Wird schon gutgehen. Eine persönliche Premiere ist der Fahrzeugschlüssel. Einfach dabeihaben reicht, wie beim modernen Auto. Das ist keine Spielerei, sondern unglaublich praktisch. Auch das Lenkerschloss macht sich von selbst scharf, und der Tankdeckel ist ebenfalls frei, solange der Schlüssel in der Nähe ist. Dieser hat freilich noch einen ausklappbaren Bart, er dient dafür, das hintere Teil der zweistufigen Sitzbank zu entriegeln.

Zurück in die digitale Welt. Nach dem Scharfstellen des Geräts meldet sich das recht große Fünf-Zoll-TFT-Display mit dem KTM-üblichen „Ready to Race“. Ein weiterer Druck auf den eigentlichen Startknopf, und der V2 bollert ziemlich aggressiv los, was aber auch an dem Akrapovic-Auspuff liegen mag, der Sonderausstattung ist. Die Sitzposition passt auf Anhieb, die Fahrt kann beginnen, und siehe, alles ist halb so wild. Wer den Gasgriff nicht aufdreht wie ein Irrer, kann die dicke KTM völlig zahm bewegen und mit ihr in niedrigen Drehzahlen durch die Stadt schleichen. In das große, gut erkennbare Display verlieben wir uns sofort. Wer braucht da noch schlecht ablesbare, analoge Instrumente? Drei verschiedene Darstellungsformen gibt es. Wenn es dunkler wird, wechselt die Hintergrundbeleuchtung in ein schönes Rot.

Der Kollege hatte empfohlen, man solle vorher die Bedienungsanleitung lesen. Dass wir es nicht getan haben, rächt sich gleich. Die Griffheizung ist an und wird bei moderaten Außentemperaturen schnell unangenehm, nur findet sich kein Schalter dafür. Also anhalten und sich mit den Menüs beschäftigen. Ah, da ist es. Also „Aus“. In der Hauptsache dient das Menü aber dazu, die verschiedenen Fahrprogramme zu wählen. Rain, Street und Sport gibt es, dazu optional Track. Den Supermoto-Bereich sollten nur Könner wählen, er schaltet das Hinterrad-ABS aus und zudem das Vorderrad-ABS für Kurven ebenfalls aus. Wheelies und Stoppies sind so möglich, ebenso das gezielte Driften. Sonst regelt die Elektronik im Rahmen der Gesetze der Physik alles weg, was irgendwie gefährlich werden könnte.

Auch bei vollem Leistungseinsatz in den tieferen Gängen geht die große Duke vorn dann nicht hoch beziehungsweise nur ein ganz klein wenig. Sechs Gänge stehen zur Verfügung, Quickshift, also schalten ohne kuppeln, ist möglich, aber nicht jedermanns Sache. Mit 180 PS hat die KTM natürlich das Zeug, sich auf der Autobahn weit jenseits der 200 km/h zu bewegen, wobei es schon ab 170 aufrecht sitzend sehr unbequem wird und es liegend eigentlich auch nur bis 210 km/h kurz auszuhalten ist. Nicht umsonst reicht der Bereich des serienmäßigen, etwas unsteten Tempomaten nur bis 200 km/h. Nutzen kann man ihn ab 40 km/h. Verlassen wir die Autobahn. Auf der Landstraße sind die rund 200 Kilo Leergewicht der 1290 schon zu spüren. Sie muss etwas in die Kurve gedrückt werden, verhält sich aber sonst tadellos. Die Bremsen (Brembo) sind klasse. KTM behauptet, man habe die besten der Branche.

Größter Knackpunkt an der formidablen KTM ist der Preis

Für die Saison 2020 war die große Duke gründlich überarbeitet worden, ein verbessertes Handling war das Ziel der Entwickler, deshalb gibt es jetzt eine Umlenkung für das Zentralfederbein, es ist also nicht mehr direkt angelenkt. Deshalb musste auch ein neuer Rahmen konstruiert werden. Wir hatten nichts auszusetzen, haben aber keinen Vergleich. Der Motor erfüllt jetzt die Euro-5-Abgasnorm und hat sogar ein halbes Dutzend PS mehr. Mit dem Verbrauch von 6,6 Litern auf 100 Kilometer darf man leidlich zufrieden sein. Der Tank fasst 16 Liter. Bleibt noch zu erwähnen, dass die große Duke eine elektronische Reifendruckkontrolle anbietet, die Blinker automatisch zurückstellt, und Kurven- wie auch Tagfahrlicht hat sie auch. Der Motor muss nur alle 15.000 Kilometer zur Inspektion. Größter Knackpunkt an der formidablen KTM sind die 17.834 Euro Neupreis, die in der Preisliste stehen. Das ist eine Menge Holz und lenkt den Blick beinahe automatisch auf eine andere schöne, junge Tochter aus Mattighofen, die KTM 890 Duke R. Sie ergänzt seit dieser Saison die bekannte 790er-Duke in der „Mittelklasse“.

Im Vergleich ist alles etwas bescheidener, 890 Kubik aus zwei Zylindern müssen genügen, 121 PS auch. Und wie die genügen. Dazu ist sie im Vergleich viel spielerischer zu fahren, obwohl sie nur gut 20 Kilogramm weniger wiegt. 121 PS sind natürlich auch mehr als genug, dazu gibt es die 99 Newtonmeter Drehmoment (die 1290 hat 140 Nm) von unten heraus. Man kann etwas untypisch schaltfaul fahren. Das volle Beschleunigen fühlt sich dann fast so brachial an wie mit der großen Duke.

Die 890er ist mit 11 639 Euro gelistet und wirft schon damit ein großes Pfund auf die Waagschale. Der Fahrspaß ist schließlich nicht geringer, wie wir meinen. Es gibt gleichfalls sechs Gänge, weniger Elektronik, aber sehr wohl die erwähnten Fahrprogramme und die angesprochenen Modi nebst (Kurven-)ABS. Bei Regen mit Vorsicht zu genießen sind die Michelin-Reifen. Sie sind auf maximalen Trocken-Fahrspaß ausgelegt und nur wenig profiliert. Im Trockenen sind auch hier die Stopper vorzüglich. Vielleicht stimmt es ja, was KTM für sich reklamiert. Von Haus aus ist die 890 ein Einsitzer, unter der Sozius-Abdeckung findet sich praktischerweise die Batterie, falls mal Starthilfe nötig sein sollte, und der Anschluss für das Auslesen der Motorelektronik. Bei der 890 steckt man noch einen klassischen Schlüssel ins Schloss, ein TFT-Display hat es hier aber auch, in etwas abgespeckter Form. Beim Kraftstoffbedarf zeigt sich die 890 mit 5,1 Litern auf 100 Kilometer sehr genügsam. Hier fasst der Tank 14 Liter.

Schon weil sie rund 6140 Euro billiger ist, spricht im Vergleich viel für die 890er, man kann allerdings auch argumentieren, dass sich die 1290er schwerer und damit sicherer anfühlt. Für Fernreisen ist sie wohl besser geeignet, der Sozius sitzt bauartbedingt sehr hoch. Eine 1,65-Meter-Sozia sagte, sie habe schon schlechter gesessen. Generell mögen muss man das KTM-Design, das nicht jedem gefällt und gefallen will. Zum Spielen laden beide ein, mit der großen und starken fällt es ein wenig schwerer. Die schiere Leistung fasziniert bei beiden, sie muss freilich beherrscht werden, wofür beide dem Biker reichlich elektronische Helfer zur Seite stellen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmidt, Boris
Boris Schmidt
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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