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Foto: Sandra Schildwächter

Kein Schräubchen lockerte sich

Von LEONHARD KAZALA
Foto: Sandra Schildwächter

23.06.2020 · Bücker? Nie gehört? Die Geschichte der Motorräder aus Oberursel ist eine von großen Erfolgen. Doch dann kam das Goggomobil.

Die „Lady“ residiert in der Wetterau, einem schönen, nach dem Flüsschen Wetter benannten Landstrich nordöstlich von Frankfurt. Die alte Dame ist einzigartig, weil es sie in derartiger Frische kaum ein zweites Mal geben dürfte in unserer modernen Motorwelt. Im Juni wird das 1930 in Oberursel gefertigte Motorrad der Marke Bücker 90 Jahre alt. Und es fährt immer noch, trotz der vielen Jahre, die es auf dem Buckel hat.

Dieter Schwarzhaupt hat die 600-Kubik-Maschine mit viel Geduld restauriert. So gut, dass die „Lady“, wie er sie liebevoll nennt, 2018 und 2019 für ein Jahr im Technikmuseum Sinsheim leihweise als Exponat stand und so quasi als Veteranin in den Adelsstand erhoben wurde. Alle Teile sind noch original, selbst der Lack auf den Felgen ist es. Dabei hatte der Vorbesitzer die Maschine, die zuvor viele Jahre als Gespann unterwegs war, nach dem Ausmisten einer Scheune beinahe zum „Lumpensammler“ gegeben. Doch statt bei einem dieser Spezialisten für gebrauchte Waren – man würde heute von Recycling reden – zu landen, kam die 600er zu Schwarzhaupt, der sie 1967 für 260 D-Mark erwarb. Inzwischen zählt das schmucke Zweirad mit dem verchromten Tank und der Dreigang-Handschaltung zu den wenigen Motorrädern der Marke Bücker, die noch eine Zulassung für den Straßenverkehr haben.

1000-Kubik-Bücker, die langsamere Version mit seitlichen Ventilen.
1000-Kubik-Bücker, die langsamere Version mit seitlichen Ventilen. Foto: Motorworld by V. Sheyanov

Rund 30 Bücker-Maschinen, so schätzt Bruno Schmück, der Vorsitzende des Fanclubs „Bücker-Freunde“ in Maintal, sind weltweit noch in einem fahrfertigen Zustand und auch zugelassen. Schmück ist Sammler und verwaltet das Bücker-Firmenarchiv. Er verfügt selbst über sechs Motorräder dieser seltenen Marke. Nur eines davon ist zugelassen. Der Aufwand, ein so altes Motorrad auf die Straße zu bringen, sei einfach zu groß, erklärt Bücker-Kenner Schmück. Derzeit läuft bei ihm noch eine 200er mit einem Columbus-Motor, der ebenfalls in Oberursel gefertigt worden war. Zwei bis drei Tage, sagt Schmück, brauche er, um so ein Motorrad nach der Winterpause wieder fahrbereit zu haben.

Das geht auch Schwarzhaupt so. Seine „Lady“ benötigt viel Zuneigung und eine genau einstudierte Startzeremonie, bevor der Funke im mit seitlich liegenden Ventilen ausgestatteten Eintopf überspringt. Läuft die alte Dame mal, beglückt sie ihren Besitzer mit einem eher rustikalen

Sound. „Naja“, sagt Schwarzhaupt, „sie klingt schon wie ein Trecker.“ Aber sie läuft. Und dies so gut, dass ihr Besitzer sie zu regelmäßigen Ausfahrten nutzt.

Männer der ersten Stunde: Bücker-Belegschaft im Jahr 1922 oder 1923. Links im Bild Gründer Franz Bücker.
Männer der ersten Stunde: Bücker-Belegschaft im Jahr 1922 oder 1923. Links im Bild Gründer Franz Bücker. Foto: Archiv Bruno Schmück

Bücker war in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und auch danach so etwas wie ein Boutique-Betrieb für anspruchsvolle und robuste Zweiräder. 1922 hatte Franz Bücker in Oberursel den Betrieb „Zur Herstellung und Instandsetzung von Zweiradfahrzeugen“ gegründet. Die kleine Stadt im Taunus hatte Bücker während seiner Militärzeit kennengelernt, als er in der Oberurseler Motorenfabrik, wo von 1913 an Gnome-Umlaufmotoren für Flugzeuge gebaut und gewartet wurden, arbeitete. Erstmals in Kontakt mit dem Zweiradbau war er nach dem Ersten Weltkrieg gekommen, als er in der Uelzener Maschinenfabrik Otto Racke an Konstruktion und Produktion eines Leichtmotorrads namens „Raakete“ beteiligt war.

Da er in Oberursel auch seine Frau kennenlernte, machte Bücker den Schritt nach Hessen und in die Selbständigkeit. Gebaut wurde zunächst in einer ehemaligen Scheune einer Schlosserei ein Leichtmotorrad mit der Bezeichnung „Falke“. Der kleine Raubvogel kam gut an; Bücker freute sich über einen Großauftrag und baute 500 dieser Maschinen mit Cockerell-Motor für einen Frankfurter Händler. Der Grundstein für eine spätere Produktion größerer, leistungsfähigerer Maschinen war gelegt.

Schmuckstück: Bruno Schmück, Bücker-Experte und Bewahrer des Firmenarchivs, mit einem seiner Sammlerstücke, einer hervorragend erhaltenen Rennmaschine.
Schmuckstück: Bruno Schmück, Bücker-Experte und Bewahrer des Firmenarchivs, mit einem seiner Sammlerstücke, einer hervorragend erhaltenen Rennmaschine. Foto: Sandra Schildwächter

Gemeinsam mit seinem Schwager Karl Raufenbarth baute er sein Sortiment Schritt für Schritt aus und erwarb sich dabei den Ruf einer Motorrad-Manufaktur für den anspruchsvollen und sportlichen Fahrer. 


„Man konnte zu Bücker gehen und sich sein ganz eigenes Motorrad zusammenstellen.“
BRUNO SCHMÜCK

Hochwertige Fahrwerke, gute Bremsen und leistungsfähige Einbaumotoren wie die Triebwerke des englischen Herstellers JAP begründeten einen exzellenten Ruf von Bücker. So wurde in Oberursel 1927 eine 500er mit Columbus-Motor gebaut, die in direkter Konkurrenz zu der 500er des im benachbarten Bad Homburg beheimateten Herstellers Horex stand. Drei Jahre zuvor hatte Bücker die Konkurrenz aus der Kurstadt sogar mit dem 250er-Motor beliefert – ein robustes und mit fünf Pferdestärken für damalige Begriffe starkes Aggregat, das auch im Motorsport eingesetzt werden konnte.

Bücker und Raufenbarth waren selbst erfolgreiche Rennfahrer. Ihre Zweiräder waren so etwas wie die Haute Couture des Motorradbaus – schick, leistungsfähig und teuer. Höhepunkt der Vorkriegsproduktion war die 1000er, mit einem JAP-Zweizylindermotor 1930 das schnellste und teuerste Motorrad Deutschlands. 75 PS und 170 Kilometer in der Stunde Topspeed – das hatte in Deutschland sonst niemand zu bieten. Der Einbau der englischen Aggregate war mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus allerdings nicht mehr möglich, und der Krieg stoppte die Motorradfertigung.

Detail eines Motorrades der Marke Bücker.
Detail eines Motorrades der Marke Bücker. Foto: Sandra Schildwächter

Immerhin konnte Bücker die Produktion im Oberurseler Werk nach dem Krieg wiederaufnehmen, baute nun hauptsächlich Zweitakter. Die Marke fiel schnell wieder durch Erfolge auf. So gewann der Frankfurter Friedel Schön 1949 die deutsche Straßenmeisterschaft auf einer 250er-Bücker-Rennmaschine, die Sammler Schmück mit Originalteilen nachgebaut hat. Sportlich erfolgreich waren die Bückers auch unterwegs, weil Franz Walz, Schwiegersohn des Firmengründers, gemeinsam mit Raufenbarth bei den großen Zuverlässigkeitsfahrten die Titel reihenweise einheimste. „Kein Schräubchen lockerte sich“, erzählte Raufenbarth der Presse nach dem Sieg bei einer Deutschlandfahrt über sein Fahrzeug. „Es zeigte sich, welche Maschine gute Bremsen hatte. Die meisten Fahrer mussten mit ihren Schuhabsätzen stoppen, weil ihre Kradbremsen heißgelaufen waren.“ So steht es in Unterlagen des Vortaunus Museums in Oberursel zu lesen.

Später konzentrierte sich die Bücker-Produktion auf die Zweitakter der Marke ILO. Nach ihr benannt sind die Modelle Ilona 1 und Ilona 2, beides 250er, die eine mit einem Einzylinder, die andere mit einem Zweizylinder-Aggregat. Das Zweizylinder-Modell kostete in der besser ausgestatteten Export-Version fast 2000 Mark – ein damals stattlicher Preis. Es gab sogar eine kleine Liste mit Sonderausstattung: Rote Emaillierung kostete 40 Mark, Sozius-Fußrasten schlugen mit 6 Mark zu Buche, ein Sozius-Schwingsattel war für 30 Mark erhältlich. „Passende Rennkissen und Alu-Sportbügel lieferbar“, stand noch auf der kurzen Preisliste zu lesen. So viel Sportlichkeit musste sein.

Der Sammler Bruno Schmück hat zahlreiche Motorräder der Marke Bücker.
Der Sammler Bruno Schmück hat zahlreiche Motorräder der Marke Bücker. Foto: Sandra Schildwächter

„Man bekam für den Preis einer Bücker damals auch schon ein Auto.“
BRUNO SCHMÜCK

Im aufkommenden Wirtschaftswunder hatten die Bücker-Motorräder gegen die Automobile der Nachkriegszeit keine Chance. Man reiste lieber mit einem Dach über dem Kopf. Bücker übernahm eine Vertretung des Herstellers Glas und verkaufte Goggomobile. Später wurde er für Ford Haupthändler in der Region. Die Bücker-Zweiräder waren Geschichte. „Man bekam für den Preis einer Bücker damals auch schon ein Auto“, erzählt Schmück, der schätzt, dass noch 150 Bückers bei Sammlern stehen. 14 Maschinen sind in Oberursel in den Ausstellungsräumen der Schreinerei Kunz zu sehen. Die Erbin des Zweirad-Fuhrparks, Bückers Enkelin Ursula Krieger-Kunz, konnte sich einfach von den schönen Stücken nicht trennen. Nun stehen die Maschinen nur einen Steinwurf von der Stelle entfernt, an der sie einmal gebaut wurden. Wo damals die Fertigungshallen standen, gibt es heute einen Supermarkt. Auf dessen Parkplatz erinnert eine Gedenktafel daran, dass hier einmal Motorräder gebaut wurden. 

23.06.2020
Quelle: F.A.S.

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