Neues von Harley-Davidson

Mächtig Wirbel

Von Walter Wille
02.03.2021
, 15:02
Fahrräder, Elektro, Gelände: Harley-Davidson baut neuerdings nicht mehr nur schwere, wummernde Zweizylinder-Maschinen. Und mit der Pan America will das Unternehmen nun auch in der Königsklasse des Motorradbaus mitmischen.

Dass sie mal mit Fahrrädern handeln würden, hätten sich Matthias Meier und Thomas Trapp, Harley-Männer durch und durch, vor kurzem kaum vorstellen können. Aber jetzt ist es so weit. Da stehen in ihren Motorrad-Tempeln neben Fat Boy und Road Glide demnächst – Fahrräder. Komische Vorstellung. Aber sie finden’s gut und haben schon Ideen, wie sie der Sache Schwung verleihen.

Ja, Harley-Davidson, die Supermacht des Hubraums, baut nicht mehr nur schwere, wummernde, bebende Zweizylinder-Maschinen. Im vergangenen Jahr kam, erstaunlich, das Elektromotorrad Livewire auf den Markt, nun folgen, genauso erstaunlich, E-Bikes. Korrekterweise muss von E-Bikes der Marke „Serial 1 Cycle Company, powered by Harley-Davidson“ gesprochen werden. Es handelt sich um ein separates Unternehmen, das aus Harley-Davidson hervorgegangen ist.

Die Entwicklung elektrischer Fahrräder war innerhalb der Motor Company in Gang gesetzt, dann aber in die Neugründung Serial 1 ausgelagert worden. Beteiligte Harley-Konstrukteure und -Führungskräfte wechselten dorthin, Fahrradfachleute wurden hinzugeholt. Harley-Davidson ist Anteilseigner von Serial 1.

Der Firmenname bezieht sich auf die erste Harley von 1903, „Serial Number One“ genannt. Deren Aussehen griffen die Fahrradentwickler mit ihrem (am Fuß dieser Seite abgebildeten) Prototyp auf, der Aufsehen erregte: schwarzer Rahmen, weiße Reifen, brauner Sattel, pure Nostalgie. Die nun vor der Markteinführung stehenden Serienräder wirken gewöhnlicher, doch wird mit diversen Details an den 25-km/h-E-Bikes ein Bezug zur Motorradwelt hergestellt. Mit der beleuchteten Ziffer 1 am Lenkkopf etwa oder dem doppelten, in den Rahmen integrierten Rücklicht. In Anlehnung an die starren Fahrwerke der Altvorderen wird auf eine Federung verzichtet und stattdessen darauf vertraut, dass die Ballonreifen von Schwalbe einen gewissen Fahrkomfort gewährleisten. Im Sinne eines tiefen Schwerpunkts wird der herausnehmbare Akku weit unten im Alurahmen nahe der Kurbel plaziert, weshalb er eine V-Form hat. Entfernt erinnert das an einen V-Motor.

Für Trapp und Meier sind E-Bikes im Grunde Kleinkram. „Wir machen das mit, weil wir Lust darauf haben.“ Ihre Harley Factory Group mit vier Standorten in Frankfurt, Hannover, Wetzlar und Wiesbaden zählt zu den größten Händlern Europas. Fahrräder? Kaum Marge, kein großes Geschäft. Doch schätzen sie den Marketing-Aspekt hoch ein. Einen „Riesenzulauf“ registrierten sie, als sie jetzt für wenige Tage die ersten Vorführräder zur Verfügung hatten: „Die Harley-Fans springen drauf an.“

Fuß in eine Harley-Davidson-Ausstellungshalle gesetzt

Weil sie genau wissen, worauf Harley-Fans noch so anspringen, schaffen Trapp und Meier schon die Voraussetzungen fürs Fahrrad-Customizing. Umbauen und Individualisieren sind seit jeher unverzichtbarer Bestandteil der Harley-Kultur. Bei Brooks wurde eine Ladung brauner Ledersättel geordert, dazu Ledergriffe, Austauschlenker, Oldschool-Lampen-, -Klingeln, -Pedale. In Eigenregie wollen die beiden Inhaber der Factory Group eine E-Bike-Sonderserie im Stil des bezaubernden Prototyps auflegen.

Was in ihren Überlegungen zudem eine Rolle spielt, ist die Aussicht, dass die E-Bikes neue Kundschaft anlocken, Leute, die ansonsten niemals auf die Idee kämen, einen Fuß in eine Harley-Davidson-Ausstellungshalle zu setzen. Für 2022 wird mit der Vorstellung weiterer Elektro-Zweiräder aus Milwaukee gerechnet, irgendetwas in der Mitte zwischen der 33.000 Euro kostenden Livewire und den E-Bikes. Den meisten anderen Motorradherstellern sind die Amerikaner in Elektrodingen zurzeit weit voraus.

Vorwiegend im Online-Vertrieb

Die E-Bikes werden zunächst ausschließlich in den Vereinigten Staaten und in Deutschland angeboten, vorwiegend im Online-Vertrieb. Von den 67 Harley-Händlern in Deutschland nehmen weniger als 20 die Serial-1-Fahrräder ins Programm auf. Drei Versionen sind es zu Beginn, das puristische Mosh Cty für 3500 Euro sowie das üppiger ausgestattete Alltagsrad Rush Cty, wahlweise mit hohem oder niedrigem Durchstieg, für 4700 oder 4600 Euro. Der Preisunterschied erklärt sich aus einer Batterie mit 706 statt 529 Wh.

Allen Versionen wird ein Brose-S-Mag-Mittelmotor eingebaut, der 250 Watt Leistung und 90 Nm Drehmoment bietet. Der Antrieb erfolgt über einen Gates-Karbon-Zahnriemen. Während das Mosh als Single Speed mit einer Übersetzungsstufe auskommen muss, arbeitet im teureren Rush ein Enviolo-Automatikgetriebe. Schutzbleche, Gepäckträger vorne und hinten, hochwertigere Bremsanlage sowie ein kleines, abschließbares Staufach im Rahmen sind weitere Vorzüge des Rush. Ein 45 km/h schnelles S-Pedelec soll im Laufe des Jahres nachrücken. Davon versprechen sich Trapp und Meier besonders viel.

Harley als eine Alternative zum Pferd

Erst recht gilt das für Harley-Davidsons spektakulärste Neuheit seit der Livewire: die Pan America 1250. Mit dieser Maschine entfernt sich das Unternehmen so weit von seinem Markenkern wie das Marsmobil Perseverance vom Planeten Erde. Es handelt sich um ein „Adventure Touring Bike“, eine mächtige Reiseenduro. Als das Unternehmen am vergangenen Montag das auch für ernsthaftes Offroad-Gewühl konzipierte Motorrad in seinen technischen Einzelheiten vorstellte, grub es ganz tief in seiner Geschichte, um irgendwie einen historischen Bezug herzustellen. Es wurde fündig in der Ära, als eine Harley eine Alternative zum Pferd darstellte, als Nordamerika noch nicht asphaltiert und daher jedes Motorrad gewissermaßen ein Geländemotorrad war. Auch die Verwendung zahlreicher Harleys im Zweiten Weltkrieg wurde als Nachweis für Kompetenzen im „Adventure Touring“ aufgeführt.

Wie dem auch sei, mit der Pan America begibt sich Harley in die Königsklasse des Motorradbaus. Dorthin, wo der Konkurrenzkampf nicht härter sein könnte, wo die ziemlich perfekte GS von BMW das Zepter schwingt und auch Ducati, Honda, KTM, Triumph Jahr für Jahr technisch hochrüsten. Ausgerechnet dort will plötzlich Harley-Davidson mitmischen, nach Jahrzehnten des Spezialisierens auf Chopper, Cruiser und Klassiktourer. Aber in einem Land, das Adventure Touring auf dem Mars betreibt, traut man sich das zu. Nebenbei bemerkt: Mit Jochen Zeitz als Präsident und CEO ist mittlerweile ein Deutscher der Boss in Milwaukee.

Robust amerikanisches Design

Das Projekt Pan America indes wurde weit vor Zeitz’ Amtübernahme begonnen. Am Ende verzögerte es sich beträchtlich, was wohl ein Glück war, weil die Öffentlichkeit Zeit gewann, sich an den Anblick des Motorrads zu gewöhnen. Als erste Fotos veröffentlicht wurden, waren manche erschrocken, andere entsetzt und Dritte belustigt. Wir zählten dazu. Aber nach und nach begannen sich viele mit der eigenwilligen Frontpartie und ihrem liegenden Rechteckscheinwerfer erst abzufinden, dann anzufreunden und schließlich sogar Gefallen daran zu finden. Wir zählen dazu. Es ist ein robust amerikanisches Design, eigenständig, markant wie das eines Jeeps.

Der rundum neue 1252-Kubik-V-Zweizylinder mit 60 Grad Zylinderwinkel, Wasserkühlung und variabler Ventilsteuerung liefert 152 PS bei 8750 Umdrehungen und 128 Nm bei 6750/min. Ein derart hochdrehendes Sporttriebwerk gab es noch nie in der Harley-Historie, damit dürfte die Pan America höchst konkurrenzfähig sein, ebenso wie mit ihrem moderaten Gewicht von 245 Kilo (258 Kilo im Fall der besser ausgestatteten Special-Variante), den Preisen von 16.500 und 18.500 Euro, ihrer Opulenz an Elektronik, Assistenz und Infotainment. Mit Ausnahme eines Schaltassistenten für kupplungslose Gangwechsel und eines radargestützten Abstandstempomaten ist alles verfügbar.

Optional ist sogar ein elektronisch regelndes Fahrwerk erhältlich, das die Maschine beim Anhalten automatisch einige Zentimeter absenken und beim Losfahren wieder anheben kann – ein Novum. Das verschafft vor allem kleingewachsenen Personen Vertrauen und einen sicherer Stand. Das Angebot an Ausstattung, Sonderzubehör und Bekleidung ist von Anfang an umfassend.

Thomas Trapp findet die Pan America „sensationell“. Er freut sich auf „neue Gesichter“ in den Läden. Die Stammkundschaft, weiß er, ist ohnehin treu. Aber die wird halt nicht jünger. Die Zeit lässt sich nicht anhalten. Und deshalb ist das mit den Fahrrädern, den künftigen Elektrofahrzeugen und der Pan America wahrscheinlich nicht verkehrt.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Wille, Walter
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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