Peugeot und Renault

Der Raum ist das Ziel

Von Wolfgang Peters
22.02.2021
, 16:42
Der VW Bus hat als Fahrzeug für die größere Familie keine Alleinstellung mehr. Die Auswahl an Raum-Fahrzeugen ist groß. Erkenntnisse aus Begegnungen mit einem Peugeot und einem Renault.

Auf der Suche nach Raum auf Rädern für Familie oder Freizeit, einfach für die etwas üppigere Mobilität des privaten oder beruflichen Alltags landete über Jahrzehnte hinweg (fast) jeder bei Volkswagen. Kaum einer kam vorbei am käferartig-kultigen VW Transporter, der später als Bully oder Multivan vorfuhr, und schließlich in immer noblerem und teurerem Habitus als Volkswagen Multivan 6.1 seinen womöglich letzten großen Auftritt erlebte. In naher Zukunft ist wohl mit einem Nachfolger zu rechnen. Denn es haben immer mehr talentierte Konkurrenten aufgeholt mit pfiffigen Konzepten, starken Leistungen und vor allem mit der Freiheit des neuen Raums auf Rädern.

Fast alle Marken mit Großserien-Charakter führen diese räumlich großzügigeren Modelle im Programm. Es mangelt an einem Gattungsnamen für sie, deshalb etikettieren wir sie mit „Cabins“. Ihre Vorfahren waren nicht selten klapperige Kleinbusse; dann machten sich die von Amerika inspirierten Vans immer breiter. Bis diese von den noch immer haussierenden mehr oder weniger mächtigen SUV-Typen aus dem Markt gedrängt wurden. Nun treten die Cabins gegen diese einstigen SUV an, und wir glauben: Ihnen könnte jener Part des mobilen Lebens zuwachsen, dem die Freude an der Vernunft des Fahrens entspringt. Etwa ein Dutzend Typen mit diversen Modellen und Varianten bietet der deutsche Automarkt. Einige davon sind eng verwandte Geschwister verschiedener Marken, sind aufgrund von Kooperationen oder Konzern-Verwandtschaften auf gemeinsamen Plattformen unterwegs oder aus einer besonderen Verbindung hervorgegangen: Ihre Basis bilden die jungen Nutzfahrzeuge oder diverse Ableitungen gewerblich genutzter Mobile.

Allerdings haben diese Rechenstift-Konstruktionen auch Nachteile, und wie häufig melden sich da die Kunden mit ihren Ansprüchen zu Wort: Gewerbemobile müssen vor allem robust, am besten wartungsfrei für immer und für unterschiedlichste Einsätze nutzbar sein. Da war selten die Rede von Servolenkung und elektrischen Helferlein, Bedienungserleichterungen. Höhere Ansprüche bei passiver Sicherheit und Straßenlage oder elektronisch geregelten ABS-Verzögerungen hakte einst der Fuhrparkmann mit dem Rotstift in der Hand ab. Der Ort im Führerhaus galt noch immer als Arbeitsplatz.

Aber als die teure Elektronik für Fahrwerke und Bremsen billiger wurde, positionierten sich ABS, ESP und Airbags auch in den Nutzfahrzeugen. Vor allem auf Robustheit und lange Lebensdauer gepolte Motoren und Getriebe waren auch von Privatkunden als übertragene Nutzfahrzeug-Eigenschaften dankbar akzeptiert worden. Statt mit Kupplung und Schalthebel zu arbeiten, kümmerten sich Automatikschaltungen auf Nachfrage der neuen Kunden um den richtigen Gang. Mit neuen, wertvoller wirkenden und haptisch angenehmeren Materialien für die Innenausstattung und höherem Einsatz von Elektromotoren für Sitzverstellung, Fensterheber, Schließsysteme und Navigation/Entertainment wurden die früher karg ausstaffierten Gewerbemobile für den privaten Kunden attraktiver. Außerdem sorgte die Basis-Technik der Gewerbemobile für kraftstrotzende, leiser laufende und noch sparsamere Dieselmotoren, dank direkter Einspritzung und Abgasturboladern. Für die Passagiere wanderten feiner und automatisch reagierende Klimaanlagen in die Ausstattungslisten. Zumal auch das Design gelernt hatte, die Nutzfahrzeuge ohne Preisgabe ihrer inneren Qualitäten attraktiver einzukleiden. Ein moderner Cabin musste nicht mehr nur dem sparsamen Handwerker gefallen, sondern durfte auch die Eltern der Kinderschar entzücken.

Damit waren die entscheidenden Schritte hin zu den privaten Kunden getan: Ihnen wurde ein Vernunft-Mobil geliefert, das großen Raum und sogar die Freude am Fahren vermittelte. Die Versprechen auf Robustheit und Qualität wurden dennoch immer besser eingelöst, und Verarbeitung sowie Materialqualität näherten sich schnell den gewohnten Standards der konventionellen Mittelklasse. So waren die neuen Cabins geboren, und unsere jüngsten Erfahrungen mit zwei Exemplaren aus großen Nutzfahrzeug-Familien machen Mut für die Zukunft.

Sensoren für eine feinere Lebensart

Französischen Marken wird nicht ohne Grund eine besonders pragmatische Einstellung zum Charakter ihrer Vehikel zugeschrieben. Aber dieser ist auch verbunden mit Sensoren für eine feinere Lebensart. Deshalb wollten wir zwei französische Exemplare der neuen Raum-Mobile, also vom Stamme der Cabins, besser kennenlernen. Schließlich prüften wir zwei Vehikel, die jeweils weitreichende Technik-Verwandtschaften in der Szene nachweisen konnten: Der Renault Trafic Grand Combi Energy dCi 170 EDC findet sich etwa zum Teil im Fiat Talento und im Nissan N200 wieder. Für den Peugeot Traveller BlueHDi 180 EAT 8 Allure gilt Ähnliches. Seine Herkunft aus dem PSA-Konzern sorgt für Technik-Geschwister durch Citroën Space Tourer und Opel Zafira Life. Der Renault kostet gut 45.000 Euro, der üppiger ausgestattete (Allure) Peugeot mit Extras gar 57 400 Euro. Die Basistarife liegen deutlich darunter.

Schon ein flüchtiger Blick auf die Steckbriefe zeigt: Verbindlich ist der Frontantrieb, gemeinsam sind kräftige Turbolader-Vierzylinder-Diesel mit direkter Einspritzung und zwei Liter Hubraum (Peugeot 177, Renault 170 PS) sowie üppigem Durchzugsvermögen dank 400 Newtonmeter bei 2000 Umdrehungen in der Minute beim Peugeot und 380 Nm bei 1500/min beim Renault. Jeder Motor knurrt nach seinem Kaltstart ein wenig herum, ermuntert die Nachbarn zum Aufstehen, schnurrt jedoch schon an der nächsten Ampel wie eine große, satte Katze. Wobei die großen Cabins als respektable Futterverwerter glänzen: Beide geben sich trotz fülliger Leergewichte von gut zwei Tonnen für 100 Kilometer im Durchschnitt mit sechs bis sieben Liter Diesel zufrieden, mit vollem Tank fahren sie bis zum nächsten Nachfüllstopp bei 130 km/h ungefähr 1000 Kilometer, zudem mit einer Reserve.

Der Peugeot lässt sich mit viel Gefühl für die Arbeitsweise seiner Achtgangautomatik auf unter sechs Liter bringen, der Renault wirkt mit seinem Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe bei der Leistungsabgabe einen Hauch aktiver und tritt fast schon agil auf. Etwas bedächtiger gibt sich der Peugeot, er hinterlässt auch den Eindruck eines insgesamt komfortableren Wesens, während der Renault mit seinen eher robusten und angriffslustigeren Fahreigenschaften punktet. Aufgrund ihrer gewerblichen Herkunft sind unterschiedlich üppige Achsabstände wählbar, das kommt den größeren Familien entgegen und führt zu heftigem Längenwachstum: So streckt sich der Peugeot bei einem Radstand von 3,28 Meter auf eine Gesamtlänge von fast fünf Meter, und der Renault wucherte in der Länge auf stattliche 5,40 Meter bei einem Achsabstand von beinahe dreieinhalb Meter.

Alles gute Voraussetzungen für den Team-Transport: Bequemer, nur leicht gebückter Einstieg führte bei dem von uns bewegten Peugeot zu sieben und beim Renault zu acht angenehmen Sitzplätzen. Angeboten werden zudem eine Vielzahl von Sitzkonfigurationen, und immer harrt reichlich Stauvolumen im Heck. Allerdings scheinen die Fortschritte zur Variabilität des Innenraums nur teilweise bei diesen Vehikeln angekommen zu sein: Rückenlehnen lassen sich klappen, manche Sitze auch in geringem Umfang verschieben. Aber wer häufiger Sperrgut statt Schwiegermütter transportieren will, sollte sich zuvor mit einem oder zwei kräftigen Helfern dem Aus- und Einbau gewidmet haben. Alle Sitze sind keine Leichtgewichte, was verständlich ist, haben sie doch mit den Gurten auch eine Sicherheitsfunktion.

Mit den großzügigen Abmessungen gehen natürlich mancherlei Nachteile einher: Peugeot und Renault passen nicht in handelsübliche Parkgaragen, und irgendwie stehen sie immer über, sowohl in der Länge als auch in der Breite. Deshalb bewegt sie der Fahrer auch sorgfältig und freut sich über gute Übersichtlichkeit mit riesigen Rückspiegeln. Nach einer gewissen Gewöhnung und der Übernahme des dicken Fells eines Omnibuschauffeurs steht dem ganz großen Familienausflug kaum mehr etwas im Wege. Wenn es das Virus erlaubt.

Quelle: F.A.S.
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