Bentley Bentayga

V8 statt W12

Von Boris Schmidt
Aktualisiert am 11.08.2020
 - 15:15
Gut vier Jahre nach seinem Marktstart überarbeitet Bentley den Bentayga.zur Bildergalerie
Nach vier Jahren Marktpräsenz überarbeitet Bentley das SUV Bentayga. Innen wird alles noch feiner, das Heck wurde komplett umgestaltet. Der angekündigte Plug-in-Hybrid soll der sparsamste Bentley aller Zeiten werden.

Auch Luxus kommt in die Jahre. Gut vier Jahre nach seinem Marktstart im Frühjahr 2016 überarbeitet Bentley sein riesiges SUV, den 5,14 Meter langen Bentayga. Spötter sehen in ihm zwar nur einen aufgemotzten Audi Q7 oder Porsche Cayenne, doch dem Erfolg tut das keinen Abbruch. Mehr als 20.000 der Dickschiffe sind seit 2016 in der Welt verkauft werden, das ist viel mehr, als man erwartet hatte. Und natürlich hat ein Bentley einen mehr als eigenständigen Auftritt, jetzt erst recht, nachdem er intensiv überarbeitet wurde. Im Innenraum erkennt man eigentlich nur im Infotainment-System die Verwandtschaft zu anderen Modellen aus dem VW-Konzern.

Nun, von Herbst an, wird das Innere noch vornehmer gestaltet. Es gibt neue Sitze, mehr Platz und die Möglichkeit, auch die Rückbank mit einer Sitzventilation zu versehen. Das Infotainment-System ist komplett neu, Apple Car Play ist dabei und Android Auto, jeder Bentayga hat fortan eine eigene Sim-Karte für den Zugang ins Netz. Dargestellt wird alles auf einem neuen, 10,9 Zoll großen Monitor in der Mittelkonsole. Zwei verschiedene Audio-System stehen zur Wahl. Wie es sich 2020 auch in einem Bentley geziemt, werden die Instrumente virtuell, aber schön klassisch dargestellt.

Verändert wurde zudem das Äußere, in der Front sind die Scheinwerfer jetzt leicht oval, der neue, mächtige Grill steht sehr aufrecht. Umfangreicher umgestaltet wurde das Heck. Es kommt jetzt zugegeben luftiger und viel weniger plump daher, die Rückleuchten sind nun kleiner und elliptisch wie im Bentley GT, das Nummernschild ist nach unten in den Stoßfänger gerückt. Hinter die elektrisch nach oben schwingende Klappe warten rechnerisch 484 Liter Gepäckraumvolumen auf die nächste große Reise. Es sei denn, man ordert eine dritte Sitzreihe, die sehr wohl angeboten wird. Sie kostet 3382 Euro. Es gibt außerdem eine viersitzige Variante, doch die deutschen Kunden belassen es zu 90 Prozent bei der Rückbank, schließlich sei der Bentayga ein „Familienwagen“, sagte man uns bei Bentley Frankfurt mit Sitz in Bad Homburg, als wir den V8 für 48 Stunden ausgeliehen haben.

Der Achtzylinder ist eine von drei Motorenoptionen, die angeboten werden. Das 4,0-Liter-Triebwerk, ursprünglich von Porsche, bietet satte 550 PS und ein maximales Drehmoment von 770 Newtonmeter. In der Spitze sind 290 km/h drin. Für ein 2,5 Tonnen schweres Gefährt mit einem zulässigem Gesamtgewicht von 3250 Kilogramm ist das ein beachtlicher Wert. Bentley spricht von einem sparsamen Motor und weist auf die Zylinder-Abschaltung hin - bei geringer Leistungsanforderung arbeiten nur vier Töpfe. Dennoch beträgt der Normverbrauch 13,3 Liter. Nach zwei Tagen und 500 gefahrenen Kilometern füllten wir 70 Liter in den 85-Liter-Tank. Ergo kamen wir auf 14,0 Liter im Schnitt. Getankt werden sollte Super-Plus-Benzin.

Die Erwartungen, die an ein mindestens 182.000 Euro teures Auto gestellt werden, erfüllt das große SUV durchaus. Ruhig gleitet es dahin, angetrieben werden beide Achsen, die Achtgang-Automatik schaltet sanft und kaum merklich. Getragen werden die 2,5 Tonnen von einem aufwendigen Fahrwerk mit Luftfederung und dem „Bentley Dynamic Ride System“ mit aktiver Fahrstabilitätskontrolle und Wankstabilisierung (Option). Die Schaltpaddel am Lenkrad erachten wir als überflüssig. Aber natürlich hat der Bentayga auch eine sportliche Seite. Es ist erstaunlich, wie leichtfüßig er sich auf engen, kurvigen Landstraßen bewegen lässt.

Neben dem V8 ist in Deutschland noch ein Plug-in-Hybrid (V6 mit drei Liter Hubraum plus E-Motor) im Angebot. Er wird als der sparsamste Bentley aller Zeiten angekündigt. Das Motoren-Duo von Audi, das erst seit Herbst 2019 zu haben war, wird künftig durch das Hybrid-System aus dem Porsche Cayenne ersetzt. Der Plug-in geht aber erst nach dem V8 in Produktion. Außerdem werden in den ersten drei Monaten nur V8 als „1st Edition“ produziert, wie gefahren. Bentley überrascht mit der Entscheidung, den W12-Motor mit seinen 608 PS aus 6,0 Liter Hubraum nicht mehr in Europa anzubieten. Auch nicht in Großbritannien. Warum man dem europäischen Kunden den großen Motor vorenthält, ist nicht ganz schlüssig. Bentley sagt, er stehe nur in Märkten zum Verkauf, in denen eine anhaltend hohe Nachfrage nach Zwölfzylinder-SUV gegeben sei, also in Amerika und im Nahen Osten. In Großbritannien und Europa gehe der Kundentrend viel mehr in Richtung kleinerer Motoren.

Geschichte ist ja inzwischen auch der erste (und letzte) Dieselmotor in einem Bentley. Dem 4,0-Liter-V8, der dasselbe Drehmoment wie der W12 bot (900 Newtonmeter), trauert der Handel heute noch nach. „Den fahren sie mit elf Liter,“ sagte man uns in Bad Homburg. Leider habe man den Selbstzünder aus politischen Gründen nach kurzer Zeit aus dem Programm nehmen müssen.

Die Preise für den Plug-in-Bentley stehen noch nicht fest, bisher kostet das Basismodell knapp 170.000 Euro. Der V8 als „1stEdition“ verlangt schon nach 229.709 Euro. Aber damit ist er immer noch rund 100.000 Euro günstiger als der Rolls-Royce Cullinan, der neben den Topmodellen des Range Rover der einzige direkte Konkurrent im Segment der Top-Luxus-SUV ist. Nicht zu vergessen den brandneuen Aston Martin DBX.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmidt, Boris
Boris Schmidt
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot