Probefahrt Rolls-Royce Ghost

Gespenstische Stille

Von Holger Appel
30.10.2020
, 16:31
Was Rolls-Royce so Einstiegsmodell nennt: Der neue Ghost ist länger und raffinierter. Rolls-Royce beherrscht die Kunst, bisherige Modelle nie alt aussehen zu lassen und doch frisch zu verführen.

Ganz neu ist unser Testwagen nicht, aber da geht es uns wie jedem anderen Käufer des erlauchten Kreises, und niemand wird sich beschweren über die Fürsorge: „Dieser Motorwagen ist von einem von Rolls-Royce autorisierten Testfahrer über eine Strecke von 1024 Kilometern persönlich geprüft worden“, vermeldet eine Plakette. Wer derlei überflüssig findet, hat nichts verstanden von dem Geist, der in diesem Unternehmen weht und sich im nun neuesten Modell wieder manifestiert.

Der Ghost ist der Einstieg in die Welt von Rolls-Royce. Es gibt ihn seit 2009, als sich die Briten nicht mehr allein auf ihren sündhaft teuren Phantom verlassen wollten. Es folgten Jahre der Rekordverkäufe, womit ein paar tausend Exemplare gemeint sind. Und es folgten Jahre finanziell feiner Auskömmlichkeit, wie Unternehmenschef Torsten Müller-Ötvös versichert, was den nicht selbstverständlichen Fortbestand im engen Luxuswagengeschäft sichert. Nach einer Auffrischung 2014 ist es an der Zeit für einen Neubeginn. Rolls-Royce muss die Kunst beherrschen, bisherige Modelle nie alt aussehen zu lassen und doch frisch zu verführen.

Sie haben sich für eine Aluminiumkarosserie und ein bemerkenswertes Längenwachstum entschieden. Der neue Ghost misst, man sieht ihm das dank der ruhigen Hand der Designer kaum an, stolze 5,54 Meter. Die Version mit langem Radstand streckt sich gar auf 5,72 Meter. Die Eleganz reicht bis in den hinterleuchteten Grill und die nun wie ein Solitär in der Haube stehende Spirit of Ecstasy, allein die Rücklichter wirken etwas fad.

Innen sorgt das Format für fürstliche Raumverhältnisse, obgleich der Ghost eigentlich einer für Selbstfahrer ist. Designer wie Ingenieure bauen nicht einfach ein Auto, sie erschaffen raffinierte Technik und heimelige Atmosphäre. Der seitliche Scheibenrahmen steht am Dach genau um die Breite eines aufzufangenden Regentropfens ab. In den Türen wachen Sensoren über die Lage des Fahrzeugs und steuern passgenau die Kraft der die Portale öffnenden und schließenden Elektromotoren. Zwei Kameras melden Löcher voraus an das sich darauf einstellende Fahrwerk, und weil das allein nicht genügt, dämpft ein Dämpfer den Dämpfer. Das Einzige, was dann noch aufgeworfen wird, ist die Frage: „Waren nicht gestern Wellen in der Straße?“

Stille und Stil sind beständige Begleiter, dazu passt der 6,75 Liter-V12 mit souveränen 571 PS und 850 Nm. Für Sicherheit und relative Handlichkeit sorgen Allradantrieb und Hinterachslenkung. Mit 16 Prozent Mehrwertsteuer schwebt der Ghost ab 290.000 Euro ein, die lange Version ab 326.000 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Appel, Frank-Holger (hap.)
Holger Appel
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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