Rennboot als Forschungsschiff

Sauber um die Welt

Von Martina Göres
28.05.2019
, 10:18
Ein ehemaliger Rennkatamaran dient als Forschungsschiff für umweltfreundliche Antriebe. Es ist das erste Boot, das nur mit Energie aus Sonne, Wind und selbsterzeugtem Wasserstoff unterwegs ist.
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Dieses Boot erlebt eine faszinierende zweite Karriere: Vor 25 Jahren gewann die „Enza New Zealand“ die Jules-Verne-Trophy. Der Neuseeländer Sir Peter Blake und der in London geborene Sir Robin Knox-Johnston schafften die Nonstop-Weltumsegelung in der damaligen Rekordzeit von 74 Tagen, 22 Stunden, 17 Minuten und 22 Sekunden. Heute trägt das ehemalige Rennsegelboot den Namen „Energy Observer“ und ist das erste Boot, das nur mit Energie aus Sonne, Wind und selbsterzeugtem Wasserstoff unterwegs ist und somit weder Treibhausgase noch Feinstaub emittiert. Mit seiner französischen Crew befindet sich der umgebaute Katamaran auf einer sechs Jahre währenden Reise rund um den Globus. In 101 Häfen in 50 Ländern wird das private Forschungsschiff unter der Leitung des ehemaligen Regattaseglers Victorien Errusard und des Dokumentarfilmers und passionierten Tauchers Jérôme Delafosse anlegen.

Die beiden engagierten Klimabotschafter verfolgen mit ihrer „Odyssee für die Zukunft“ eine Mission. Sie wollen das Potential erneuerbarer Energiequellen und -speicher aufzeigen und beweisen, dass nachhaltiges Reisen schon heute möglich ist. Die „Energy Observer“ sei ein Modell künftiger Mobilität, sagt Skipper Errusard. Sie liefere Anstöße und Lösungen, wie Energie aus der Natur nachhaltig und verträglich gewonnen werden könne. Gleichzeitig diene sie der Erprobung von Technologien, die für Energienetze der Zukunft in größerem Maßstab angewandt werden könnten.

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Gebaut wurde der Katamaran 1983 in Kanada für Hochseerennen. Ursprünglich 24,38 Meter lang, wurde die „Formule Tag“, wie das Boot zunächst hieß, viermal verlängert. Heute ist das Schiff 30,50 Meter lang und 12,80 Meter breit. Nach einer erfolgreichen Rennkarriere, unter anderem als „Enza New Zealand“, „Royal & Sun Alliance“, „Team Legato“ oder „Daedalus“, fährt es heute als schwimmendes Labor der erneuerbaren Energien.

Beeindruckt von dem Erlebnis eines totalen Stromausfalls inmitten des Atlantiks, wo er sich umgeben von enormen Mengen an Windkraft und Sonnenenergie sah, die er allesamt nicht nutzen konnte, entwickelte Errusard 2013 die Idee eines autarken Boots, das zudem schadstofffrei und klimaneutral unterwegs sein sollte. Unterstützung fand der im bretonischen Saint-Malo geborene Segler, der unter anderem einmal an der Route du Rhum und viermal an der Regatta Transat Jacques Vabre teilgenommen hat, durch den professionellen Taucher, Fotografen und Buchautor Jérôme Delafosse, den jetzigen Expeditionsleiter des Projekts. Rund sechs Millionen Euro kosteten der Umbau des ehemaligen Rennkatamarans und seine technische Ausstattung, die Projektkosten belaufen sich auf weitere drei Millionen Euro jährlich. Zahlreiche Partner unterstützen die „Energy Observer“ auf ihrer Reise. Auch der japanische Automobilhersteller Toyota, der mit der elektrisch angetriebenen Mittelklasselimousine Mirai einen der wenigen in Deutschland erhältlichen Personenwagen produziert, der die Energie aus einer Brennstoffzelle bezieht, ist Sponsor.

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Wasserstoff aus Meerwasser gewinnen

Auf fossile Treibstoffe wird vollständig verzichtet. 168 Quadratmeter Solarmodule bedecken nahezu die gesamte Schiffsoberfläche und liefern den Strom für zwei Elektromotoren. Ist genügend Wind vorhanden, dienen beim Segeln die Elektromotoren als Generatoren, der dabei erzeugte Strom wird in zwei 400-Volt-Lithium-Ionen-Batterien gespeichert. Die dritte Energiequelle ist Wasserstoff. Als angeblich erstes Schiff der Welt kann die „Energy Observer“ dank erneuerbarer Energien Wasserstoff aus Meerwasser gewinnen.

Hierfür wird das Seewasser gereinigt, entsalzt und elektrolysiert. Die Wasserstoffmoleküle werden in ihre zwei Bestandteile Sauerstoff und Wasserstoff aufgespalten. Während der Sauerstoff freigesetzt wird, speichert die Crew den Wasserstoff als komprimiertes Gas bei einem Druck von 350 bar. Bis zu 62 Kilogramm Wasserstoff können in den acht aus Aluminium und Kohlefaser gefertigten Tanks gespeichert und für den Betrieb der an Bord befindlichen Brennstoffzelle genutzt werden. Darin wird der Wasserstoff in Strom (22 kW) und Wärme (80 Grad Celsius) umgewandelt. Ein komplexes Computersystem steuert den bestmöglichen Einsatz der Energiequellen.

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Zu 100 Prozent automatisiert

Während ihrer Weltumsegelung erprobt und optimiert die Crew ständig neue Technologien; was nicht zufriedenstellend funktioniert, wird ausgetauscht. So wurden die zwei vertikalachsigen Windturbinen, die sich bis April dieses Jahres auf den beiden Schwimmern des Katamarans befanden, kürzlich durch zwei zwölf Meter hohe Flügel-Segel, sogenannte Ocean Wings, ersetzt. Sie wurden vom französischen Konstruktionsbüro VPLP entworfen und sind zweimal so effektiv wie herkömmliche Segel. Die Flügel mit einer Fläche von jeweils 31,5 Quadratmetern sind selbsttragend, zu 100 Prozent automatisiert, und sie können um 360 Grad gedreht werden.

Die Ocean Wings senken den Energieverbrauch und erlauben gleichzeitig höhere Geschwindigkeiten des Schiffs, das mit durchschnittlich sieben Knoten unterwegs ist. Vor allem aber ermöglichen sie die Produktion von Energie und Wasserstoff während des Segelns. Zuvor konnte dies nur auf Zwischenstopps erfolgen, weil der an Bord produzierte Strom nicht für die Elektromotoren und die Elektrolyse gleichzeitig reichte. Die neue Technik könnte den Seeverkehr revolutionieren, meint die Mannschaft der „Energy Observer“.

Sechs bis zwölf Personen arbeiten ständig an Bord. Die helle Einrichtung unter Deck wirkt schick und modern, mittels großer Monitore werden alle technischen Systeme und Funktionen überwacht. Blitzsauber präsentiert sich die mit einigem Komfort ausgestattete Küche. Die vier Doppel- und zwei Einzelschlafkabinen sind freilich winzig – Privatsphäre ist auf der langen Reise sicher Mangelware.

Schon seit Juni 2017 ist die „Energy Observer“ unterwegs. Bis jetzt hat sie mehr als 11 000 Seemeilen zurückgelegt und 17 Länder besucht. Der Startschuss fiel in Saint-Malo, anschließend war sie im Mittelmeer unterwegs. Nach einem Halt in der Hamburger Hafencity – dem 36. Stopp der Reise – nimmt sie zurzeit Kurs auf Nordeuropa, segelt bis hinauf nach Spitzbergen, bevor sie im Oktober London erreichen will. Im nächsten Jahr geht es unter anderem nach Japan, wo ein Besuch der Olympischen Sommerspiele in Tokio vorgesehen ist.

Quelle: F.A.S.
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