Foto: The Enthusiast Network/Getty

Schnellster Kauz aller Zeiten

Von ULI BÖCKMANN
Foto: The Enthusiast Network/Getty

14. März 2022 · Älterer Mann mit alter Maschine: Vor 60 Jahren schrieb der ­Neuseeländer Burt Munro ­Rennsportgeschichte.

Herbert James Munro, von seinen Freunden nur „Burt“ gerufen, hatte einiges auf sich genommen, um im Jahr 1962 in die Große Salzwüste westlich von Salt Lake City zu kommen. Die wochenlange Überfahrt von Neuseeland in die USA quer über den Pazifik musste sich der Dreiundsechzigjährige mit seinen übersichtlichen Fähigkeiten als Koch auf einem Frachtdampfer verdienen, wobei er in der Kombüse nicht nur seine eigene Passage abarbeiten musste. Obendrauf kam noch die Frachtrechnung für sein Motorrad, eine alte Indian Scout aus dem Jahr 1920, die im Bauch des Schiffes mitreiste. 

In den Staaten angekommen, wartet noch ein langer Weg über Land auf ihn, gut 1100 Kilometer sind es von der Küste bis an die Bonneville Salt Flats. Burt kauft für 90 Dollar einen rostigen Nash-Kombi, sammelt sich auf einem Schrottplatz die Teile für den Bau eines Hängers zusammen und findet eine Werkstatt, in der man ihn dieses Werk selber verrichten lässt. So zieht er seine Indian dann tief ins Landesinnere und ist pünktlich zur „Speed Week“ vor Ort. Burt Munro wähnt sich am Ziel seiner Träume. 

Burt Munro und seine heißgeliebte Indian Scout aus dem Jahr 1920
Burt Munro und seine heißgeliebte Indian Scout aus dem Jahr 1920 Foto: The E Hayes Motorworks Collection

Schon seit 1949 treffen sich alljährlich im August die Speed-Freaks am ausgetrockneten Teil des Lake Bonneville, um auf der Salzebene auf die Jagd nach Geschwindigkeitsrekorden in allen Klassen zu gehen. Bei diesem Leistungsanspruch liegt es nahe, dass die bis an die Grenzen des Machbaren getunten Fahrzeuge stets dem neuesten Stand der Technik entsprechen, ihr oft genug sogar ein gutes Stück voraus sind. 

Größere Teams, die in ihren Trailer-Burgen mit bester Ausrüstung an ihren Hightech-Fahrzeugen schrauben, sind bei der Speed Week eher Regel als Ausnahme, das war auch vor 60 Jahren schon so. Deshalb sorgt der 63 Jahre alte Mann aus Neuseeland mit seinem Vorkriegs-Oldtimer und dem klapprigen Kombi im Fahrerlager gleichermaßen für Erheiterung wie Mitleid. Viele fragen sich, warum der rüstige Kiwi eine wochenlange Anreise auf sich nimmt, um sich hier mit einem Uralt-Motorrad aus der Pionierzeit lächerlich zu machen. Warum tut man sich so etwas an? Um das zu verstehen, müssen wir einen Blick zurückwerfen. 

1899 geboren, war Munro in Edendale in der Nähe von Invercargill aufgewachsen, einer kleinen neuseeländischen Idylle am südlichsten Ende der beiden großen Inseln. Seine Kindheit verbrachte er auf einer Farm und lernte schon in jungen Jahren all das Handwerk, das dort vor gut hundert Jahren gebraucht wurde – und mehr. Denn in dem jungen Herbert James erwachte früh auch eine Leidenschaft für Motorräder, was wohl vor allem seinen vielen Ausflügen an den nahegelegenen Oreti Beach geschuldet war. Der 26 Kilometer lange und nahezu schnurgerade Sandstrand lockte damals schon Schnellfahrer an, die den Möglichkeiten ihrer Fahrzeuge auf den Zahn fühlen wollten. Der kleine Burt hockte in den Dünen, berauschte sich an den vorbeidonnernden Maschinen und träumte schon bald vom eigenen Motorrad. 

Ganze 15 ist er, als er sich im Jahr 1914 eine rund drei PS starke Douglas zulegt, danach macht er eine Clyno so schnell wie keine Clyno zuvor, zumindest nicht am Oreti Beach. Keine 21 ist er, als dann die Maschine seinen Weg kreuzt, die er zeitlebens modifizieren und die viele Jahrzehnte später seinen Ruhm begründen sollte: eine 1920 gebaute Indian Scout, das seinerzeit neueste Modell der amerikanischen Marke, mit seitengesteuertem 600er V-Twin, Fußkupplung, Handschaltung, etwa 10 PS stark und rund 55 mph (knapp 90 km/h) schnell. 

Mit dieser Indian tritt Munro bei Berg- und Straßenrennen an, doch die Leistung der Indian reicht nicht aus, um vorne mitzufahren. Und so beginnt er, dem V-Twin mehr Leben einzuhauchen, wobei er sich nicht mit Kleinigkeiten begnügt. Munro schmilzt mechanischen Schrott und alte Bleche ein und gießt daraus neue Pleuel und Kolben – im Sand am Strand. Tagsüber schuftet er auf der Farm, abends und nachts schraubt er an seiner Indian. Jahre geht das so. Und bleibt nicht ohne Folgen. 

Die Stromlinienverkleidung entstand in Handarbeit und war haargenau so breit wie unbedingt nötig.
Die Stromlinienverkleidung entstand in Handarbeit und war haargenau so breit wie unbedingt nötig. Foto: The Enthusiast Network/Getty
Die Stromlinienverkleidung entstand in Handarbeit und war haargenau so breit wie unbedingt nötig. Foto: The Enthusiast Network/Getty
Ausgestellte Bauteile lassen das Rennsportlerherz höher schlagen
Ausgestellte Bauteile lassen das Rennsportlerherz höher schlagen Foto: The E Hayes Motorworks Collection
Ausgestellte Bauteile lassen das Rennsportlerherz höher schlagen Foto: The E Hayes Motorworks Collection

Ende der Zwanzigerjahre rennt seine Scout schon 100 Meilen schnell, doch Burt Munro ist sicher, dass noch weit mehr im Motor steckt. So gehen zwei weitere Jahrzehnte ins Land, Munro arbeitet inzwischen als Verkäufer in einer Motorradhandlung und hat eine Familie gegründet, doch verbringt er nach wie vor viel Zeit mit seiner Indian. 1940 schraubt er den neuseeländischen Geschwindigkeitsrekord für Motorräder auf 120,8 mph, hat in dem Jahr aber einen schweren Unfall und kann lange nicht arbeiten, was ihn den Job kostet. 

Kurze Zeit später steht er nach seiner Scheidung dann auch noch alleine da, zieht zu seiner Indian in den Schuppen, und da ihn die Arbeit nun nicht mehr vom Schrauben abhält, vertieft er seine Fähigkeiten. Er experimentiert mit verschiedenen Legierungen, konstruiert komplett neue Zylinderköpfe, optimiert nahezu alle Motorenteile, selbst die Räder baut er selbst. Und die Scout wird immer schneller. 

1957 holt er sich bei den jährlichen Canterbury Speed Trials mit 132,38 mph (213 km/h) den neuseeländischen Strandrekord. Der V-Twin ist schon 37 Jahre alt, als der Munro dann auch noch eine Stromlinienverkleidung für das Motorrad konstruiert. Nun auch noch aerodynamisch optimiert, gehen der inzwischen „Munro Special“ genannten Indian in Neuseeland die Gegner aus, der V-Twin ist einfach zu schnell geworden für die lokalen Strecken und Strände. Will er den Motor vollständig ausreizen und obendrein eine offizielle Geschwindigkeitsmessung haben, muss er auf den Großen Salzsee auf der anderen Seite des Ozeans. Wie aber dorthin kommen, wenn man nahezu mittellos ist? 

Burt Munro und seine Indian Scout in selbstkonstruierter Stromlinienverkleidung
Burt Munro und seine Indian Scout in selbstkonstruierter Stromlinienverkleidung Foto: The E Hayes Motorworks Collection

Doch Munro ist in Motorsportkreisen längst eine nationale Größe. Und weil auch viele seiner motorradverrückten Freunde wissen wollten, wie schnell Burts Indian wirklich ist, starten sie eine Kollekte für seine Reisekasse. Die reicht am Ende zwar nicht, um ihm den Dienst in der Kombüse zu ersparen, doch kann er sich immerhin auf den Weg machen. 

Um dort angekommen dann ausgelacht zu werden. Und das nicht nur wegen seines Alters und seiner bemitleidenswerten Ausrüstung, damit hätte er wohl leben können. Doch gibt es weitaus größeres Problem: Munro hatte schlicht versäumt, sich anzumelden. In Neuseeland kamen die Fahrer am Tag des Rennens und schrieben sich vor Ort in die Starterliste ein, Munro kannte es nicht anders. Der Anmeldeschluss für die Speed Week jedoch lag schon Monate zurück. Und so wird ihm von den Offiziellen bedeutet, dass er den weiten Weg umsonst gemacht hat. Mal ganz abgesehen von den massiven Sicherheitsbedenken, die sich den technischen Kommissaren beim Anblick seiner Maschine aufdrängen. 

Doch Munro lässt nicht locker. Im Fahrerlager findet er Fürsprecher, die sich für ihn einsetzen, und so kann er den Veranstaltern wenigstens einen Probelauf abringen, bei dem er von einem schnellen Wagen begleitet wird. Man will einfach sehen, ob der kauzige Alte mit dem Motorrad wirklich umgehen kann und ob das kurz nach dem Ersten Weltkrieg gebaute Trumm nicht bei 50 Sachen auseinanderfällt. Bis etwa 110 mph kann der Wagen noch mithalten, dann dreht Burt das Gas auf und fliegt seinen Begleitern förmlich davon. 

„Was will der alte Mann mit dem Oldtimer hier?“ Als Burt Munro im Jahr 1962 erstmals bei der „Speed Week“ auftauchte, sorgte er für ungläubiges Staunen. Im rechten Bild ist der von ihm in Los Angeles selbstgebaute Hänger zu erkennen. Die „Munro Special“ entsprach in nahezu keinem Bauteil mehr dem Serienzustand von 1920 und war in jeder Hinsicht ergonomisch optimiert. Auf bzw. in der Indian Platz zu nehmen, verlangte Übung. Die kleinen Stützräder wurden vor dem Start entfernt. Fotos: The Enthusiast Network/Getty

Tief beeindruckt, erteilen die Offiziellen ihm tatsächlich eine Sonder-Starterlaubnis und lassen ihn für eine offizielle Geschwindigkeitsmessung zu. Schon bei seinem ersten Run wird Munro dann bei 178,95 mph (knapp 288 km/h) geblitzt – neuer Weltrekord in dieser Klasse! Über ihn und seinen Oldtimer macht sich danach niemand mehr lustig. 

Im Gegenteil. Denn als sich am Ende der Speed Week abzeichnet, dass Munros Reisekasse deutlich zu schmal ist, um ihn und seine Indian auch wieder nach Neuseeland zurückzubringen, wird auch am Salzsee für ihn gesammelt. Schnell kommt weit mehr als das Nötige zusammen, denn Burt war mit seiner „Munro Special“ tief in die Herzen der Speed-Community gerast. Dort ist er bis heute. 

Und wird wohl auch für immer dort bleiben, denn sein Weltrekord von 1962 sollte tatsächlich nur die erste Spur sein, die er ins Wüstensalz brannte. In Neuseeland inzwischen zum Volksheld aufgestiegen, tritt er mit seiner von ihm immer weiter verbesserten Indian insgesamt neun Mal auf dem großen Salzsee an und fährt drei Bestzeiten ein. Bei seiner letzten offiziellen Messung im Jahr 1967 stellt er im Alter von 68 Jahren auf seiner nunmehr 47 Jahre alten und dereinst mal 10 PS starken Indian Scout mit 184,08 mph (296,26 km/h) einen Weltrekord für benzinbetriebene Streamliner auf. Diese Marke hat bis heute Bestand. 

Auf der Zielgeraden: Burt Munro mit seiner Indian im Jahr 1977 im Garten der Familie Hayes, an die er die „Munro Special“ da schon verkauft hatte. Munro starb  wenige Monate später.
Auf der Zielgeraden: Burt Munro mit seiner Indian im Jahr 1977 im Garten der Familie Hayes, an die er die „Munro Special“ da schon verkauft hatte. Munro starb wenige Monate später. Foto: The E Hayes Motorworks Collection

Bis kurz vor seinem Tod schraubt Burt Munro in seiner schlichten Wohn-Werkstatt weiter an seinem Renner, wobei ihm zunehmend ein Herzleiden zu schaffen macht. Von einem Schlaganfall im Jahr 1977 erholt er sich dann nicht mehr und verkauft die „Munro Special“ an die Familie Hayes, die in Invercargill einen Baumarkt betreibt. Er kennt die Leute als leidenschaftliche Sammler und will seine Indian in guten Händen wissen, wenn er nicht mehr da ist. Am 6. Januar 1978 erliegt Herbert James „Burt“ Munro seinem Herzleiden. 

„The world’s fastest Indian“ ist heute hinter Plexiglas in einem Baumarkt zu bewundern, in dem Nachbau dahinter dürfen Besucher auch selbst Platz nehmen – falls sie hineinpassen.
„The world’s fastest Indian“ ist heute hinter Plexiglas in einem Baumarkt zu bewundern, in dem Nachbau dahinter dürfen Besucher auch selbst Platz nehmen – falls sie hineinpassen. Foto: The E Hayes Motorworks Collection

Seinem Leben hat man mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle ein filmisches Denkmal gesetzt („The World’s fastest Indian“, deutscher Titel „Mit Herz und Hand“), auch die „Munro Special“ kann man noch heute in Invercargill bewundern – im Baumarkt mit der Adresse 168 Dee Street. Zu den Ladenöffnungszeiten kommt man dort einem einzigartigen Meilenstein der Motorradgeschichte ganz nahe – gleich rechts hinter den Heckenscheren, umgeben von Kettensägen, Rasenmähern und Werkzeug. Burt Munro hätte das sicher gefallen.


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