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Kunstvolles aus Karachi

So werden Schrotthaufen zu farbenfrohen Fahrzeugen

Von Christoph Hein
 - 10:18
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Aus schlicht wird schick, aus Schrott wird Schön: Auf einem staubigen Industriehof am Rande der pakistanischen Wirtschaftsmetropole Karachi greifen Ali, Haider und die anderen zum Vorschlaghammer, zur Spritzpistole und zum Pinsel. Am Anfang ihrer Arbeit stehen zerquetsche Unfalllastwagen, die sie in Afghanistan oder Pakistan für schmales Geld kaufen. Ein paar Wochen später steht dann ein blitzblanker Lastwagen auf dem Hof an der Hashim-Khan-Nishtar-Straße. Und findet in dem Land, wo Lastwagen aufgrund der hohen Nachfrage für Infrastrukturprojekte der Chinesen derzeit Mangelware sind, schnell einen Käufer. „Wir bemalen mehr als tausend Laster im Jahr“, erzählt Ali Salman Anchan, der Phool Patti („Blume und Blatt“) gemeinsam mit seinem Schulfreund Haider Ali gegründet hat.

Der fertige Lastwagen kann gut 30.000 Dollar kosten. Dafür erhält der Käufer ein maßgeschneidertes Fahrzeug, zusammengesetzt aus gebrauchten japanischen Getrieben, mit dem Hammer geglätteten Federblättern, zusammengeschweißtem Rahmen. „Unsere Kollegen hier auf dem Hof bauen auch Sechsachser in speziellen Ausführungen. Die kosten dann 100.000 Dollar“, sagt Ali. Ob Durchschnitt oder Maßanfertigung, der letzte Schliff ist immer die Bemalung. Sie gilt in Pakistan als Volkskunst. „Von uns haben auch die Inder gelernt, unsere ,Truck-Art‘ ist aber viel älter“, berichtet der Sechsunddreißigjährige.

Je nach Bedarf beschäftigt das Duo Maler. Die Könner arbeiten an Vögelchen, Palmen oder dem Kopf von Bruce Lee. Der Nachwuchs pinselt Muster in die leeren Flächen des Aufbaus. „Wenn ich einen Laster sehe, weiß ich schon, wie er am Ende aussehen soll“, sagt Haider. Er ist der Chef-Maler, gilt in Pakistan als Größe. „Nein, Künstler sind wir nicht. Aber die Leute mögen, was wir machen.“

Rund 500 Dollar nehmen sie für das Bemalen. „Hier wird bar bezahlt. Jeder sieht arm aus, aber lange nicht jeder ist es“, erzählt Ali, der in Karachi Design studiert hat. Die Einnahmen werden nach einem Schlüssel unter den Malern verteilt. Nach oben gibt es keine Preisgrenze, denn manche Kunden wollen auch ein voll ausgekleidetes Fahrerhaus. Dann kommt chinesisches Vinyl zum Einsatz, und wie bei Künstler Christo wird einfach alles eingepackt: Sitze, Lenkrad, Himmel und auch der Knopf der Gangschaltung. Und schließlich gehören zu einem richtigen Lastwagen in Pakistan dann auch noch unzählige Chromteile, die aus der Stoßstange einen Kuhfänger machen, Reflektoren, die den Lastzug nachts wie einen Weihnachtsbaum leuchten lassen, Bimmeln und Glöckchen und Fahnen und Stoffstreifen, die bei der Fahrt über die Reifen streichen und das Heck des Wagens verzieren.

Die Grundierung kommt aus Japan, aber für die Oberfläche nehmen sie nur pakistanische Lacke. Und weil das gerade Mode ist, kleben sie manchmal auch Buchstaben auf die Tür, die wie chinesische Schriftzeichen wirken. „Keine Ahnung, das heißt nichts“, sagt Ali. „Aber unsere Kunden wollen das so.“ Auf dem Land tragen manche der alten Bedford-Veteranen noch die meterhohen, keilförmigen Holzschirme über dem Fahrerhaus, um mehr Fläche und Muster für Verzierungen zu gewinnen. Nur geschnitzte Holztüren werden kaum noch nachgefragt. Kenner lesen in der Verzierung der „Jingle Trucks“, ob sie aus Sindh, Balutschistan, dem Punjab oder Wasiristan kommen.

Für Ali, der sich Kreativdirektor von Phool Patti nennt, ist das Lastwagen-Bemalen nur der Ausgangspunkt. Längst hat sich das Unternehmen einen Ruf erarbeitet. Heute lackieren sie Betonpfeiler der Brücken und Mauern der grau-staubigen Stadt, Servierwagen der Fluggesellschaft Pakistan International Airlines, Koffer, aber auch Schuhe – sie sorgen für ein wenig Farbe rund um die Metropole mit ihren mehr als 15 Millionen Menschen und heilen die Wunden eines oft verteufelten Landes.

Einst galt Karachi als „die gefährlichste Metropole der Welt“. Das ist ein paar Jahre her. „Alles ist viel besser heute. Und nun trägt unsere Farbe auch dazu bei, ein anderes Karachi, ein besseres Pakistan zu zeigen“, meint Ali.

Quelle: F.A.S.
Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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