Superyacht Wallypower 58

Dr. Wow treibt es auf die Spitze

Von Walter Wille
04.07.2022
, 16:16
Der Yachthersteller Wally hat eine Mission: Immer wieder für Verblüffung sorgen. So wie mit der neuen Wallypower 58.
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Reiner Zufall? Zwei Militärhubschrauber patrouillieren über der Lagune von Venedig just in dem Moment, in dem die Wally aufkreuzt. Ganz langsam kommt sie näher. In den von Holzpfählen markierten Fahrwassern der Lagune halten sich die meisten Verkehrsteilnehmer penibel an die Geschwindigkeitsbeschränkungen. Bloß die offenbar außerhalb gesetzlicher Bestimmungen operierenden Taxiboote brettern drauflos.

Nicht so die Wally. Die verhält sich brav, obwohl sie aussieht wie der kosmische Jäger der dunklen Materie. Ihr Heranschleichen hat ein Gutes, denn es dehnt sich die Zeit bis zum Eintreffen, was Gelegenheit gibt, die Erscheinung auf sich wirken zu lassen. Welch krasser Gegensatz: Vor der Kulisse der alten, gegen den Verfall kämpfenden Stadt wirkt die metallisch schimmernde Wally noch futuristischer als ohnehin schon. Wie auf Bestellung drehen die Heliko­pter ein paar weitere Runden.

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Ein passendes Geleit: Auch die nagelneue Wallypower 58 hat etwas Militärisches an sich. Bewaffnet ist die 17 Meter messende, knapp 30 Tonnen verdrängende Motoryacht mit einer Aura der Schärfe, die ihresgleichen sucht. Beim Anbordgehen reicht Luca Bassani helfend die Hand und beteuert, er habe keine Luftunterstützung angefordert. Nein, die Hubschrauber seien nicht bestellt gewesen. Zugetraut hätte man es ihm.

Schließlich ist Bassani der Meister des Wow-Effekts. Seit der Italiener 1994 in Monaco Wally Yachts gründete, fühlt sich das Unternehmen berufen und verpflichtet, „das Unerwartete zu liefern“. Immer wieder mit Innovationen aufwarten, lautet die Mission. Wally hat technische Entwicklungen angestoßen und radikale Wendungen im Design herbeigeführt, anfangs im Segment großer, sportlicher Segelyachten, später auch im Motorbootmarkt. Der Wally-Stil wurde zum festen Begriff in der Branche.

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Klare Formen und auf die Spitze getriebener Minimalismus kennzeichnen eine Wally. Bassani brachte den senkrechten Panzerkreuzer-Steven in Mode, befreite Bootsdecks von technischem Geraffel, ließ unbebaute weite Flächen wirken und technische Systeme im Verborgenen arbeiten. Er setzte frühzeitig auf Kohlefaser-Leichtbau, auf das loftartige, mit sämtlichen maritimen Gepflogenheiten brechende Interieur ebenso wie auf bis dahin ungewohnte, mitunter schockierende Farben. Hydraulische Segeleinstellung per Knopfdruck, Aufhebung der ehemals strengen Trennung zwischen Innen und Außen durch neuartige Raumkonzepte, aufklappende Balkone, tiefergelegte „Meeresterrassen“ am Heck wurden zu Markenzeichen.

Riesige schwimmende Luxusinseln

All das fand ungezählte Nachahmer. Jahr für Jahr tauchten in Messehallen und Yachthäfen mehr Produkte auf, die nach Wally aussahen. Das dürfte Bassani geschmeichelt haben, doch schwingt auch Bitterkeit mit, wenn er heute sagt: „Wenn ich all die Kopien sehe, frage ich mich, wie viele Kunden ich deswegen verloren habe.“

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Manche Verrücktheit, aus der am Ende nichts wurde, leistete er sich obendrein, entwickelte Konzepte für Yachten mit starrem Flügelsegel, für riesige schwimmende Luxusinseln, die in Kooperation mit dem Luxusgüterkonzern Hermès entstehen sollten, versuchte mit Brettern aus Karbon den Einstieg ins Skigeschäft.

Den Gipfel des Irrsinns erklomm Bassani im Jahr 2003 mit dem Projekt „118 Wallypower“. Das war ein rasender Tarnkappenbomber von 36 Meter Länge mit prismenartigem Glasaufbau und drei Turbinen mit zusammen 16 800 PS. Deren brennend heiße Abluft musste aufwendig gekühlt werden, bevor sie unterhalb der Badeplattform ins Freie geleitet wurde. Ein einziges Exemplar wurde gebaut. Während einer Tour entlang der amerikanischen Ostküste geriet 118 Wallypower ins Visier der Küstenwache, die sich das 100 km/h schnelle, ebenso rätselhafte wie verdächtige Objekt genauer ansehen wollte. Mittlerweile habe der Eigner, ein Superreicher, der mehrere Megayachten bis 150 Meter Länge besitzt, die Maschine stillgelegt, heißt es, wolle sie aber um keinen Preis verkaufen.

Dann klopfte die Ferretti-Gruppe an

Avantgardismus, Bewunderung und Glamour bewahrten Wally nicht vor dem drohenden Untergang. Die kleine Mannschaft kämpfte mit Schwierigkeiten, die Entwicklungsarbeit zu stemmen und obendrein all das, was für profitable Vermarktung und Vertrieb notwendig gewesen wäre. 48 Segel- und rund 120 Motoryachten waren entstanden, als es schließlich nicht mehr weiterzugehen schien. Dann klopfte die Ferretti-Gruppe an.

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Seit 2019 ist Wally Teil des italienischer Yachtbau-Konzerns, der sechs Produktionsstätten betreibt und die Marken Ferretti, Pershing, Itama, CRN, Custom Line und Riva unter seinen Dach versammelt. Der Gigant Ferretti gibt die nötige Rückendeckung, Wally bekam seine eigene Werft am Ferretti-Hauptsitz Forlì, soll sich Synergien in Einkauf, Verwaltung und IT zunutze machen, ansonsten aber separat von der Gruppe gehalten werden, um seine Eigenarten zu bewahren. Das Designteam wurde komplett übernommen und in Monaco belassen.

Die Marke „unsterblich“ machen

Der Plan scheint aufzugehen. Wie Stefano de Vivo, Chief Operating Officer der Ferretti-Gruppe und in Doppelfunktion Geschäftsführer von Wally, berichtet, wurden seit der Übernahme schon 70 weitere Wallys verkauft. Für die kommenden Jahre hat de Vivo präzise Vorstellungen für diverse neue Modelle, aber nicht nur das. Seine Aufgabe sieht der Vierundvierzigjährige nicht zuletzt darin, die Marke „unsterblich“ zu machen, und nennt Wally in einem Atemzug mit Riva.

Ohne Bassani, heute 65, wird das vorerst nicht gelingen. Der ehemalige Boss hält noch 25 Prozent der Anteile und bleibt als Chefdesigner im Amt. De Vivo preist ihn als „Seele der Marke“ und fügt hinzu: „Er ist ein Vulkan der Ideen.“

Dass der Vulkan weiterhin aktiv ist, zeigt die Wallypower 58, neulich aus Anlass der Bootsmesse von Venedig vorgestellt. Die ist, wie zu erwarten, von vorn bis hinten todschick und insgesamt ein einziger Wow-Effekt. Der selbstauferlegten Verpflichtung zur überraschenden Neuerung kommt Wally in diesem Fall mit dem Magic Porthole nach, was so etwas ist wie das Bullauge 4.0. Die 58 hat zwar keine Rumpffenster, man kann aber trotzdem hinausschauen.

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Dank Magic Porthole: Winzige, unauffällig an den Außenseiten des Rumpfs montierte Kameras übertragen ihre Bilder gestochen scharf in 4k-Auflösung auf zwei Großbildschirme im Salon unter Deck. Die Monitore hängen genau dort, wo sich üblicherweise Fenster befinden. Es erfolgt gewissermaßen ein Livestreaming der Realität ins Innere. Die beiden TV-Schirme können unabhängig voneinander zudem für Filmvorführungen, Fernsehübertragungen oder alles Mögliche verwendet werden. Man kann darauf sonnige Landschaften oder Eisberge vorbeiziehen lassen, während die Wally durch einen Regenschauer prescht. Um den per Gimbal stabilisierten virtuellen Blick durchs Fenster zu ermöglichen, haben die Techniker monatelang nach passenden, salzwasserbeständigen Komponenten gesucht.

„Zeitlos futuristisch“

Warum dieser Aufwand, warum nicht einfach Fenster? Bassani kann den Gedanken nicht ertragen, in einen makellos durchgestylten Rumpf Löcher zu schneiden. Aus ästhetischen Gründen hängt beispielsweise auch kein Anker vorm Bug. Der fährt bei Bedarf mitsamt Abdeckung und Galgen aus dem Vorsteven heraus und wird per Knopfdruck auf Grund geschickt.

Während der Präsentation in Venedig vermieden es die Verantwortlichen, einen Preis für die Wallypower 58 zu nennen. Aber niemand widersprach energisch, als wir ihn auf rund zwei Millionen Euro schätzten. De Vivo zufolge gingen schon sieben Bestellungen ein, bevor das erste Exemplar gebaut war. Stilistisches Vorbild ist keine Geringere als die erwähnte 118 Wallypower von 2003, das „cleanste Boot aller Zeiten“, wie Bassani schwärmt. Mit puristischen Formen, Doppelkante im Rumpf, markanten Lufteinlässen am Heck und gläsernen Panorama-Aufbauten folgt die 58 ihrem größeren Vorbild. Wer auf den neuartigen Kohlefaser-Pilotensitzen mit hoch aufragender, geteilter Rückenlehne Platz nimmt, ein Computerarsenal vor sich, großformatige gewölbte Glasflächen zum fünf- bis sechsfachen Preis von gewöhnlichen Fenstern um sich herum, der fühlt sich wie am Steuer eines intergalaktischen Gleiters. All das trägt dazu bei, dass eine zwei Jahrzehnte alte Formensprache noch heute verblüffend fortschrittlich wirkt. „Zeitlos futuristisch“, findet de Vivo.

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Selbst Toilettenschüsseln aus Karbon

Die Gischt spritzt meterhoch neben den Bordwänden, als die Wallypower 58 in freien Gewässern außerhalb der Lagune endlich Gelegenheit bekommt, Tempo zu machen – typisches Merkmal für eine Wavepiercer-Yacht, die sich durch die Wellen bohrt, anstatt darüber hinwegzu- scheppern. Die Konstruktionsabteilung entwickelte einen schmalen Schiffskörper mit tiefer V-Form für kompromisslose Rauwassertauglichkeit. Eine Kapitulation in kabbeliger See ist nicht vorgesehen, das Gas bleibt stehen. Im Maschinenraum setzt Wally auf eine Dreifach-Konfiguration von Volvo-Penta-IPS-Antrieben mit wahlweise dreimal 550 oder 600 PS für 36 beziehungsweise 38 Knoten Höchstgeschwindigkeit, was 67 oder 70 km/h entspricht. Bis zu 380 Liter Diesel genehmigen sich die Sechszylinder der Werft zufolge in der Stunde. Bei 25 kn sollen es 200 Liter sein, bei Marschfahrt von 30 kn rund 250. 3000 Liter fassen die Treibstofftanks.

Für die Innenraumgestaltung stehen Varianten mit ein oder zwei Schlafkabinen zur Wahl. Während des Ankerns in der Bucht vergrößern seitlich aufklappenden Balkone den Aufenthaltsbereich an Deck um einige Quadratmeter. Die hydraulisch hoch- und herunterfahrende Badeplattform am Heck, das elektrohy­draulische Verdeck über der Liegefläche, die elektrische Fahrtwindklappe im Dach und auch die Tatsache, dass selbst die Toilettenschüsseln aus Karbon bestehen, steigern den Wow-Effekt. Aber für die Hubschrauber-Patrouille sei er wirklich nicht verantwortlich, beteuert Bassani.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Wille, Walter
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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