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Superyacht von Sunseeker

Zu groß für 007

Von Walter Wille
 - 18:06

Bond. Sein Name ist nicht James Bond, aber er hat alle Filme gesehen. Und es verbindet ihn einiges mit 007, denn wenn man in der Führungsmannschaft des Sportwagenherstellers Aston Martin als Vertriebsvorstand und Vizepräsident gewirkt hat, dann ist das unweigerlich so. Nach mehr als 25 Jahren in der Autoindustrie ist der Deutsche Christian Marti seit November Geschäftsführer des englischen Motoryachtherstellers Sunseeker. Und auch den zeichnet eine Nähe zur Agentenwelt aus.

Eine Superhawk 34 bretterte 1999 durch den Filmtreifen „Die Welt ist nicht genug“, 2002 schlug eine Superhawk 48 in „Stirb an einem anderen Tag“ Wellen. Dass es sich bei diversen Booten, die in JaBond-Filmen zu sehen waren, um Sunseekers handelte, war dem neuen Mann an der Spitze der Werft zunächst gar nicht bewusst. Auf jeden Fall passen die Yachten aus Dorset dank ihrer leicht arroganten Aggressivität, der Mischung aus Champagnergeschmack und Druckwallungen aus dem Maschinenraum wie die Faust aufs Auge des Bösewichts. In „Casino Royale“ (2006) waren zwei Sunseekers im Einsatz, im „Quantum Trost“ von 2008 drei. Christian Marti hätte nichts dagegen, wenn sich diese Tradition fortsetzen ließe. „James Bond ist very british, Aston Martin ebenso. Und Sunseeker ist ebenfalls eine sehr britische Marke.“ Der Lieblingsbond des 1966 in Hannover geborenen Managers: „Goldfinger“.

Von Marti wird ein goldenes Händchen erwartet beim Vorhaben, Sunseeker „in die nächste Wachstumsphase“ zu führen. Seit 2013 gehört das Unternehmen, das in Poole an der Südküste Englands etwa 2500 Mitarbeiter beschäftigt, zur Wanda Group. Der in Peking ansässige Mischkonzern ist nicht nur in der chinesischen Heimat präsent, sondern auch in Europa und den Vereinigten Staaten. Kinoketten, Einkaufszentren, Hotels, Themenparks, Unterhaltungsindustrie, Reiseunternehmen, Sportmarketing zählen zu den Betätigungsfeldern. Marti bezeichnet Wanda als loyalen Eigentümer und die Zusammenarbeit als sehr gut. Bei Sunseeker wird jetzt in Fünfjahresplänen gedacht, die Wachstumsziele sind ehrgeizig.

Dazu wurde ein neues Management-Team zusammengestellt, zur einen Hälfte mit Fachleuten aus der Yachtszene besetzt, zur anderen mit Kräften von außerhalb. „So haben wir zugleich den Erfahrungsschatz aus der Branche und den Blick von außen“, sagt Marti. Yachtbauer könnten viel lernen von der Autoindustrie, die mit ihren weitaus höheren Stückzahlen in vielerlei Hinsicht weit voraus sei, in Forschung und Entwicklung ebenso wie in Produktion, Optimierung der Abläufe und Datenmanagement. „Die Yachtbranche macht gerade eine Konsolidierung durch, die Hersteller werden größer, und es kommt darauf an, die Prozesse zu professionalisieren.“ Marti bezeichnet sich selbst als „Neuling“ in der Branche, der das Bootfahren noch lernen muss, hat aber beispielsweise seit Ende Januar mit Andrea Fabretti als neuen Technikvorstand einen erfahrenen Mann an seiner Seite, der gut 25 Jahre beim italienischen Ferretti-Konzern beschäftigt war, einem der bedeutendsten Konkurrenten Sunseekers.

Brexit beeinflusst nicht das Yachten-Geschäft

Die Briten bauen rund 150 Yachten im Jahr, ihr Portfolio umfasst derzeit 13 Modelle von 16 Meter Länge aufwärts. Der Auftragsbestand liegt Marti zufolge bei mehr als 160 Exemplaren, die einen Wert von zusammen etwa 580 Millionen Euro repräsentieren, das sei der stärkste bisher überhaupt. Es brummt also. „Der Markt ist intakt“, formulierte es Marti. „Die gegenwärtigen politischen Unsicherheiten beeinträchtigen unseren Kundenkreis nicht.“ Anders als vor gut zehn Jahren, als manch einer in den Strudel der Wirtschafts- und Finanzkrise geriet.

Sunseeker hat ambitionierte Projekte angestoßen und sich entschlossen, Neuland zu betreten. Zum einen ist da das Vorhaben, nicht mehr nur Kunststoff-Yachten anzubieten, sondern erstmals auch solche aus Metall. Im Jahr 2021 soll die erste Sunseeker 161 vom Stapel laufen, mit 49 Meter Länge der Vorstoß der Engländer in die Kategorie der Superyachten aus Aluminium. Dazu wurde eine Kooperation mit der niederländischen Icon-Werft geschlossen, die den Koloss anfertigen wird, weil Sunseeker daheim weder die Expertise noch die Erfahrung im Metallbau hat.

Damit schlägt Sunseeker nach 50 Jahren Unternehmensgeschichte ein neues Kapitel auf. Marti zufolge sind schon drei, vier ernsthafte Interessenten für eine Riesen-Sunseeker an der Angel. Kerngeschäfte seien zwar Yachten von 70 bis 130 Fuß Länge, doch benötige das Unternehmen ein solches Modell, um bestehenden Kunden die Chance zu bieten, mit der Marke zu wachsen, ihr treu zu bleiben, wenn sie Ausschau nach etwas Größerem hielten. Die Nachfrage nach solchen Kalibern sei vorhanden, und der Schritt zum Metallbau in den Niederlanden eröffne die Möglichkeit, in Zukunft noch längere Schiffe als die 161 ins Programm aufzunehmen. Grenzen nach oben gebe es keine, sagt Marti, Pläne allerdings auch noch nicht.

Für 007 ist der neue Alu-Dreidecker wohl eine Nummer zu groß. Er soll Kabinen für zehn bis zwölf Gäste bieten, einen Pool auf dem Hauptdeck und einen „Beach Club“ am Heck, dessen Fläche sich durch das auf beiden Seiten aufklappbare Schanzkleid erweitern lässt. Auf einen üppigen, vielseitig nutzbaren Beach Club setzt Sunseeker auch im Fall von „Project 8X“. Hinter diesem Namen verbirgt sich eine neue Linie von aus Kunststoff gefertigten und somit nicht ganz so großen Flybridge-Yachten. Die sollen sich durch ein frisches Äußeres sowie die Gestaltung der Innenräume „fundamental“ von der bisherigen Produktfamilie unterscheiden. Riesige Fensterflächen, raumhohe Scheiben, viel Lichteinfall, Panorama-Ausblicke, Penthouse-Gefühl, Variabilität – derlei ist zurzeit en vogue. Ebenso wie der erwähnte Beach Club, den Sunseeker auf der 8X mit einem Kran für Beiboote, Barbecue, Kühlschrank und Regenwalddusche ausstatten will. Die Sitz- und Liegelandschaft auf dem Vordeck wird sich mit Sonnensegeln überdachen lassen gegen den drohenden Sonnenbrand bei der Einnahme des Martini. Oder man nutzt den schönen Ort als Kino unterm Sternenhimmel, ausgestattet mit Laserprojektor, 140-Zoll-Leinwand und Surround-Sound. Ende 2020 soll Premiere sein für 8X.

Ebenfalls im nächsten Jahr soll die erste Sunseeker-Yacht mit einem von MTU aus Friedrichshafen gelieferten Serienhybrid-Antrieb in Fahrt kommen. Technisch steht hier Pionierarbeit an: Zwar gibt es in der Yachtindustrie durchaus schon solche Systeme, doch handelt es sich dabei in aller Regel um Spezialfälle, also um jeweils individuell aus Komponenten unterschiedlicher Herkunft zusammengestellte Anlagen. Sunseeker und MTU dagegen geht es um die Einführung einer Komplettlösung: zwei jeweils 1947 PS leistende MTU-Zwölfzylinder-Dieselmotoren, Bordaggregate, Elektro-Antriebsmodule, Getriebe, Batterien, Steuerungs- und Überwachungstechnik – alles aus einer Hand, bausteinmäßig aufgebaut und erweiterbar.

Geräuschlose Fortbewegung dank Elektromotoren

Die Kombination von Diesel- und Elektromotoren inklusive Batteriebänken soll dem Eigner einige Vorteile bieten. Beispielsweise wird das Schiff fast geräuschlos den Hafen verlassen oder eine Bucht ansteuern können. Oder vor Anker liegen, ohne dass die Gäste an Bord von Abgasschwaden eines zur Stromerzeugung für Klimaanlage, Kühlräume oder Entertainmentanlage laufenden Generators belästigt werden. Eine Reduzierung des Treibstoffverbrauchs und somit eine Verlängerung der Reichweite werden als weitere Vorzüge genannt. Denn wer nur eine oder zwei Wochen Urlaub hat, mag nicht einen halben Tag davon fürs Tanken opfern.

MTU will das System auch anderen Yachtherstellern sowie der kommerziellen Schifffahrt – für Fähren etwa – anbieten. Nach den Worten des MTU-Ingenieurs Tobias Kohl sorgt es für eine deutliche Steigerung von Effizienz und Wirkungsgrad der Motoren. „Schiffsmotoren laufen oft nur in Teillast, und das tut einem Motor nicht gut.“ Die Batterien werden im Hafen per Kabel oder unterwegs bei laufenden Hauptmaschinen geladen. Rekuperieren beim Bremsen funktioniert auf See leider nicht.

Ausgaben sind meistens eher nebensächlich

Dem Kapitän werden sechs Betriebsmodi zur Verfügung stehen mit Bezeichnungen wie „Smart Hybrid“ oder „Charge Hybrid“. Die Spanne reicht vom vollelektrischen Betrieb bis zum Antrieb durch beide Zwölfzylinder gleichzeitig. Dazwischen gibt es einen Modus „Crossover“, in dem einer der beiden Diesel ruht, der andere läuft, dabei mechanisch seine Antriebswelle bewegt, während der zwischen Motor und Getriebe geflanschte Elektromotor als Generator arbeitet, dessen Energie genutzt wird, die zweite Welle elektrisch anzutreiben. Im „Silent Mode“ soll die Energie je Batteriepaar für 40 Minuten Elektroantrieb oder 120 Minuten Bordstrom im Hotelbetrieb reichen. Einsparungen bei Betriebsstunden der Motoren führen Kohl zufolge nebenbei zur Reduzierung von Wartungskosten.

Wobei die Ausgaben für Instandhaltung oder Treibstoff für Besitzer solcher Yachten meistens eher nebensächlich sind. Aber auch in diesen Kreisen nehme die Sorge um die Natur zu, meint Marti. „Umweltbewusstsein hängt nicht von Reichtum ab.“

Quelle: F.A.S.
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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