Tempolimit in Deutschland

Unfreie Fahrt

EIN KOMMENTAR Von Lukas Weber
05.10.2021
, 10:42
Laut Umweltbundesamt könnten durch Tempo 130 knapp 2 Millionen Tonnen CO2jährlich eingespart werden.
Kommt mit der neuen Regierung ein starres Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen? Wenn sich eine Ampel-Koalition für Tempo 130 ausspricht, geht wieder ein Stück Freiheit verloren.
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In den Koalitionsverhandlungen streiten die Parteien um viele wichtige Themen, ein starres Tempolimit auf den Autobahnen gehört eher nicht dazu. Es lässt sich zwar mit einem Federstrich einführen, wir hoffen aber, dass sich wenigstens die Freien Demokraten nicht von den Scheinargumenten düpieren lassen, die angeblich dafür sprechen.

Deren erstes: Alle anderen haben es schon. Das ist das schwächste, weil sich daraus nichts ableiten lässt. Wenn alle Staaten sich bis über die Ohren verschulden, wird das dadurch richtig?

Bei einigen drängt sich zudem der Verdacht auf, dass es eher um die Einnahmen geht. Allen ist gemein, dass die Geschwindigkeitsbeschränkungen aus einer Zeit stammen, als die Autos unsicher und intelligente Verkehrssteuerung unbekannt war. Heute gibt es variable Regelungen, die Verkehrsaufkommen und Witterung berücksichtigen, die erlaubte Geschwindigkeit liegt dann oft deutlich unter der diskutierten starren Beschränkung. Das dient der Sicherheit auf unseren sichersten Straßen mehr als unflexible Regelungen. Auf der anderen Seite ist nicht einzusehen, warum etwa ein Handelsvertreter, der bisher in der Frühe auf freier Strecke mit 160 km/h unterwegs ist, durch ein Limit gegängelt werden sollte.

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Zeit ist Geld, auch uns hat ein hoher Reisedurchschnitt schon etliche Hotelübernachtungen erspart. Die Behauptung, ein Tempolimit koste ja nichts, ist also falsch. Die Mehrheit sei in Umfragen dafür, heißt es weiter. Das ist zumindest unredlich, weil es stets einfach ist, etwas zu verbieten, was man selbst nicht braucht. Gefragt werden müssten jene, die oft lange Strecken auf Autobahnen fahren, und die sind, soweit bekannt, mehrheitlich dagegen.

Dem Kaffeesatz entnommen

Aber ist das Tempolimit nicht ein wichtiger Baustein im Kampf gegen den Klimawandel? Laut Umweltbundesamt könnten durch Tempo 130 knapp 2 Millionen Tonnen CO2jährlich eingespart werden. Das hört sich nach viel an, bis sie ins Verhältnis zu den rund 700 Millionen Tonnen gesetzt werden, die Deutschland insgesamt emittiert, es ist reine Klimakosmetik. Die mögliche Einsparung ist obendrein dem Kaffeesatz entnommen, auch wenn die Zahl von Beamten stammt. Im Gutachten stecken eine Menge Annahmen, deren Realitätsnähe fraglich ist, es reicht halt nicht, nur die Zusammenfassung zu lesen. Vor allem müsste man wissen, wie schnell die Autos tatsächlich fahren, um die mögliche Einsparung zu errechnen, am besten überall und jederzeit. Das weiß keiner, die Untersuchung stützt sich auf alte Daten von wenigen Messstellen.

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Gerade hat das Institut der deutschen Wirtschaft eine neue Auswertung vorgelegt, demnach fahren nur wenige flotter als 130, und wenn, dann nachts – jedenfalls in Nordrhein-Westfalen. Nun ist nicht von der Hand zu weisen, dass ein Auto umso mehr verbraucht, je schneller es fährt. Das spräche für Tempo null. Doch Obacht, Elektroautos stoßen ja definitionsgemäß gar keine Schadstoffe aus; die Idee, sie von einer Begrenzung auszunehmen, wäre dann nur folgerichtig. So etwas könnte sogar den schleppenden Verkauf ankurbeln.

Das wird nicht kommen, das starre Tempolimit voraussichtlich schon. Es ist eine von Autohassern getriebene Symbolpolitik, in deren Folge ein Stück Freiheit verloren geht. Wir weinen der freien Fahrt vorsorglich eine Träne nach und werden dann die Angaben der Hersteller zur Höchstgeschwindigkeit nicht mehr überprüfen. Wäre ja eh wurst.

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Quelle: F.A.Z.
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