Bilder der deutschen Autobahn

Von Kleeblättern und Spaghettiknoten

Von Ulf Böhringer
31.08.2021
, 15:00
Knotenpunkte für Europas Wirtschaft: Autobahnkreuze wie jenes an der A 2 bei Duisburg verbinden Güter und Menschen über den gesamten Kontinent hinweg.
Die deutsche Autobahn ist nicht nur weltberühmt, sie ist auch reich an Geschichte und Skurrilitäten. Ein Buch setzt ihre Facetten nun erstmals und umfassend ins Bild.
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Es ist einer der wenigen deutschen Begriffe, die es zu weltweiter Bekanntheit und Akzeptanz gebracht haben: Autobahn. Wer das Wort benutzt, egal ob in den USA oder in Südafrika, in Neuseeland oder Argentinien, wird verstanden. Es geht um das verkehrstechnische Rückgrat Europas. Denn zwischen Flensburg und Füssen, zwischen Aachen und Frankfurt an der Oder mixen sich die Verkehrsströme unseres Kontinents. Die Funktion der deutschen Autobahn ist keineswegs auf Deutschland beschränkt. Was dieses laut Bundesverkehrministerium 12.993 Kilometer lange Straßennetz leistet, bestimmt auch über das wirtschaftliche Wohl und Wehe in Spanien, Griechenland, Italien sowie in Skandinavien, Polen und Benelux.

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Angesichts dieser Bedeutung verwundert es, dass sich bisher noch niemand an eine fotografische Bestandsaufnahme der deutschen Autobahn gewagt hat. Vielleicht haben viele die Aufgabe als zu gewaltig empfunden. Abwegig wäre das jedenfalls nicht, wenn man bedenkt, dass der Fotograf Karl Johaentges zehn Jahre an seinem Bildband „Die Deutsche Autobahn“ gearbeitet hat. Für das Buch, das gerade erschienen ist, hat er im Laufe dieser Zeit 30.000 Kilometer auf den Autobahnen abgespult.

Aber noch viel wichtiger war es, die Positionen zu finden, die den gerade in Arbeit befindlichen Themenschwerpunkt möglichst treffend zu illustrieren vermochten. Woran auch immer man im Zusammenhang mit der Autobahn denken mag – Staus, Baustellen, Neutrassierungen, Sanierungen, Kreuzungsbauwerke der unterschiedlichsten Art, Viadukte, Tunnel, Beschilderung, autofreie Sonntage, Schneeräumung, Nässe, Unfälle –, alles findet sich auf mindestens einer der 192 Seiten dieses großartigen Buches. Auch die seit ewigen Zeiten Unvollendete, die A 1 in der Eifel, die Stillgelegte, beim ehemaligen Kontrollpunkt Dreilinden, oder die Erste, die „Nurautomobilstraße“ zwischen Köln und Bonn, die heute als A 555 bekannt ist, haben Eingang in den Band gefunden. Genauso wie Rastplätze, die Autohöfe, die etwas später dazugekommen sind, Autobahnkirchen oder Nachtbaustellen.

Das Porträt dieses weltbekannten Merkmals Deutschlands zeigt darüber hinaus zudem jene, die unmittelbar am Rand oder auch unter der Autobahn leben. Mal freiwillig, mal gezwungenermaßen, notdürftig oder großzügig behütet von Lärmschutzwänden. Auch jenen Menschen, die an oder auf der Autobahn arbeiten, hat Fotograf Jo­haentges Raum gegeben. Darüber hinaus zeigt das Buch Skurrilitäten, wie das größte hinduistische Fest Europas, das alljährlich unter einer Autobahnbrücke der A 2 nahe Hamm über die farbenprächtige Bühne geht und an die kollektiven Reinigungsbäder im Ganges erinnert. Nur dass den „Ganges“ eben der Datteln-Hamm-Kanal ersetzt.

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Karl Johaentges hat sich nicht auf das oft aufwendige Anfertigen der Fotografien beschränkt – viele Bilder entstanden beispielsweise mithilfe eines Gyrokopters. Er hat sich auch um begleitende Texte mit Tiefgang bemüht. Denn die deutsche Autobahn ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist vielmehr Teil einer jahrtausendealten Geschichte, die einst mit dem Trampelpfad begann.

Der Autobahnbau im engeren Sinne war übrigens keineswegs ein „Geistesblitz“ Hitlers. Der Ursprung der Idee liegt bereits im Kaiser-Deutschland. Der Gedanke an eine „Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße“ wurde 1909 geboren, die AVUS von 1912 an gebaut. Die USA mit ihrer hohen Motorisierungsdichte hatten die erste Schnellstraße bereits 1906 fertig gebaut, in Italien ging das erste Stück „Autostrada“ 1924 in Betrieb. 1929 begann die Planung der vierspurigen und völlig kreuzungsfreien Straße Köln–Bonn, drei Jahre später eröffnete sie der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer. Einen Mittelstreifen, gar mit Leitplanken, gab es nicht. Eine Mittellinie trennte beide Richtungen. Erlaubt war Tempo 120. Ein Niveau, auf das Deutschland fast 90 Jahre später wieder zurückfallen könnte.

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Karl Johaentges: „Die Deutsche Autobahn“, 192 Seiten, ca. 210 Abb., Frederking & Thaler Verlag in der Bruckmann-Verlag GmbH, München, 39,99 Euro

Quelle: F.A.S.
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