Wohnmobil Hymer Free S 600

Bewohnen statt beladen

Von Boris Schmidt
23.09.2021
, 15:00
Camperidyll: Markise und Möbel sind Sonderausstattung
Zum Wohnmobil ausgebaute Lieferwagen sind unglaublich beliebt. Sie ermöglichen den Einstieg in die Welt des Caravaning für relativ kleines Geld. Wir waren mit dem Hymer Free S 600 unterwegs.
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Es ist nahezu unglaublich, wie sehr der Markt für Wohnmobile explodiert. Und offenbar interessieren sich immer mehr junge Menschen, sagen wir unter 30, fürs gehobene Camping. Wir sind ja früher einfach mit Zelt und Auto in den Urlaub gefahren, bis nach Korfu. Heute wollen aber schon Mittzwanziger mehr Komfort – wir haben sie verwöhnt –, und sie beschäftigen sich ernsthaft mit der Anschaffung eines Wohnmobils. Möglich macht das die noch frische Gattung der Camper Vans, also Lieferwagen, deren Innenleben hinter den beiden vorderen Sitzen statt mit Raum für Ladegut mit allerlei Gerätschaften zum Essen, Kochen, Schlafen und Waschen gefüllt wird.

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Weil das Aufbauen eines herkömmlichen Wohnmobils mit eigener Kabine wesentlich teurer ist, sind Camper Vans zunächst wesentlich günstiger. Statt des blanken Fahrgestells nebst Motor und Antriebsstrang (Windlauf genannt) bekommen Wohnmobilbauer wie Hymer den kompletten Kastenwagen geliefert, der dann innen ausgebaut wird. Außerdem werden die Fenster in die Außenhaut geschnitten, oft ergänzt um ein Aufstelldach.

Ein Basispreis von 49.990 Euro für ein 5,93 Meter langes Fahrzeug lässt zunächst aufhorchen, zumal in diesem Fall ein Mercedes-Benz Sprinter ausgebaut worden ist. Ähnliches bietet Hymer auch auf Basis Fiat Ducato an, dann liegen die Grundpreise rund 5000 Euro niedriger. Der Mehraufwand könnte sich lohnen. Fahrerisch hat der Hymer-Sprinter absolut überzeugt, außerdem bringt er – jedoch manches gegen Aufpreis – viele Assistenten mit, die aus der Personenwagenwelt kommen, wie einen adaptiven Tempomat, 360-Grad-Rückfahrkamera, Verkehrszeichenerkennung oder auch das Multimediasystem MBUX. „Hey Mercedes“ funktioniert auch. „Was kann ich für Sie tun?“ „Nächstes Ziel: Bad Waldsee“, und schon rechnet das Navi los und gibt alsbald Anweisungen, wo es langgehen soll.

Weiterhin ist Frontantrieb auf einer nassen Wiese gewiss kein Nachteil, und der 2,1-Liter-Dieselmotor mit seinen 143 PS ist weder übermäßig laut noch hat er Probleme, die Fuhre in Schwung zu bringen. Nur beladen am Berg, da geht ihm schon die Puste aus. Der Testwagen hatte die formidable Neungang-Automatik (2690 Euro), die sanft schaltet und auf Langstrecke hilft, den Bedarf an Diesel relativ niedrig zu halten. Wir kamen auf einen Schnitt von 10,0 Liter auf 100 Kilometer, bei Tempi zwischen 110 und 120 km/h. In der Spitze sind 145 km/h drin. Fahrerisch ist also alles Sprinter, auch das Cockpit fällt gleich aus, inklusive der ungewöhnlichen Lösung, die Becherhalter hinter der (analogen) Tachoeinheit und somit vor der Windschutzscheibe zu platzieren.

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Das Wohnen beginnt im Hymer Free direkt hinter den Vordersitzen, die sich drehen lassen. In Fahrtrichtung links hinter dem Piloten ist eine Zweierbank mit Tischchen davor. Wer hier sitzt, braucht auf langen Strecken Ausdauer, vor allem, wenn man zu viert unterwegs ist und die Anschnallpflicht ernst nimmt. Ist das Ziel erreicht, schnell die Markise (990 Euro) ausfahren, die Fahrersessel herumdrehen und die Campingausrüstung (Tisch, zwei Stühle, 290 Euro) an den Wagen stellen, dann kann der Urlaub beginnen. Das Aufstelldach, welches wiederum 4490 Euro kostet und den Hymer erst zum Vier-Personen-Wohnmobil macht, kann zunächst unten bleiben. Die Stehhöhe reicht aus. Über eine Schiebetür rechts erfolgt der seitliche Zugang in den Wohntrakt. Eine elektrisch ausfahrende Trittstufe gehört zur Grundausstattung.

Vorteile im Stadtverkehr

Was man bedenken muss: 5,93 Meter bleiben 5,93 Meter. Das ist noch relativ kompakt und hat Vorteile im Stadtverkehr, zum Wohnen zu viert ist das sehr wenig, sobald es draußen schüttet wie aus Eimern und sich alles aufs Innere konzentriert. Der Tisch ist selbst mit seiner Vergrößerung eher klein, der umgedrehte Beifahrerstuhl steht relativ weit weg davon. Kochen kann man auf zwei Gasflammen, nützlich ist die hochklappbare Verlängerung der Arbeitsfläche an der linken Seite. Dass Kochfeld und Waschbecken eine Einheit sind, erleichtert das Säubern. Rechts daneben befindet sich ein 90-Liter-Kühlschrank mit Oberschrank; für Proviant und Kochutensilien ist in drei großen Schiebeschubladen in der Kücheneinheit genug Platz.

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Im hinteren Bereich wird es dann eng. Dort ist der Schlafplatz für zwei weitere Camper. Das halbhoch angebrachte Bett kann in der Mitte aufgeklappt werden, so können zum Beispiel während der Fahrt zwei Fahrräder im „Flur“ stehen, Verzurrösen dafür sind im Boden eingelassen. Unter dem Bett ist weiterer Stauraum.

Beim Duschen wird es sehr eng

Das kleine Bad links in Fahrtrichtung ist funktional und ausreichend, mit einigen Ablagemöglichkeiten für den täglichen Bedarf. Lediglich das Waschbecken ist etwas klein, und beim Duschen wird es sehr eng. Außerdem beträgt hier die Stehhöhe nur 1,85 Meter. Dass die Thetford-Toilette mit ins Bad integriert wurde, spart Platz. Klasse finden wir die Möglichkeit, den Duschkopf, der gleichzeitig die Wascharmatur ist, durchs Fenster nach draußen zu hängen. So hat man eine Außendusche und blockiert nicht das Örtchen.

Schlafen lässt es sich hinten besser als oben. So oder so ist Kuscheln angesagt: Im Heck misst die Schlafstatt in der Breite 1,27 Meter. Dort fühlten wir uns wohler, ob es an den sieben Zentimeter mehr Breite gelegen hat? Oder am Lattenrost unter der Matratze, oben sind es Tellerfedern. Die größere Breite unten wird auch durch Ausbuchtungen in den Seitenwänden möglich, auf die man auf Campingplätzen immer wieder angesprochen wird.

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Ein Wochenende zu viert im Hymer zeigte die Grenzen des Raumes auf, das nächste zu zweit war dann schon entspannender. Der Aufbau des Aufstelldachs ist in wenigen Sekunden erledigt, der Aufstieg ins Bett erfordert hingegen etwas Beweglichkeit und eine Leiter. Das mag auch der Grund sein, warum es noch keine Aufbauvariante für einen Sechsmeter-Camper mit nur einem Aufstelldach als Schlafmöglichkeit gibt. So ließe sich der hintere Raum viel besser zum Wohnen nützen. Als Argument der Industrie kommt immer, die (ältere) Kundschaft schlafe lieber unten, schon weil sie nachts nicht klettern möchte. Im Hymer hilft übrigens eine clever ausklappende Aufstiegshilfe auf die halbe Höhe im Heck. Zu beachten ist freilich auch, dass ein Aufstelldach im Winter nur sehr bedingt als Schlafplatz taugt. Es wird einfach zu kalt.

In vier Oberschränken und vier Schubladen findet sich genug Platz für Kleidung für zwei Reisende, doch wenn das untere Bett gemacht ist, kommt man kaum an die Schubladen. Der Campingtisch und die zwei Outdoorstühle haben hinten ihren festen Platz. Hier auf der linken Seite finden sich auch die Gasflaschen, eine große und eine kleine. An sie kommt man nur über die geöffneten Hecktüren. Sowohl der Nutz- als auch der Brauchwassertank erwiesen sich als groß genug, das Brauchwasser wird elektrisch per Knopfdruck abgelassen.

So weit, so gut, sollte man meinen, nur wird es mit dem Camper für junge Leute mit wenig Geld dann doch nichts. Vernünftig ausgestattet, ist schnell die 70.000-Euro-Schallmauer durchbrochen, der Testwagen hatte letztlich einen Preis von 75.354 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmidt, Boris
Boris Schmidt
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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