Wohnmobile

Zweimal vier mal vier fürs Campen

Von Michael Kirchberger
Aktualisiert am 15.10.2020
 - 16:38
Karmann Dexter: Lässt wenig Raum zum Dinieren.zur Bildergalerie
Die Wohnmobile Karmann Dexter 4×4 und Tischer Trail basieren beide auf Technik von Ford. Sie bieten Allradantrieb und spannende Wohnraumlösungen.

Es muss nicht gleich Sahara oder Sibirien sein. Oft reicht eine sanfte Steigung auf der durchfeuchteten Stellplatzwiese, und ein Reisemobil steht plötzlich vor großen Traktionsproblemen. Immer mehr mobile Urlauber interessieren sich deshalb für Fahrzeuge mit Allradantrieb, wobei es hier nicht um die hochbeinigen Expeditionsvehikel gehen soll, mit denen sich Schlammpisten und Wüstenregionen meistern lassen. Eine gute Elle unter dem hohen Preisniveau dieser Exoten finden sich erstaunlich günstige Allradler. Mit zwei Spezialitäten dieser Gattung waren wir unterwegs, sie könnten unterschiedlicher nicht sein und haben doch eine wesentliche Gemeinsamkeit: Der Karmann Dexter 4×4 560 basiert auf dem Ford Transit, und die Wohnkabine Trail 260 von Tischer ist auf den Pick-up Ford Ranger gesetzt.

Der ausgebaute Ford Transit von Karmann überrascht mit einer überaus ungewöhnlichen Innenarchitektur. Auf knapp sechs Meter Länge bietet er zwei Einzelbetten im Heck, beide 93 Zentimeter breit und 1,97 oder 1,85 Meter lang. Möglich wird das durch den Verzicht auf die in dieser Klasse üblichen Halbdinette. Der Waschraum rückt so samt Kleiderschrank nach vorne, direkt hinter den Fahrersitz, die Kombüse muss ohne einen im Hochschrank eingebauten Kühlschrank auskommen, das serienmäßige Kompressorgerät mit 90 Liter Volumen hockt unter dem zweiflammigen Gasherd und der Edelstahlspüle unten im Küchenblock.

Auf den Liegen im Heck schläft es sich gut, auch wenn Karmann die höheren Kosten für bequeme Tellerfedern scheut und die Matratzen auf Lattenroste legt. Für dunklen Schlaf ist jedoch Aufpreis zu zahlen, die Blende für das Fahrerhaus muss mit 530 Euro extra bezahlt werden. Die großen Fenster der Flügeltüren im Heck gilt es mit einem simplen Vorhang vor Einblicken zu schützen, eine einfache, aber taugliche Lösung, Kassettenrollos mit Insektenschutzgittern gibt es nur an den Seitenwänden.

Die Anrichtfläche der Kompaktküche ist begrenzt, immerhin schützen edle Plexiglas-Abtrennungen den angrenzenden Schlafplatz beim Kochen vor Fettspritzern. In Zeiten der Corona-Pandemie ein wohlbekannter Anblick. Eine aufwendige Mischarmatur über der Spüle dient nicht als Haltegriff beim Einsteigen in den Dexter, obwohl das angemessen wäre, um Höhe zu gewinnen. Nicht nur der ältere Camper würde sich über eine kleine Unterstützung freuen, leichter in den Wohnraum zu gelangen.

Den großen Kompromiss muss der Einzelbett-Liebhaber beim Dinieren eingehen. Mangels Dinette heißt es, die Sitze für Fahrer und Beifahrer herumzudrehen und den während der Fahrt hinter dem Fahrersitz vertäuten Tisch an der Wandschräge des Waschraums einzuhängen. Über die knappen Maße der Tafel wollen wir uns nicht beklagen, wohl aber darüber, dass es einer gewissen Akrobatik bedarf, den fehlenden Salzstreuer aus den Küchenschubladen oder gar ein Kaltgetränk aus dem Kühlschrank herbeizuschaffen. Der Durchgang ist arg eng geschnitten und ohne ein ebenso schmales wie bewegliches Becken kaum möglich. Aber nur so lassen sich Längsbetten im Heck auf sechs Meter Länge realisieren.

Der Transit taugt als Basis, die Federung ist komfortabel, und der Motor lärmt nur wenig. Empfehlenswert ist die leistungsstärkere Variante des Zweiliter-Turbodiesel mit 170 PS, sie kostet zwar rund 1500 Euro extra und treibt den Preis des Allrad-Dexter auf 54.080 Euro, was aber angemessen und vor allem für das gute Drehmoment (405 Newtonmeter maximal) hilfreich ist. Der Verbrauch liegt bei 10,2 Liter Diesel auf 100 Kilometer, auch dieser Wert geht in Ordnung. Vorsicht ist jedoch beim Zuladen geboten. Bei einem Leergewicht von 3154 Kilogramm bleiben dafür nur rund sieben Zentner, bevor die Gewichtsgrenze von 3,5 Tonnen erreicht ist. Mit zwei Campern an Bord, Extras wie Fahrradträger oder Hängerkupplung sowie 80 Liter Frischwasservorrat bleibt nicht mehr viel Spielraum für Ausrüstung und Vorräte.

Aufs Gewicht gilt es auch beim Tischer Trail 260 zu achten. Denn schon die serienmäßig ausgestattete Wohnkabine bringt fast 700 Kilogramm auf die Waage. Das Basisfahrzeug, der Ford-Pick-up Ranger, wiegt gut 2,35 Tonnen, sein Gesamtgewicht liegt bei 3270 Kilogramm. Für Zuladung wäre also wenig Spielraum, daher lastet Tischer den Ranger auf 3,5 Tonnen auf und empfiehlt zum Preis von 1400 Euro den Einbau einer Luftfederung für die Hinterachse. Die verleiht dem Wohnmobil mehr Kursstabilität und verringert die Wankbewegungen, zähmt vor allem aber den ruppigen Federungskomfort, wenn die Kabine nicht aufgesetzt ist. Der Preis übertrifft den des Karmann deutlich. 48 267 Euro kostet der Ranger als Extrakabine mit seiner 2+2-Sitzanlage in der Limited-Ausstattung, dazu kommen die Kosten der Luftfedern und der Wohncontainer Trail 260, der mit 34.135 in der Liste steht. Gut 84.000 Euro sind somit für den Huckepack-Camper zu zahlen.

Aber Wohn- und Fahrvergnügen sind beachtlich. 213 PS leistet der Zweiliter-Vierzylinderdiesel, 500 Newtonmeter Drehmomentspitze machen souverän. Tempo 170 km/h schafft der Ranger so motorisiert mühelos, einen Verbrauch von 13 Liter Diesel auf 100 allerdings auch. Moderater gibt sich der Antrieb bei Tempo 130 km/h, dann genügen der Maschine 11,2 Liter für 100 Kilometer. Die Traktion ist dank des zuschaltbaren Allradantriebs mit zusätzlichem Getriebe zur Drehzahlreduktion ausgezeichnet. Komfortabel wird die Reise dank der Automatik mit zehn Stufen (Aufpreis 2500 Euro), Lederausstattung und Assistenzsysteme wie Verkehrszeichenerkennung oder der adaptive Tempomat steigern das Wohlbefinden.

Der Kunststoffaufbau wird mit Spann-schlössern auf der Ladefläche befestigt, die elektrische Verbindung für Ladegerät und Heckbeleuchtung übernehmen zwei Kabelanschlüsse. Alles gilt es vor dem Absetzen zu lösen, mit etwas Übung gelingt das einem Zweier-Team in weniger als 15 Minuten. Auf dem Campingplatz sammelt sich schnell interessiertes Publikum, wenn die Kabine mit Hilfe von Kurbelstützen angehoben und der Ranger dann vorsichtig heraus- rangiert wird. Ein Akkuschrauber leistet dabei überaus hilfreiche Dienste und beschleunigt das Manöver deutlich. Der Aufbau wird danach wieder abgesenkt, dann steht er sicher auf seinen Stützen.

Der Off-Road-Gedanke liegt beiden Allradlern eher fern

Innen gibt es eine pragmatische Raumaufteilung. Kleider- und Wäscheschrank sind zusammen mit dem Waschraum im Heck plaziert, über das Fahrerhaus des Ford ragt ein Alkoven mit einem 1,5 mal zwei Meter großen Doppelbett, Tellerfedern steigern den Schlafkomfort. Einzig die beiden Seitenfenster dort oben wünschten wir uns weiter bugwärts eingebaut, wer vorne schläft, klagt besonders in tropischen Nächten über mangelnde Frischluft.

An Bord ist alles, was das Campingleben angenehm macht. Heizung, Kühlschrank, elektrische Wasserversorgung, Kassettentoilette und Dusche sind dabei, das Stauraumangebot ist üppig. Die Rundsitzgruppe zwischen Küche und Alkoven lädt zur gemütlichen Runde ein, die Kabine ist auch abgesetzt voll funktionstüchtig. Das Basisfahrzeug kann so tagsüber für Exkursionen in der Region genutzt werden und bleibt einfach draußen stehen, wenn der Ausflug erst nach der Sperrstunde der Campingplatz-Schranke endet.

Der Off-Road-Gedanke liegt beiden Allradlern eher fern, dem Karmann Dexter mehr als dem Tischer Trail. Der kann sich schließlich von seinem Huckepack-Häuschen befreien und macht dann mit solider Allradtechnik auch anspruchsvolleres Gelände zum Spielplatz. Zumindest dort, wo es erlaubt ist. Der Dexter 4×4 bleibt gerne auf der Straße, bietet jedoch mit dem permanenten Allradantrieb deutliche Traktionsvorteile, nicht nur auf der regennassen Wiese. Zumindest sind beide durchaus interessante Spezialitäten auf den sonst oft ausgetretenen Wohnmobil-Pfaden.

Quelle: F.A.Z.
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