Zukunft der Zweiradindustrie

Maskenball in Mailand

Von Norbert Meiszies und Walter Wille
01.12.2021
, 15:46
Stiller Jubel: Moto Guzzi  wurde 100, die Feier fiel aus –  siehe Maske. Aber die neue V100 ist da.
Pandemie und Absagen mancher Schwergewichte setzen der Messe Eicma zu. Aber sie schlägt sich tapfer. Nicht nur, weil China groß auftrumpft.
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Dass sich die Zeiten geändert haben, vieles nicht mehr so ist, wie es einmal war, stellten auswärtige Besucher der Motorrad- und Roller-Messe Eicma schon bei der Ankunft am Flughafen Malpensa fest. Journalisten, Fachbesucher und Händler standen ratlos an der Bushaltestelle für den Malpensa-Express, um wie gewohnt auf direktem Wege zum Messegelände Fiera Milano/Rho zu gelangen.

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Doch den Shuttle gibt es nicht mehr. Wie so oft in solchen Fällen wird auf die Corona-Pandemie verwiesen. Die hatte im vergangenen Jahr dazu geführt, dass die wichtigste Neuheitenmesse der Branche ausfiel. Und auch diesmal wackelte die Show lange Zeit, zumal Schwergewichte wie BMW, KTM, Harley-Davidson und Indian frühzeitig signalisiert hatten, dass sie nicht teilnehmen würden. KTM-Vorstand Hans Trunkenpolz bezeichnete Messen als „wichtige Meilensteine für die gesamte Motorradindustrie”, räumte aber der Gesundheit „unserer Mitarbeiter höhere Priorität” ein. BMW hatte schon vor Monaten durchblicken lassen, künftig verstärkt auf eigene Formate und digitale Kommunikationswege setzen zu wollen.

Im Windschatten dieser Hersteller verzichteten zahlreiche weitere Unternehmen auf einen Messeauftritt, darunter die Reifenindustrie. Da letztendlich sogar Ducati auf sein Heimspiel verzichtete, fiel die Eicma deutlich kleiner aus als früher. In fünf Hallen präsentierten sich aber immerhin noch rund 800 Aussteller. Ein buntes Spektakel war das nach wie vor, bloß halt maskiert. Francesca Rivetti, Verkaufsleiterin beim italienischen Zubehör-Hersteller Givi, zeigte wenig Verständnis für jene, die abgesagt hatten: „Für uns sind solche Messen besonders wichtig, um mit unseren Partnern und Kunden in Kontakt zu bleiben.” Man werde der Schau treu bleiben.

Radarauge sei wachsam - Jetzt auch bei Kawasaki

Ähnlich scheint man in den Schaltzentralen der japanischen Hersteller zu denken. Honda, Kawasaki, Suzuki und Yamaha hatten die Ausstellungsfläche dem Anschein nach sogar vergrößert – sicherlich mit freundlicher Unterstützung des Messeveranstalters. Zwar hatten auch die Japaner schon vor der Messe einen Großteil ihrer Neuheiten für 2022 online präsentiert, so dass in dieser Hinsicht nicht mehr allzu viel zu erwarten war. Einige Premieren gab es dennoch zu würdigen, Kawasaki etwa zog die modernisierte Versys 650 aus dem Ärmel. Der Mittelklasse-Allrounder für rund 8600 Euro fällt sportlicher aus und nähert sich im Design der Tausender-Versys an, wenngleich sich der Zweizylindermotor weiterhin mit 67 PS und 61 Nm Drehmoment begnügt. Ein 4,4-Zoll-Farbschirm wertet das Cockpit auf, ein vierfach in der Höhe verstellbarer Windschild sowie Anpassungen an der Verkleidung sollen den Wind- und Wetterschutz verbessern.

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Als vierter Hersteller nach BMW, Ducati und KTM bietet nun auch Kawasaki ein Motorrad mit radargestützten Assistenzsystemen an. Es handelt sich um die rund 24 000 Euro kostende Ninja H2 SX, eine Reisemaschine mit Raketenantrieb. Ihr einzigartiger Kompressormotor leistet 200 PS. Radarsensoren an Front und Heck liefern Informationen für eine vorausschauende Kollisionswarnung, eine Totwinkelerkennung sowie den adaptiven Tempomaten. Bei Vorstellung der Modelle äußerte sich Hiroshi Ito, Präsident von Kawasaki Motor, nebenbei zur Zukunft der Eicma „Sie bietet das ideale Umfeld, um die Modelle für die nahe Zukunft zu präsentieren, und spielt eine wichtige Rolle dabei, dass wir so schnell wie möglich zur Normalität zurückkehren können.“

Suzuki präsentierte die überarbeitete Katana mit zwei PS mehr Leistung (jetzt 152), Ride-by-wire mit drei Fahrmodi und fünfstufiger Traktionskontrolle. Auch ein Schaltassistent ist für den kultigen Retro- Roadster jetzt verfügbar. Für 14 200 Euro soll die neue Katana vom Frühsommer an erhältlich sein. Als wesentlich günstigere – Preis rund 15 000 Euro - Alternative zur Kompressor-Kawa bringt Suzuki den 152 PS starken Sporttourer GSX-S1000 GT in den Handel.

Honda feiert nächstes Jahr den 30. Geburtstag des Supersportlers Fireblade mit drei Versionen: CBR1000RR Fireblade, Fireblade SP sowie Fireblade SP #30th Anniversary. Ihr in höchste Drehzahlen reißender 216-PS-Vierzylinder soll künftig auch in niedrigeren Sphären kräftigen Punch entwickeln, was dem Fahrspaß im normalen Leben jenseits der Rennstrecke dient. Die Traktionskontrolle wurde neu abgestimmt, und zur Optimierung der Bremsleistung wurden die Nissin-Bremssättel überarbeitet. An den Erfolg des SUV-Rollers X-ADV 750 – vor allem in südeuropäischen Ländern – will Honda mit einem neuen Mittelklasse-Adventure-Scooter anknüpfen. Der ADV 350 nutzt als Antrieb den 29-PS-Vierventilmotor des Tourenrollers Forza 350. Auf der Suche nach dem „Urban Adventure” im Großstadtdschungel helfen USD-Gabel, Aluschwinge, zwei Federbeine hinten mit Ausgleichsbehälter sowie 15-Zoll-Vorder- und 14-Zoll-Hinterrad. Preis und Verkaufsstart hat Honda noch nicht bekanntgegeben.

Der Yamaha TMAX, seit seiner Einführung 2001 meistverkaufter Maxiscooter, wird im März 2022 in einer runderneuerten Fassung erhältlich sein. Ein Preis wird noch nicht genannt, er dürfte aber wie beim Vorgängermodell gut 12 000 Euro betragen. Dafür bekommt man zum Zweizylinder-Reihenmotor mit 48 PS unter anderem ein neues Design mit höher positioniertem LED-Doppelscheinwerfer, eine aerodynamisch modifizierte Windschutzscheibe, einen schlankeren Mitteltunnel, der den Aufstieg erleichtert, sowie ein sieben Zoll großes TFT-Cockpit, über das nicht nur die drei Fahrmodi, sondern auch das neue Connectivity-System mit Garmin-Navigation gesteuert wird.

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Triumph stellte, noch leicht getarnt mit einem Hauch von Maske, die Neufassung der Großenduro Tiger 1200 ins Rampenlicht; die Fahrvorstellung ist für kommenden März vorgesehen. Die Briten, umtriebig wie nie, hatten die schöne Speed Triple 1200 RR sowie das adrette Mittelklasse-Allzweckwerkzeug Tiger Sport 660 zuvor schon online präsentiert.

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Europäische Namen, asiatische Hersteller

Der Piaggio-Konzern mit seinen diversen Marken präsentierte Neuheiten nur auf Sparflamme: Vespa Fehlanzeige, Piaggio Fehlanzeige, von Aprilia immerhin ein „Urban Adventure“-Roller. Diesen SR GT, weiterer Vertreter der noch jungen Gattung SUV-Roller, wird es mit 125- sowie 200-Kubik-Einzylindermotor geben. Zum 100. Geburtstag von Moto Guzzi präsentierten die Italiener die V100 Mandello und mit ihr den ersten wassergekühlten V2 dieser Marke. Eine Besonderheit ist die adaptive Aerodynamik mit sogenannten „Flaps“, kleinen Flügeln neben dem Windschild, die sich öffnen oder schließen, je nach Geschwindigkeit. Als erste Guzzi überhaupt verfügt die V100 über Kurven-ABS sowie ein semiaktives Fahrwerk. Aus 1042 Kubikzentimeter Hubraum holt der Vierventil-Twin ordentliche 115 PS heraus.

Nur auf den ersten Blick erweckte die Eicma den Eindruck, an der Angebotspalette vom Roller bis zum Superbike habe sich querbeet wenig geändert. Doch fiel bei genauerer Betrachtung auf, dass sich zwischen die altbekannten Hersteller immer mehr asiatische Produzenten, vor allem aus China, drängen. Die verbergen sich teilweise noch hinter traditionellen Markennamen wie Benelli (Qianjiang Motorcycle Ltd.) oder Moto Morini (Zhongneng Vehicle Group), treten aber immer öfter unter eigenem Label auf. Der Motorenproduzent Loncin, der unter anderem BMW als Kunden führt, vertreibt mittlerweile eigene Motorräder unter dem Namen Zontes. Auf der Eicma zeigten sie die Chinesen mit der GK 350 einen gefälligen Café Scrambler, der von einem neuen Single mit 348 Kubik angetrieben wird. Leistungsausbeute: ordentliche 39 PS. Ein anderes Beispiel für das gestiegene chinesische Selbstbewusstsein ist CF Moto, lange Zeit ausschließlich für seine vierrädrigen ATV bekannt. Seit der Kooperation mit KTM tritt CF Moto mehr und mehr mit eigenen großen Motorrädern auf wie der Reiseenduro MT 800 oder dem Retro-Bike CL-X 700.

Elektro: Geballte Ladung aus der Volksrepublik

Vorbei sind die Zeiten, in denen die aus dem Reich der Mitte angereisten Aussteller schmucklose, enge Stände aufbauten. Heute präsentieren sie sich mit aufwendigen Showbühnen. Den wesentlichen Anteil bilden elektrisch angetriebene Fahrzeuge. Während sich die großen Verbrenner-Hersteller noch schwertun mit der E-Mobilität, setzen die Chinesen ihre Pflöcke. Allen voran Niu, erst vor sechs Jahren gegründet, aber längst ein Vorreiter der zweirädrigen Elektromobilität. Die Chinesen erweitern ihr Programm kontinuierlich, sechs neue Modelle waren in Mailand zu sehen, darunter der MQi GT Evo, ein Elektroroller mit 100 km/h Höchstgeschwindigkeit statt lediglich 45 oder 70 km/h. Mit dem RQi zeigte Niu sein erstes Elektromotorrad. Als Antrieb kommt ein 5 kW starker Mittelmotor mit Kettenantrieb zum Einsatz, der von zwei herausnehmbaren 36 Ah/72 Volt-Akkus gespeist wird. Niu macht bisher keine Reichweitenangaben, verspricht aber auch hier eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h. Als Gimmick hat das elektrische Leichtkraftrad Heck- und Frontkameras an Bord.

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Auch die Vmoto-Soco-Gruppe, eine australisch-chinesische Kooperation, die sich bisher auf E-Scooter und -Mopeds namens Super Soco konzentrierte, machte anhand des Nakes Bikes Stash deutlich, dass man höher hinaus will. Der mittig im Rahmen positionierte Elektromotor kommt auf eine Leistung von 6 kW und ein Drehmoment von 110 Nm mit versprochenem Topspeed von 105 km/h. Der Name Stash bedeutet übersetzt soviel wie „verstauen” - in der Tank-Attrappe verbirgt sich ein Gepäckfach, das sogar einen Integralhelm aufnehmen kann.

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Die Schar der Elektroanbieter aus China mit noch unbekannten Namen ließe sich fast endlos fortsetzen: WOW, Ottobike, Felo, Yadea, Cake, Ox Motorcycles, Verge, Revolt, Tromox. Unter Federführung des Handelsministeriums der Volksrepublik traten 18 chinesische Hersteller gemeinsam als geballte Macht auf, organisiert in einer Art Dachorganisation namens „China Motorcycle & E-Vehicle Brand“. Ob Pietro Meda, Präsident der Eicma, an diese Art der Zukunft der eigenen Messe dachte, als er bei der Eröffnung meinte: „Welcome back, today the future opens again.”

Bitter jedenfalls für die Mailänder Messemacher, dass schon in den Wochen vor der Eicma etliche Hersteller eine Neuigkeit nach der anderen verkündeten, alles online. Ausgerechnet Ducati tat sich in dieser Hinsicht hervor, nutzte virtuos Internetkanäle, um Neuheiten der Scrambler-Familie, die Multistrada V2 und die Streetfighter V2 zu zeigen. Und dann wurde vergangene Woche, während die Eicma lief, auch noch das umfassend überarbeitete Supersport-Flaggschiff Panigale V4 auf Youtube vorgestellt. Mehr denn je handelt es sich hier um pure Rennsporttechnik mit Straßenzulassung. Mit 215 PS beziehungsweise 228 PS mit optionalem Rennauspuff. Aufhorchen ließ Ducati zudem mit der Nachricht, von 2023 an die Elektro-Rennmaschinen für die Rennserie der MotoE zur Verfügung zu stellen. Ein elektrisches Serienfahrzeug von Ducati ist noch nicht in Sicht, scheint sich damit jedoch anzukündigen.

BMW ist schon weiter. Mitte Januar wird die Fahrvorstellung des außerordentlich innovativ wirkenden Scooters CE-04 stattfinden. Bayern gegen China, heißt es dann. Markus Schramm, Chef von BMW Motorrad, hat mehrmals klargestellt: BMW-Fahrzeuge für den urbanen Einsatz würden in Zukunft ausschließlich elektrisch angetrieben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wille, Walter
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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