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Skitour mit Snowboard

Auf die harte Tour

Von Marco Dettweiler
Aktualisiert am 17.02.2020
 - 14:38
Schritt für Schritt ins Paradieszur Bildergalerie
Als Snowboarder mit einem Olympiasieger auf Skitour gehen. Klingt verrückt? War es am Ende auch.

Die Oberschenkel sind leer. Der Tag neigt sich zögerlich dem Ende zu, das schmale Stück vor uns jedoch nicht. Es wird steil. Richtig steil. Zu unseren Füßen liegt eine Rinne, eine knapp fünf Meter breite Schneise, deren linker und rechter Rand von Felsen markiert wird. Auch an kurze Schwünge ist mit dem Snowboard hier nicht zu denken. „Am besten rutschst du die ersten Meter auf der Kante“, sagte der Mann mit blauer Jacke, gelber Hose und schwarzen Skiern an den Füßen. Auf der Kante rutschen? Das machen nur Anfänger! Nun ja. Nach wenigen Sekunden und Blicken weicht der Stolz der Furcht. Jenseits der schwarzen Pisten nimmt man solche Ratschläge schnell und gerne an. Ehre und Eleganz haben wir an diesem Tag längst hinter uns gelassen.

Der Skifahrer in Blau-Gelb ist momentan der Einzige, der einen guten Tipp geben kann, wir sind in der Frühe zu zweit zu dieser Tour aufgebrochen. Aber er ist auch genau der Richtige. Hubert Strolz ist ein paar Schwünge von hier entfernt aufgewachsen und kennt die Gegend wie kein Zweiter. Der Österreicher wurde 1988 in Calgary Olympiasieger in der Kombination. Mit seinen 57 Jahren fährt er im Winter immer noch nahezu jeden Tag Ski, lehrt Anfängern die richtige Technik auf der Piste und Fortgeschrittenen jenseits davon. Er ist diese Stelle schon häufig mit anderen Skifahrern – und Snowboardern – abgefahren. Zur Not könnte er vermutlich den anderen auch auf den Rücken binden, um huckepack mit ihm abzufahren. Solange seine Skier nur irgendwie kanten können, kommt er mit seiner Erfahrung und Technik sicher ins Tal. Die braucht es hier oben, wenige Schwünge unterhalb des 2315 Meter hohen Mohnensattels.

Fünf Stunden vorher: Der Olympiasieger und der Hobby-Boarder sitzen entspannt im Wartherhorn-Express, einem von 15 Liften im Skigebiet Warth-Schröcken, und bereiten sich auf die Pfarrer-Müller-Tour vor. Die Strecke durch den Tiefschnee heißt so, weil sich im Jahr 1894 der Geistliche Johann Müller als Erster mit Brettern an den Füßen von Warth zum Nachbarort Lech auf den Weg machte. Dass ihm das gelang, lag an seinem Enthusiasmus fürs Skifahren und dem Glück, nicht von einer Lawine überrollt worden zu sein. So gingen etwa zwei Jahre später innerhalb von zwei Wochen 50 Lawinen auf den Weg von Warth nach Lech nieder, wie das „Vorarlberger Volksblatt“ berichtete. Auch wenn mehr als 120 Jahre später das Skigebiet mit moderner Technik ausgestattet, jede Piste perfekt präpariert ist, die Wintersportler bequem im Lift nach oben schweben und Rettungshubschrauber jederzeit einsatzbereit sind, ist die Lawinengefahr jenseits der Piste nicht viel geringer als Ende des 19. Jahrhunderts. „Haben Sie heute nach dem Lawinenbericht geschaut?“ Das ist eine der ersten Fragen an Hubert Strolz, während wir uns langsam dem Ausgangspunkt unserer Tour nähern. Zwischen den Gipfeln des Karhorns und des Warther Horns hat sich jede Menge Schnee angesammelt. Es waren zu viele Meldungen über Lawinentote, nicht zuletzt in Lech und Sankt Anton, die beide nicht weit entfernt liegen, so dass die Sorge von Anfang an mitfährt.

„Klar! Ich schaue ständig, wie die Wetter- und Schneeverhältnisse sind“, antwortet der ausgebildete Skiführer Strolz und gibt seinem Gast einen kleinen Kurs in Lawinenkunde. Es wird schnell anschaulich. Strolz zeigt nach oben zum Warther Horn, also dorthin, wo wir in ein paar Minuten mit unseren Brettern durch den Schnee stapfen, während er erzählt, dass von dort im Jahr 1999 eine Lawine abgegangen ist, die drei Stützen des Steffisalp-Express mitriss. Dieser Lift liegt lange hinter uns, es war also eine gewaltige Lawine. Verletzte? Tote? Nein, es ist keinem Menschen etwas passiert, weil die Piste damals wegen der Lawinengefahr gesperrt war. An diesem Tag im Januar 2020 herrscht Stufe 2. „Mäßig“ heißt das in der Europäischen Lawinengefahren-Skala: Wenn mehrere Skifahrer oder Snowboarder an Steilhängen ohne Abstand unterwegs sind und als Masse ordentlich auf die Schneedecke drücken, kann eine Lawine ausgelöst werden. Die Wahrscheinlichkeit, an solchen Tagen in Frankfurt vom Auto überfahren zu werden, ist größer. Also raus aus dem Lift und rauf auf die Bretter.

Das dauert eine Weile. Zunächst erklärt Strolz den Inhalt des Lawinenrucksacks, den jeder Tourengeher auf dem Rücken haben sollte. Der Dreiklang des Überlebens hört sich so an: Schaufel, Sonde, Lawinenverschüttetensuchgerät. Viel Zeit hat ein Retter nicht, um diese Instrumente einzusetzen. Nach 15 Minuten wird es immer unwahrscheinlicher, dass der Verschüttete überlebt. Strolz drückt die wichtigen Knöpfe auf dem LVS, simuliert im Schnee, wie man sich damit effizient dem Fundort nähert, baut Sonde und Schaufel zusammen und verstaut anschließend wieder alles im Rucksack. Der Lawinenrucksack ist auch eine Last. Mit ihm geht man als Tourengeher das Versprechen ein, den anderen zu retten, wenn man selbst von der Lawine verschont geblieben ist. „Was ist, wenn alle verschüttet wurden?“, fragen wir den Profi. Die Antwort haben wir verdrängt.

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Snowboard-Hybrid im Test
Wie funktioniert ein Splitboard?

„Jetzt sollten wir mal los, sonst kommen wir heute nicht mehr an“, drängt Strolz freundlich, aber bestimmt. Er weiß nämlich, dass alles etwas länger dauern könnte. Der Skifahrer hat einen Splitboarder als Gast an seiner Seite, also einen Snowboarder, der auch mal eine Tour machen will. Das spezielle Brett, in diesem Fall von Burton, wird der Länge nach geteilt, indem vier Scharniere geöffnet werden (Hier geht's zum ausführlichen Test des Splitboards). Vorher wurde die Bindung demontiert, nach der Trennung wieder aufgesetzt. Nun geht es weiter wie bei den Skifahrern. Es werden Felle und Krallen aufgezogen, damit es mit den Brettern überhaupt berghoch gehen kann. Und es geht gleich ordentlich hoch. Da es tagelang nicht geschneit hat, ist die Spur anderer Tourengeher gut sichtbar. Schritt für Schritt voller Stolz, wenige Meter hinter Strolz. Der Skifahrer hängt den Snowboarder nicht ab, also jedenfalls dann nicht, wenn er nur im ersten Gang dahinschreitet. Wie gut, dass das Stück durch die verschneite Wand nicht allzu weit ist.

Nach einer halben Stunde erreichen wir Sonne und Sattel, der weite Blick in das wunderbare Lechtal bringt noch zusätzlich Luft. Hier könnte Pfarrer Johann Müller damals mit seinen Brettern gestanden haben. Es geht wieder den Berg hinunter. Also Stöcke zusammenfalten und im Rucksack verstauen, aus der Bindung aussteigen, diese demontieren, Felle und Kralle entfernen, Splitboard zusammenfügen, Bindung montieren und einsteigen. Wir stehen abfahrbereit, der Akku der Oberschenkel ist halbleer, die Membran der Funktionskleidung voll mit Schweiß.

Nur nicht den Kopf in den Schnee stecken

Hubert Strolz wäre schon längst über alle Berge. Aber er wartet, bis sein Begleiter den Kopf wieder aus dem Tiefschnee gezogen hat, nachdem diesem nach wenigen Schwüngen zu spät klar wurde, dass es verschiedene Arten von Tiefschnee gibt, wie zum Beispiel diesen fiesen mit angefrorener Schicht, die sich nicht wie Pulver locker-flockig davonmacht, wenn eine Kante sie zur Seite drückt. Auch wenn es einem Skifahrer nicht leichter fällt, sich nach einem Sturz wieder in Fahrposition zu begeben, verdeutlicht das Fahrtende an diesem ersten Hang, warum das Splitboard nur ein Kompromiss sein kann. Denn es heißt wieder: aus der Bindung steigen, Board umbauen, Felle und Krallen aufziehen und Stöcke rausholen. Wieder wartet Strolz freundlich. Das erste Mal fallen die Worte: „Das Los des Snowboarders.“

Am Ende der Pfarrer-Müller-Tour wird es romantisch. Während Strolz mit seinen Skiern auf einer Mini-Brücke über den Bach rutscht, überquert der Snowboarder mit seinem Brett in der Hand die Hürde. In dem wunderbar verschneiten Wald auf dem Weg nach Stubenbach schultern beide ihre Bretter. Dort angekommen geht es mit dem Bus weiter nach Lech. Der Skiort hat mit dem Auenfeld-Jet seit sechs Jahren eine Verbindung mit Warth, so dass der Rückweg von der Tour ganz klassisch mit dem Lift hinauf- und auf der Piste hinunterführt.

Aber nicht mit Hubert Strolz. Am Ende der Steinmähderbahn schultern wir abermals die Bretter und stapfen zehn Minuten lang auf zirka 2300 Meter zwischen Zuger Hochlicht und Mohnensattel. „Wasser haben wir ja dabei, also ziehen wir jetzt durch“, sagt der Profi. Dass er sich auf eine gemütliche Abfahrt Richtung Warth gefreut hat, verschweigt der Amateur. Also weiter geht’s. Wunderbarer Tiefschnee lässt das Snowboard dorthin gleiten, wo es soll.

Schneller beim Bier

Das geht so lange gut, bis der Körper signalisiert: Ich kann nicht mehr! Die Rinne hätte es am Nachmittag nicht mehr gebraucht. Dieses Stück war eigentlich zu viel. Doch das Runterrutschen hat geklappt, ebenso die restlichen Meter durch den fluffigen Schnee bis zum nächsten Bach. Der Blick zurück, hoch zum steilen Gelände aus weißen Flecken aus Schnee und Stein, lässt zwar nicht die Muskeln mit Energie füllen, dafür das Herz mit Stolz. Das kalte Leitungswasser aus der Trinkflasche schmeckt jetzt besonders gut, selbst der Olympiasieger gönnt sich ein paar Nüsse.

Das Los des Snowboarders! Strolz sagt es fairerweise nicht, aber streckt seinen Stock nach hinten, um seine Hilfe zum Ziehen anzubieten. Als Skifahrer lässt sich das leicht hügelige Auf und Ab durch das Tal Richtung Schröcken mit ein paar Stockeinsätzen locker überwinden. Als Snowboarder bleibt man wie immer stehen, sobald die Spur ansteigt. Die Felle anzuschnallen ist zu aufwendig, also geht es an Strolz’ Stock weiter. Als wir das Wort „Bier“ hören, mit Schwung auf den letzten Hügel gezogen werden und loslassen, wird noch einmal Energie freigesetzt, damit das Snowboard schnellstmöglich sich dem Ziel nähert. Denn dem Wort „Bier“ folgen die Worte: „In sechs Minuten kommt der Bus.“ Die Zeit am Holzhüttenkiosk mit Countrymusik im Hintergrund hätte sogar für zwei gereicht – obwohl der Bus nach Warth pünktlich ist. Endlich mal schneller als der Olympiasieger.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Dettweiler, Marco
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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