Reverso von Jaeger-LeCoultre

Zeitenwende

Von Martin Häußermann
06.12.2021
, 10:09
Anschaulich: Eine Etage der Ausstellung ist ausschließlich den technischen Innovationen gewidmet. Ein überdimensionales Modell zeigt, wie es möglich ist, auf beiden Seiten eines Uhrwerks eine Zeitanzeige zu platzieren.
Man kann sie drehen und wenden, wie man will. Die Reverso von Jaeger-LeCoultre ist eine der vielseitigsten Uhren der Welt, wird seit 90 Jahren gebaut und jetzt dafür in Paris gefeiert.
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Emmanuel Macron mag rechteckige Uhren, wie viele Pressefotos und TV-Bilder zeigen. Da dürfte der französische Staatspräsident auch die Reverso von Jaeger-LeCoultre durchaus schätzen. Nicht zuletzt aus pa- triotischen Gründen. Schließlich wurde das Wendegehäuse vor 90 Jahren in Paris patentiert, und der Uhrenklassiker wird dortselbst nun gebührend gefeiert – in einem Pop-up-Museum, ganz in der Nähe des Elysée-Palasts.

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Monsieur le Président könnte also einfach mal in der Mittagspause vorbeischauen. Wobei wir ihm das nicht raten würden. Denn um die Ausstellung, die noch bis Heiligabend geöffnet ist, so richtig zu verstehen, sind nach unserem Eindruck mindestens zwei Stunden notwendig. Wer noch ein Zusatzangebot wie den kleinen Uhrmacherkurs oder einen Besuch im Art-déco-Café im vierten Stock erwägt, sollte deutlich mehr Zeit einplanen. Schließlich gilt es, eine der vielseitigsten Uhren der Welt zu entdecken.

Aufgrund ihrer Herkunft und Beliebtheit ist die Reverso eigentlich eine sehr europäische Uhr, doch ihre Geschichte begann laut der Annalen von Jaeger-LeCoultre in Indien im Jahr 1930. Dort ist zu dieser Zeit das Polospiel sehr beliebt. Weil Polosticks und umherfliegende Bälle gefährlich sind für die damals gängigen Uhrengläser, ersuchte der Geschichte zufolge ein Polospieler die Uhrenmanufaktur aus dem Schweizer Jura, doch eine Uhr zu entwickeln, deren Glas während des Spiels wirkungsvoll geschützt sei. So kam man relativ schnell auf die Idee eines Wendegehäuses, die dank des französischen Ingenieurs René-Alfred Chauvot auch Gestalt annahm. Insgesamt 17 Entwürfe habe er zu Papier gebracht, bevor die Konstruktion am 4. März 1931 in Paris zum Patent angemeldet wurde.

Das ist der Beginn einer Erfolgsgeschichte, denn das Wendegehäuse inspirierte Künstler, Kunsthandwerker, Konstrukteure und Uhrmacher gleichermaßen. Schließlich wollte die Rückseite der Uhr, die man mit einem Daumendruck auf die linke Gehäuseflanke sichtbar machen kann, ebenfalls bespielt werden. Im einfachsten Fall ist sie mit einem eingravierten Monogramm der Besitzerin oder des Besitzers verziert. Nein, wir gendern hier nicht. Die Reverso ist, je nach Ausgestaltung, Damen- oder Herrenuhr, die Kreative lädt, sich auszutoben. Graveure, Guillocheure, Edelsteinfasser, Emailleure und Miniaturmaler finden auf der massiven Rückseite des im Art-déco-Stil gehaltenen Gehäuses ihre Spielfelder. All diese Kunsthandwerke werden bis heute in der Manufaktur von Jaeger-LeCoultre gepflegt.

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Zur Feier des 90. Geburtstags legte die Manufaktur die Kollektion Tribute auf, die gleich drei dieser Kunsthandwerke kombiniert. Während die guillochierten Zifferblätter bewusst schlicht in einem feinen Graublau oder Grün gehalten wurden, werden auf der Rückseite wichtige Werke der europäischen Kunstgeschichte sichtbar, die jahrzehntelang als verschollen galten, vor einigen Jahren wiederauftauchten und für echt erklärt wurden. Im Einzelnen sind dies das Bild „Blick auf den Genfer See“ (1876) von Gustave Courbet, „Sonnenuntergang bei Montmajour“ (1888) von Vincent van Gogh und „Bildnis einer Frau“ (1917) von Gustav Klimt. Diese Werke wurden Miniaturmalern mit einem unglaublichen Detailreichtum auf den Weißgoldgehäusen reproduziert und durch die Technik des Grand-Feu-Emaillierens haltbar gemacht. Limitiert ist jede diese Uhren auf zehn Exemplare zum Stückpreis von 108.000 Euro.

Jaeger-LeCoultre ist aber nicht nur künstlerisch, sondern vor allem im Uhrwerksbau kreativ und innovativ. Davon zeugen 49 speziell für die Reverso entwickelte Uhrwerke, die in einem Schaukasten im zweiten Stock der Ausstellung zu sehen sind, darunter Minutenrepetitionen, Ewige Kalender oder das sich um zwei Achsen drehende Gyrotourbillon. Vollkommen klar, dass so findige Konstrukteure sehr schnell auf die Idee kamen, das Wendegehäuse dazu nutzten, Uhrwerke mit zwei Zifferblättern zu entwickeln. Das ist an sich schon schwierig, weil sich das Uhrwerk nur in eine Richtung dreht, die Zeiger auf dem beiden Zifferblattseiten aber sich in gegenseitige Richtungen bewegen müssen.

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Ein überlebensgroßes Modell zeigt technisch interessierten Uhrenliebhabern, wie das funktioniert. Und weil zwei Zifferblätter für manche noch nicht genug sind, ersannen die Entwickler die Reverso Hybris Mechanica Calibre 185 Quadriptyque mit gleich vier Zifferblättern. Dazu wurde die beiden Seiten der Halteplatte auch noch mit Anzeigen ausgestattet, die über einen komplexen Übertragungsmechanismus vom Uhrwerk im Wendegehäuse übertragen werden. Für diese sagenhafte Uhr werden allerdings auch sagenhafte 1,6 Millionen Euro fällig. Das wäre dann selbst für Emmanuel Macron einen namhafte Ausgabe.

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Die Ausstellung „Reverso – Timeless Stories“ ist noch bis 24. Dezember in der Rue du Faubourg Saint-Honoré 15 in Paris zu sehen. Geöffnet ist sie Dienstag bis Samstag, 11 bis 19 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. Audioguides in französischer und englischer Sprache sind am Eingang erhältlich. Eine Reservierung unter www.exposition-reverso.com wird empfohlen.

Quelle: F.A.S.
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