Knifflige Lage

Drohneneinsatz im Weinberg

Von Marco Dettweiler
10.08.2022
, 10:29
Auftrieb: Über Klüsserath an der Mosel setzt eine Drohne zum Spritzen an.
Steillagen machen den Winzern viel Arbeit. Jetzt sollen Drohnen beim Spritzen helfen. Die ersten fliegen schon über die Rebstöcke. Aber immer nur kurz.
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Was haben Hubschrauber, Traktor, Pferd und Mensch gemeinsam? Sie helfen alle dabei, einen Weinberg zu bewirtschaften. Nun kommt als neuer Helfer die Drohne hinzu. Das Bundesministerium für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) erlaubt seit Mai vergangenen Jahres den Einsatz von „unbemannten Luftfahrzeugen“. Aber eingeschränkt: Die Drohnen dürfen nur in Steillagen bestimmte Pflanzenschutzmittel versprühen, und zwar all jene, die auch für den Hubschraubereinsatz erlaubt sind. Ebenso dürfen sie sich nicht weiter als zwei Meter von den Pflanzen entfernen und nicht schneller fliegen als 13 km/h. Zwei Menschen müssen immer vor Ort sein: der Pilot und ein Spotter, also einer, der aufpasst. Wenn all das beachtet wird, müssen dennoch Genehmigungen eingeholt werden. Die Behörden machen es weder den Winzern noch den Drohnendienstleistern leicht.

Roman Niewodniczanski hat sich nicht aufhalten lassen. Der Inhaber des Weinguts Van Volxem an der Saar hat erfolgreich ein Unternehmen beauftragt. Robopics mit Sitz in Hamburg hat auf zwanzig Hektar der Rebflächen sieben Tonnen Quaterna von Sobac mit einer Drohne verteilt. Das Weingut Nik Weis St. Urbans Hof in Leiwen hat sogar seine komplette Rebfläche auf diese Weise düngen lassen. Das Granulat aktiviert auf natürliche Weise die Humusbildung, damit der Boden mehr Nährstoffe speichert. Van Volxem stelle sich als Weingut immer digitaler auf, sagt Niewodniczanski, außerdem sei er technikfreundlich, sodass der Einsatz einer Drohne als weitere Möglichkeit, die Weinberge zu bewirtschaften, für ihn letztlich logisch war. Er schließe auch nicht aus, dass sich Van Volxem sogar mal eigene Drohnen anschafft.

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Solch eine könnte die Agras T30 von DJI sein, die Robopics an Saar und Mosel eingesetzt hat und die das derzeit größte und leistungsstärkste Gerät ist. Sie kann dreißig Liter Flüssigkeit oder vierzig Kilogramm fester Stoffe wie Granulat tragen. Direkt kaufen bei DJI lässt sie sich nicht. Es gibt Vertriebspartner in Deutschland, welche die Drohnen so anpassen, dass sie der hiesigen Gesetzgebung entsprechen, also vom Julius-Kühn-Institut zertifiziert werden. So sind etwa nur sechs verschiedene „Spritzeinrichtungen“ erlaubt. Neben der Verteilung von Granulat mit Hilfe eines Tellerstreuers versprühen Multikopter aus einem Tank synthetische oder auch natürliche Mittel über den Rebstöcken.

Die Praxis kann mit der Theorie noch nicht mithalten

Luftfahrzeuge im Weinanbau gibt es schon länger. Nur sind sie im Vergleich zu Drohnen bemannt, groß und laut. Gerade Winzer an der Mosel nutzen seit vielen Jahren die Dienste des Hubschraubers, um in Steil- und Steilstlagen die Mitarbeiter des Weinguts zu entlasten. Manche Winzer organisieren sich in Genossen- und Gemeinschaften, damit der Einsatz der Hubschrauber günstiger und effizienter wird, weil er während eines Fluges gleich mehrere Parzellen überfliegen kann. Der Einsatz ist für die Piloten wegen der Umgebung risikoreich. In den vergangenen Jahren gab es wiederholt Unfälle im Weinberg, von denen einige tödlich endeten. Außerdem kann ein Hubschrauber nicht so tief über die Parzellen fliegen, die Mittel verteilen sich nicht exakt. Alternativ fahren am Seil gesicherte Raupen mit Spritzvorrichtung die Steillagen hoch und runter. Diese Kettenfahrzeuge sind teuer, zudem verdichten sie den Boden, was viele Winzer verhindern wollen. In Steilstlagen setzen Winzer noch die Schlauchspritzung ein. Dabei mühen sich zwei Mitarbeiter die Berge hoch und runter, um die Flüssigkeit zu verteilen. Diese Arbeit ist besonders anstrengend. Traktoren wären immer noch am effektivsten, auch weil sie sich am nächsten an den Rebstöcken bewegen, von der Seite spritzen und mehr Druck aufbauen, damit die Flüssigkeit besser in die Pflanze eindringt. Doch in der Steillage haben sie keine Chance.

Drohnen müssen an hiesige Vorgaben angepasst werden, so sind etwa nur sechs verschiedene „Spritzeinrichtungen“ erlaubt.
Drohnen müssen an hiesige Vorgaben angepasst werden, so sind etwa nur sechs verschiedene „Spritzeinrichtungen“ erlaubt. Bild: DJI

Drohnen scheinen zunächst wie geschaffen für diese Arbeit. Sie überfliegen entweder beim ersten Mal die Parzellen, um sie zu kartieren. Oder einfacher: Der Pilot lädt vorher zugängliches Kartenmaterial wie Google Maps in sein System, um die Grenzen automatisch oder manuell zu markieren. Weil das GPS-Signal, das die Drohne nutzt, zu ungenau ist, verwendet sie zusätzlich ein RTK-Signal (Real Time Kinematik). Mit diesem lassen sich die GPS-Daten korrigieren, indem die Drohne sie meist per Mobilfunk im Internet mit einem RTK-Netzwerk abgleicht. Aus einer Ungenauigkeit von zwei bis drei Metern wird eine Genauigkeit von ein bis zwei Zentimetern. Die Flugroute innerhalb der Parzelle erledigt die Drohne autonom. Sie muss nur wissen, wie hoch sie über den Reben fliegen soll, den Abstand misst sie selbst.

Mit der FPV-Kamera schaut der Pilot aus Sicht der Drohne.
Mit der FPV-Kamera schaut der Pilot aus Sicht der Drohne. Bild: DJI

So die Theorie. Die Praxis sieht anders aus. „Das Radarsystem der Agras T30 von DJI ist so schlecht, dass die gesetzlich vorgegebenen zwei Meter Maximalabstand kaum einzuhalten sind“, sagt Jakub Müller-Burbach von Robopics. Es gibt noch weitere Schwächen. Alle Drohnen haben den Nachteil, dass ihr Akku nicht lange hält. Sie müssen spätestens nach einer Viertelstunde wieder zu ihrem Startpunkt zurückkehren, wo jemand die leeren Akkus an einem Griff herauszieht und neue einsetzt, was aber erstaunlich schnell geht. Doch das ist noch nicht einmal das größte Problem. Der Drohnenpilot holt sie alle zwei bis drei Minuten zurück, um den Tank oder den Behälter nachzufüllen. Dreißig Liter Flüssigkeit oder vierzig Kilogramm Granulat sind schnell verteilt. Mit Granulat geht es noch am schnellsten voran. Robopics verteilt 220 Kilogramm auf einem Hektar in einer Dreiviertelstunde. Über die Verteilung von Flüssigkeit liest und hört man unterschiedliche Zahlen. Eine davon: Die üblichen 100 Liter synthetischen Mittels auf einem Hektar zu verteilen dauert eine Stunde. Weil Biowinzer über ihre Rebflächen ein Vielfaches je Hektar ihrer ökologischen Mittel regnen lassen müssen, kommen sie mit Drohnen nicht weit.

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In Deutschland sind circa vierzig Drohnen im Einsatz

Und wenn die Winzer mit klassischem Weinbau nur wirtschaftlich kalkulieren, spricht noch vieles für den Hubschrauber. Anbieter wie DHD Heliservice machen zwar ein Betriebsgeheimnis aus ihren Preisen, aber in der Branche werden Zahlen genannt wie 270 Euro pro Hektar, davon schafft der Hubschrauber sieben bis acht in der Stunde. In dieser Zeit hat die Drohne gerade mal einen Hektar erledigt.

In Deutschland sind zurzeit circa vierzig Drohnen im Einsatz von verschiedenen Herstellern wie XAG, Multikopter, Aero 41 und natürlich DJI. Die Chinesen beherrschen schon den Markt im Heimanwenderbereich, zudem fliegen in Asien bereits 120.000 Lastdrohnen ihre Einsätze in der Landwirtschaft, jedoch nicht im Weinberg. Die Steillagen mit Rebstöcken hatte DJI nicht im Sinn, als sie ihre Lastdrohnen entwickelt haben – auch nicht bei der Agras T40 haben, die bald auf den Markt kommt.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dettweiler, Marco
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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