Ein Plädoyer fürs Kochen

Rührt euch!

Von Marco Dettweiler
01.12.2020
, 10:13
Viele Deutsche haben das Kochen verlernt. Jetzt nehmen ihnen auch noch automatisierte Kochassistenten die Arbeit ab. Höchste Zeit für einen flammenden Aufruf.

Liebe Deutsche, wir müssen reden: Ist es wirklich so schwer, zu Hause richtig zu kochen? Macht es so viel Mühe, Messer, Topf und Pfanne in die Hand zu nehmen, um eine kleingeschnittene Zwiebel zu dünsten, Kartoffeln, Nudeln oder Reis zu kochen, Gemüse zu garen und ein Stück Fleisch anzubraten? Nein? Es sieht aber ganz so aus! Die Deutschen haben offenbar schon länger ein Problem damit. Sie haben das Kochen verlernt. „Seit Jahren weisen wir darauf hin, dass die Kochkompetenz der Deutschen drastisch sinkt“, sagte Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), vor kurzem.

Die Corona-Beschränkungen hätten die Misere noch klarer gezeigt. „Der Wegfall des Angebots von Schnellrestaurants, Pommesbuden und dem Italiener um die Ecke wirft die Leute dramatisch zurück auf ihre eigenen Kochkünste.“ Und die lassen oft zu wünschen übrig, weil die Übung fehlt. Laut einer Studie des Arzneimittelherstellers Stada kochen nur 46 Prozent der Deutschen täglich frisch. In Europa wird demnach lediglich in Großbritannien seltener gekocht.

Deswegen flutet die Industrie seit Jahren die Küche mit maschinellen Kochgehilfen jeder Art. Wo früher der Schnellkochtopf im Einsatz war, steht heute die multifunktionale Küchenmaschine mit Warmhaltefunktion, die gerne mit Thermomix abgekürzt wird, auch wenn sie von Bosch, Krups, Lidl oder Aldi ist. Einige davon kosten weit mehr als 1000 Euro. Mit Sätzen wie „Schließen Sie den Deckel“, die fortwährend auf dem kleinen Display erscheinen, werden ihre Nutzer entmündigt. Es bleibt kaum Platz für eigene Gedanken oder Ideen. Wer jeden Tag mit Thermomix & Co. kocht, lernt nichts dazu, er lernt also auch nicht kochen. Dennoch sind Deutschlands Küchen überfüllt mit den Kochrobotern. Sie übernehmen die Kontrolle.

Dann lernen Sie es doch einfach!

Ihre Anhänger verteidigen die Geräte mit drei Argumenten. Erstens: Wenn ich schon nicht kochen kann, mache ich mir wenigstens mit dem Thermomix (oder Produkten der Konkurrenz) etwas Frisches zu essen. Zweitens: Ich habe keine Zeit, mich werktags an den Herd zu stellen, um zu kochen. Drittens: Gerichte wie Risotto oder Püree kann ich nebenbei laufen lassen, während ich mich dem Braten des Fleischs zuwende.

Zu erstens: Dann lernen Sie es doch einfach! Zu zweitens: Doch, gerade im Homeoffice geht das! Zu drittens: Nein, das geht auch so nebenbei!

Wie mit der Wetter-App

Nun will auch noch Miele den Menschen beim Kochen helfen. Aber nicht mit einer multifunktionalen Küchenmaschine mit Warmhaltefunktion. Der CookAssist ist eine App, die weiß, was das Kochfeld gerade macht, und die den Nutzer lenkt. Hilfsbedürftige stehen also vor der Pfanne, schauen aber nicht in sie hinein, sondern auf ihr Smartphone, um dort abzulesen, wie heiß sie ist. Das ist in etwa so, als würde man die Außentemperatur mit der Wetter-App prüfen, ohne vor die Tür zu gehen.

Miele nutzt dabei ganz smart die Technik TempControl seiner Induktionskochfelder der Serie KM 7000. Unterhalb der Oberfläche sitzen Sensoren, die das Material der Pfanne oder des Topfes analysieren, um die Temperatur des Kochgeschirrs konstant halten zu können. Denn die ändert sich während der Nutzung, wenn darin etwas gekocht, gegart oder gebraten wird. Der übliche Weg, in der angezeigten Skala einen Wert zwischen 0 und 9 auszuwählen, führt nur dazu, dass das Induktionskochfeld eine bestimmte Temperatur hält. Das bedeutet aber nicht, dass das Kochgeschirr dies auch tut. Schließlich erwärmen sich die Lebensmittel, nehmen mit der Zeit weniger Energie auf und drohen anzubrennen, weil das Induktionskochfeld weiter die gleiche Hitze wie am Anfang zur Verfügung stellt. Mit TempControl lassen sich drei Bratstufen einstellen: 160, 200 und 220 Grad.

Okay, das ist eine Hilfe, die erfahrene Köche brauchen können, obwohl sie nicht unbedingt notwendig ist. Allerdings dürften die meisten von ihnen an einem Kochfeld ohne TempControl gelernt haben, sodass die Reduktion der Hitze beim Braten zum Einmaleins des Kochens gehört. Aber warum packt Miele dann hier noch den Cook-Assist oben drauf? „Auf dem Weg zum perfekten Ergebnis kommen dann Fragen wie diese auf: Welche Leistungsstufe ist die richtige? Wann sollte der Fisch gewendet werden? Kann die Zucchini jetzt schon in die Pfanne?“, teilt die Marketingabteilung dazu mit. „Weil die App Schritt für Schritt durch den gesamten Bratprozess führt, gelingen anspruchsvolle Klassiker wie Steak, Lachsfilet oder Blaubeerpancakes selbst ohne jede Vorkenntnis auf den Punkt.“

Die Maschine übernimmt die Kontrolle

Damit hat Miele seine Kunden dort, wo sie Thermomix & Co. auch haben wollen: Die Maschine übernimmt die Kontrolle, der Mensch folgt und wird auch nach tausend gebratenen Steaks und Pfannkuchen nichts gelernt haben. Denn die Fragen, wann ein Fisch gewendet oder die Zucchini herausgeholt werden kann, beantworten die Assistentenverkäufer nicht. Seit einiger Zeit übernehmen diese Lehrfunktion, die früher vielleicht Großeltern oder Eltern innehatten, die Kochshows, deren pädagogischen Wert man nicht unterschätzen sollte, sofern man am Kochen und nicht an der Show oder an forschen Sprüchen interessiert ist.

Miele kann man zugutehalten, dass sich das Kochfeld auch ohne CookAssist bedienen lässt, wenn dann aus dem Anfänger tatsächlich ein Koch geworden ist. Die multifunktionalen Küchenmaschinen mit Warmhaltefunktion bleiben multifunktionale Küchenmaschinen mit Warmhaltefunktion. Hat sich jemand in die Freiheit gekocht, kann das teure Gerät in den Keller.

Profi macht vor, der Laie nach

Es lohnt sich, Youtube-Videos anzuschauen oder Videokurse zu kaufen, in denen auf unterschiedlichen Leveln gezeigt wird, wie man richtig kocht. Das Internet ist voll davon. So wurde etwa das erfolgreiche Masterclass-Konzept aus Amerika, in dem Fachleute (Schauspieler, Sportler, Wissenschaftler und auch Köche) in einzelnen Lektionen zeigen, wie ihr jeweiliges Fach funktioniert, in Deutschland kopiert. Dort nennt es sich Meet Your Master oder Meisterklasse. Auch bei 7hauben findet man solche Kurse.

Bis vor kurzem gab es auf Meisterklasse.de nur den Kurs „Kochen mit Legende Harald Wohlfahrt“. Wir haben die 89 Euro investiert und viel dabei gelernt. Es sind auch Lektionen dabei, die wirklich für Anfänger gedacht sind, und dennoch zeigt Wohlfahrt bei jedem Rezept einen Handgriff oder gibt einen Tipp, der zu Hause in der eigenen Küche Anwendung findet. Die Idee solcher Videotutorials setzt das bewährte Konzept der Lehr-Lern-Situation um: Der Profi macht es vor, der Laie macht es nach.

Macht es wie Luke Skywalker!

In den Kochtutorials von Meisterklasse taucht auch ein junges Paar auf, das den sonst eher spröden Wohlfahrt beharrlich mit oft einfältigen Fragen konfrontiert, die dieser in aller Ruhe beantwortet. Stünden die beiden vor einer multifunktionalen Küchenmaschine mit Warmhaltefunktion oder einem CookAssist, gelänge das Gericht wohl auf Anhieb. Aber welcher Weg ist wirklich der bessere? Der, mit Blick in die Zukunft, befriedigendere? Sich ein Küchenleben lang von einer Maschine sagen zu lassen, was zu tun ist, erscheint doch mehr als fragwürdig. Also: Stellt den Assistenten am Kochfeld ab und macht es wie Luke Skywalker in „Star Wars“ - lasst euch von euren Gefühlen leiten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dettweiler, Marco
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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