Fahrradsättel aus Leder

Es muss nicht immer Brooks sein

Von Hans-Heinrich Pardey
03.08.2020
, 15:31
Weitaus mehr Ledersättel als nur die der britischen Traditionsmarke sind auf dem Markt. Auch wenn es nicht so aussieht.

Man könnte manchmal meinen, der Begriff Kernledersattel und der Markenname Brooks seien in der Fahrradwelt Synonyme. Das hängt nicht nur mit der bald 140 Jahre zurückreichenden Tradition des britischen Herstellers zusammen. Es ist im – sogar gut sortierten – Fahrradhandel derzeit kaum eine andere Marke von Ledersätteln zu entdecken. In der Vergangenheit war das keineswegs so. Doch auch heute hat, wer einen Ledersattel sucht, durchaus überlegenswerte Alternativen zu Brooks.

Bis vor wenigen Jahren noch waren zum Beispiel Ledersättel der deutschen Traditionsmarke Wittkop zu haben. Wahre Ungetüme waren das, breit und schwer, mit mächtigen Zug- und Druckfedern im Unterbau. Wittkop war Ende der achtziger Jahre von dem Komponentenhersteller und -distributor Büchel übernommen worden. Der hat unter dem Namen Wittkop heute neben einem Modell Big Gorilla (das nicht nur so heißt, sondern auch so aussieht) etwa den gefederten Tourensattel California im Programm: ein komfortabler, breiter, auf ein ordentliches Hinterteil wartender Fahrradsitz mit verchromtem Unterbau und einer Satteldecke aus dem Kunstleder Skai.

Um das schnell nachzutragen: Wenn hier von Ledersätteln die Rede ist, dann ist nicht ein „Fahrradsattel mit Leder- optik“, oder wie immer der Kunststoffaufbau werbend umschrieben wird, gemeint, sondern ein Stück Natur: fünf Millimeter starkes Rindsleder, unter Einwirkung von Feuchtigkeit, Druck und sanfter Wärme bei einer längeren Trocknung in Form gebracht und auf eine im Prinzip dreieckige Brücke aus Stahldraht und -blech genietet.

Dieses Konstruktionsprinzip hat sich seit dem ersten Patent von Brooks vor bald anderthalb Jahrhunderten nicht geändert; es ist bloß in vielfältiger Weise modifiziert worden, vor allem in zwei Richtungen: Zum einen wurde dem freitragend zwischen den Nieten hängenden Leder statt einer praktisch nicht nachgebenden Brücke eine federnde Aufhängung gegeben. Bis heute sind ohne Rücksicht aufs Gewicht martialisch aussehende Konstruktionen mit dicken Schraubenfedern im Angebot. Andererseits versuchte man, für den Radsport die Sättel leichter zu machen. Aber natürlich kann kein Ledersattel mit modernem Kunststoff, etwa einer Sitzschale aus Karbon, auf der Waage konkurrieren.

Ein Hersteller, der bis zum Ende der achtziger Jahre nicht nur traditionelle Ledersättel baute, sondern Formen kreierte, die ähnlich modern wirkten wie die sich zu dieser Zeit endgültig etablierenden Kunststoffsättel, war die französischen Marke Idéale. Heute kann man immerhin das klassische Modell No. 90 Spécial Competition mit der Prägung „Rodée main selon Rebour“, also vorgewalkt nach der Methode von Daniel Rebour, zum kunsthandwerklichen Preis von rund 280 Euro neu haben. Nur keine Aufregung: Für wenig gebrauchte, vor Jahrzehnten gefertigte Exemplare werden im Netz Preise von mehr als 600 Dollar aufgerufen.

Wo man im Netz zu weit geringeren als den bei etwa 90 Euro beginnenden Preisen von Brooks Ledersättel angeboten findet, scheint etwas Vorsicht geboten. Mit einem momentan nicht mehr erhältlichen Sattel unter dem phantasievollen Namen „Gerald C.“ zum Preis von rund 70 Euro wurden schlechte Erfahrungen gemacht: Die Oberfläche des Leders schlug nach kurzem Gebrauch, wozu neben der nötigen Pflege auch ein kurzer Regenguss gehörte, lauter kleine Blasen. So etwas sollte nicht sein. Das Leder guter Markensättel hält sehr wohl eine Regenfahrt oder eine Gewitternacht ohne einen schützenden Überzug aus, auch wenn die Fama anderes behauptet.

Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis haben die von Hartje unter der Eigenmarke Contec vertriebenen Sättel der Historic-Serie. Sie werden zwar vor allem für das Nostalgie-Rad angeboten, haben aber – nach der Phase des Einfahrens, versteht sich – im praktischen Alltag alle Vorzüge des Naturmaterials: den Komfort perfekter Passform. Zum Schutz des Leders von unten ist es mit einem seidenartigen Textilmaterial beklebt. Mit und ohne gefedertem Unterbau, in schmaleren Sportversionen und mit mehr Breite Bequemlichkeit bietend, orientiert sich die Serie an Klassikern wie dem B17 von Brooks. Besonders gefallen hat der Historic Exclusive Wide, der nicht nur sehr komfortabel ist, sondern mit seinen großen Ringfedern auch noch ein echter Hingucker. Preislich ein wenig unter den britischen Offerten liegend, sind die in China gefertigten Modelle eine ernstzunehmende Alternative – es sei denn, man lege auf das kleine Blechschild mit dem großen Namen gesteigerten Wert.

Quelle: F.A.S.
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