Fahrradgepäcktaschen

Aufstand gegen den Ortlieb-Reflex

Von Hans-Heinrich Pardey
30.05.2021
, 16:48
Wasserdichte Tasche für hintere Gepäckträger von Vatum Bikes.
Fahrradgepäcktaschen von Vatum Bikes sind günstig, immer schwarz und in zwei Größen erhältlich. Taugen sie etwas?
ANZEIGE

Fahrradtasche? Ortlieb. Die Antwort erscheint geradezu als ein Reflex, und das nicht nur hierzulande und nicht bloß in den Köpfen der von erstklassigem Marketing bearbeiteten Kundschaft. Die wasserdichten Taschen des Marktführers sind auch im Handel das Standardangebot. Wohl gibt es noch eine ganze Reihe anderer Anbieter mit guten Namen wie etwa Agu, Basil, Haberland, Thule, Topeak oder Vaude. Und die machen keineswegs bloß das, was obendrein noch unzählige weitere Namenlose tun: nämlich emsig abzukupfern, was ihnen in Heilsbronn vorgemacht wird. Doch Ortlieb hat die aus robustem Kunststoff wasserdicht verschweißte Gepäcktasche mit Rollverschluss und Universalaufhängung funktional wie stilistisch perfektioniert. Warum also nach etwas anderem gucken? Vielleicht wegen des Preises?

ANZEIGE

In der einfachen Ausführung namens Classic kostet eine wasserdichte Tasche für hintere Gepäckträger von Vatum Bikes rund 45 Euro, gefunden im Netz. Dort präsentiert der Anbieter mit Fernweh-Fotos, Texten voller Achtsam- und Nachhaltigkeit und mit betont lockerer Ansprache einer offensichtlich jung vorgestellten Kundschaft ein eher kleines Sortiment: zwei unterschiedlich große, unter den Sattel zu klettende Täschchen, Unterwegswerkzeuge und eine Luftpumpe. Rund zehn Euro teurer als die Basisversion ist eine weitere große Gepäcktasche, das Modell Premium. Seine wesentlichen Unterschiede: eine flache Fronttasche mit einem wasserdichten Reißverschluss und eine abnehmbare Innentasche, ebenfalls flach. Eine vergleichbare Tasche von Ortlieb, etwa das Modell Backroller Classic in Schwarz, wird paarweise angeboten für rund 130 Euro. Die Frage ist: Lohnt es sich, 20 oder knapp 40 Euro weniger ausgeben zu wollen?

Während man bei Ortlieb zwischen verschiedenen Größen, Farben und Materialstrukturen wählen kann, was sich allerdings auch preislich niederschlägt, gibt es Vatum-Taschen wie Henry Fords Tin Lizzy in jeder Farbe, vorausgesetzt, sie ist schwarz. Das passt nun zwar zu jedem Fahrradlack, ist aber ziemlich unpraktisch: Müsliriegel und Salami-Sandwich heizen sich wie manch anderer Inhalt binnen eines Sommertages in einer schwarzen Tasche bis zur Unkenntlichkeit auf. Das glatte Material der 20-Liter-Taschen (modellabhängig bis knapp 900 Gramm) ist vor allem bei winterlichen Temperaturen steif. Der berühmte Aktenordner oder ein 14-Zoll-Laptop passen problemlos, aber völlig ungepolstert hinein. Ein Schultergurt wird mitgeliefert. Dumm ist, dass die beiden Steckschnallen des Rollverschlusses nicht zusammengeführt werden können, um einen besonders stabilen Tragegriff zu bilden.

Weil sie gleichartig sind, passen sie nicht ineinander, sondern jeweils nur auf ihrer Seite. Dort muss ein langer Gurt versorgt werden, wenn er nicht herumbaumeln soll. Die Taschen haben zentral einen allerdings unangenehm schmalen Tragegriff. Das Drei-Punkt-Befestigungssystem, etwas unterschiedlich bei den zwei Modellen, ähnelt Ortliebs Quicklock 2, ist jedoch nicht so universell verstellbar. Die Tragkraft der an drei Seiten mit reflektierenden Stickern besetzten Taschen wird mit zehn Kilogramm angegeben.

ANZEIGE

Ein wenig misstrauisch gestimmt haben die Antworten auf die wohl auch gelegentlich einfach verhallende Frage nach der Reparierbarkeit der Taschen: Vatum Bikes verweist im Netz allgemein auf seinen Support. Ortlieb dagegen hat auch in puncto der Instandsetzung älterer Taschen Maßstäbe gesetzt und kommuniziert klar den Weg des Einsendens von defekten Taschen über den Fachhandel.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE