Geschichte des Metallbaukastens

Heavy Metal im Museum

Von Peter Thomas
Aktualisiert am 25.10.2020
 - 17:30
Opels Rekordwagen „RAK 2“ mit Raketenantriebzur Bildergalerie
Kräne, Brücken, Lokomotiven: Das zeigt die neue Ausstellung im Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim zur Geschichte des Metallbaukastens.

Wollen die wirklich nur spielen? Nein, wer mit Metallbaukästen komplexe Modelle technischer Anlagen erschafft, der setzt sich auch intensiv mit den Vorbildern, ihren Konstruktionsprinzipien und ihren Funktionen auseinander. Also beispielsweise mit der Londoner Tower Bridge, ikonischen Lokomotiven des 20. Jahrhunderts und Opels Rekordwagen „RAK 2“ mit Raketenantrieb. Die entsprechenden Miniaturen sind in der neuen Ausstellung „Kräne – Brücken – Lokomotiven. Metallbauwelten von Märklin, Trix und Stabil“ des Roemer- und Pelizaeus-Museums in Hildesheim zu entdecken. Die meisten Großmodelle stammen aus der Sammlung des Metallbaukastenkonstrukteurs Dieter Bode aus Lutter am Barenberge. Bis zum 11. April 2021 wird die Schau zu sehen sein.

So unterschiedlich die Ausstellungsstücke vom Mikromodell bis zum meterlangen Giganten sind, so stark bindet sie doch die gemeinsame technische DNA: Es sind genormte Bauteile wie Lochstreifen, Platten, Zahnräder und Wellen, die mit Schraubverbindungen reversibel zusammengefügt werden. So entstehen nach dem konstruktiven Vorbild insbesondere der genieteten Eisen- und Stahlkonstruktionen des 18. und 19. Jahrhunderts immer neue und oft mechanisch sehr anspruchsvolle Modelle – und das mit einer überschaubaren Variantenbreite des Teileprogramms.

Die Ausstellung bereitet diesem Universum aus perforiertem Blech (zu den vertretenen Herstellern gehören auch die älteste Metallbaukasten-Marke Meccano sowie Merkur aus Tschechien und viele weitere Hersteller) eine große Bühne mit rund 1000 Quadratmeter Fläche. Unter anderem wird mit den Exponaten auch die ehemalige Martinikirche bespielt, die zum Museum gehört. Vermutlich sei so „die größte und vielfältigste Metallbaukasten-Ausstellung eines Museums in Deutschland“ entstanden, sagte Stefan Bölke, der Kurator der Sonderausstellung. Schon die Fakten lassen erahnen, dass die Einordnung zutreffen dürfte: 1,5 Tonnen Metall, 60 Großmodelle, 95 Baukästen, insgesamt mehr als 275 Exponate und zusammen rund eine Million Schraubverbindungen nennt die Statistik.

Vor drei Jahren hatte das Museum eine große Lego-Ausstellung konzipiert. Das weckte die Neugier nach den Wurzeln des „konstruktiven Bauens seit dem 19. Jahrhundert“, sagte der Kurator. So folgte der Sprung aus der Kunststoff- in die Eisenzeit. Modular waren in der Welt des Metallbaukastens nicht nur die jeweiligen Spielsysteme aufgebaut, wie die Ausstellung zeigt: Auch im Verkauf der Baukästen gab es schlüssige Abfolgen. So ließ sich selbst der kleinste Kasten nach und nach durch Ergänzungen bis zum größten Set erweitern. Denn nur die allerwenigsten Kunden konnten sich die prachtvollen Großbaukästen wie das legendäre „Set 10“ von Meccano als einmalige Anschaffung leisten. Gleich zwei davon aus verschiedenen Epochen sind in Hildesheim zu sehen und präsentieren ihre messingglänzenden Einzelteile wie edle Schmuckstücke in den Vitrinen.

Und welche Modelle entstehen aus den filigranen Metallteilen? Zum Beispiel die schweizerische Elektromotive Ce 6/8 II „Krokodil“ als machtvolle Miniatur – viel größer als alle gängigen Maßstäbe der Modellbahn. Es ist eines der vielen Exponate, die Dieter Bode selbst recherchiert, konstruiert und gebaut hat. Fast raumfüllend (6 Meter lang und 1,70 Meter hoch) ist seine Nachbildung der Rendsburger Hochbrücke, deren Original über den Nord-Ostsee-Kanal führt. Ehrensache, sagt Bode, dass auch die unter der Brücke aufgehängte Schwebefähre zum Modell gehört. Aus seiner Sammlung zeigt er zudem weitere Modelle wie eine funktionsfähige Nachbildung der Wuppertaler Schwebebahn und eine große Werfthalle mit Schiffsmodellen darin.

Insgesamt rund 7000 der Bauelemente

Wer Nachbauten von Brücken für statisch hält, dem beweist das Großmodell der Tower Bridge aus London das Gegenteil. Die in Hildesheim erstmals öffentlich gezeigte Miniatur wurde von den Modellkonstrukteuren Andreas Abel und Jacques Longueville gemeinsam erbaut. Von allen anderen Exponaten unterscheidet sich die Hänge- und Klappbrücke durch die Kombination zweier verschiedener Bausysteme: Wie beim Vorbild, das über die Themse führt, ist die tragende Eisenkonstruktion mit einem neugotischen Mauerwerk verkleidet. Dieses hat Andreas Abel mit Ankersteinen nachgebaut. Insgesamt rund 7000 der Bauelemente sind dabei zum Einsatz gekommen. Tragstruktur, Klappbrücken, die Traverse hoch über dem Fluss und die landseitigen Hängebrücken hat sein belgischer Modellbau-Kollege Longueville aus Meccano konstruiert.

Die Kombination beider Systeme auf so hohem technischen und ästhetischen Niveau macht begreifbar, wie die Väter der echten Tower Bridge Ende des 19. Jahrhunderts gearbeitet haben. Und zugleich zeigen solche Anlagen im kleinen Maßstab, was Kurator Bölke meint, wenn er den Metallbaukasten in historischer Perspektive einen „Inkubator für angehende Ingenieure“ nennt. Allerdings hat dieses von dem Briten Frank Hornby 1901 in seiner heutigen Form erfundene und ab 1907 unter dem Markennamen „Meccano“ zu Weltruhm gebrachte Konstruktionsspielzeug die Rolle des heißbegehrten Kinderspielzeugs verloren. Stattdessen bauen vor allem Erwachsene mit den verschiedenen Systemen, deren Hersteller zudem oft schon vor Jahren die Produktion eingestellt haben (unter anderem auch Märklin, Stabil und Trix).

Beruflich einen anderen Weg einschlagen

Die Nähe zwischen dem Lernspielzeug Metallbaukasten und insbesondere dem Maschinenbau oder Ingenieurbau liegt nahe. Immer wieder wird deshalb der britische Automobilkonstrukteur und Mini-Erfinder Sir Alec Issigonis angeführt, der für die Entwicklung des epochalen Kleinwagens unter anderem Meccano einsetzte und nach dem der Konstrukteurspreis der internationalen Szene der Meccano-Modellbauer („Issigonis Shield“) benannt ist.

Aber die Faszination für den technischen Modellbau packt auch Menschen, die beruflich einen anderen Weg einschlagen. Das ist in der Sonderausstellung in Hildesheim am Beispiel des Informatikers Charles Simonyi zu entdecken. Der Erfinder der Office-Anwendungen Word und Excel ist vom Märklin-Metallbaukasten begeistert. Ein Kleinstmodell des Konstruktionssystems, entworfen von Andreas Abel, begleitete Simonyi sogar auf einer Reise ins Weltall: Zu Gast auf der Internationalen Raumstation montierte der Software-Pionier im Jahr 2007 eine Nachbildung der ISS mit Wellen, Kupplungen, Platten und Schrauben aus dem Göppinger Baukasten. In Hildesheim sind sowohl die originalen Teile aus dem Besitz von Simonyi zu sehen wie ein nach den Plänen Abels montiertes Modell.

Ob die opulente Ausstellung dazu beitragen kann, dass der Funke der Begeisterung am Konstruieren mit dem Metallbaukasten auch wieder auf Kinder und Jugendliche überspringt? Das Hygienekonzept lässt derzeit keine Mitmachangebote zu, so gut sie auch zum Thema passen würden. Vorgesehen sind solche Module aber auf jeden Fall, man hofft auf das Frühjahr 2021.

Aber vielleicht kommt die Zukunft des Baukastens mit Lochblech und Schraubverbindung auch aus einer ganz anderen Ecke. Im Bereich der Robotik ist beispielsweise der „Mbot“ von Makeblock beliebt. Neben Steuerungen, Sensoren und Motoren gehören zum Programm vielfach verwendbare Elemente wie Lochstreifen und -platten aus Aluminium sowie Stahlwellen, Stellringe und Schrauben. Frank Hornby würde die Mechanik der Automaten sofort wiedererkennen.

Quelle: F.A.S.
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