<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Gießen gibt sich die Kanne

Mehr als ein Gefäß zum Bewässern von Pflanzen

Von Hans-Heinrich Pardey
 - 15:36
zur Bildergalerie

Nichts ist bunter als der schlichte Alltag. Da macht dieses „Gefäß zum Bewässern von Pflanzen“, die Gießkanne, manchem auch als „Spritzkrug“ bekannt, keine Ausnahme. Ein so simples Ding, dass es zum Spielzeug jedes Sandkastenkinds taugt, von so sehr nicht digitalisierbarer Funktion, dass irgendwelche Apps nur an seine Benutzung erinnern, nicht aber die Erledigung seiner Aufgabe übernehmen können. Mit oder ohne Smartphone muss der ungelabte Benjamini verdursten, dank Tülle mit oder ohne Brausekopf aber wird er lebensspendend getränkt. Bekömmlich wohltemperiert vom kundig Gärtnernden werden Pflänzchen und Blumenpracht dosiert benetzt, gleichmäßig sanft quasi benieselt. Eine ernste Angelegenheit ist diese ebenso gezielte wie feine Wasserverteilung, nicht nur für einen Rosenzüchter wie Konrad Adenauer, der eine Brause-Konstruktion zum Patent anmeldete, wie sie im Volksmund mancherorts Schnulle oder Zotte heißt. Kurzum: Vieles, was auf den ersten Blick banal erscheint, offenbart beim näheren Herantreten eine ungeahnte Tiefe. Damit aber die ganze Vielfalt der alltäglichen Buntheit aufs prächtigste deutlich werde, muss man bloß fleißig sammeln, das ist mit Bierdeckeln und Kronkorken genauso wie mit Gießkannen.

In der Universitätsstadt Gießen, wo sich so manches auf Justus von Liebig – ja, der mit dem Fleischextrakt – und die hessischen Landgrafen reimt, lässt sich das erleben: im GiKaMu, klar, dem Gießkannenmuseum. Zum mehr als 400 Jahre alten Botanischen Garten, den Ludwig V., genannt der Getreue, gleich nach der Academia Gissena gründete, sind es nur ein paar Schritte. Und bis zum letzten Jahr war an dieser Stelle ein nur ziemlich durchschnittlich zu nennendes Ladenlokal situiert, waren es nicht biedere Fahrräder? Und nun: Kunst – und dazu jede Menge Kitsch. Und: Schickes Design – und dazu einfachster Gebrauchsnutzen, dessen Form mehr der Möglichkeit zu preisgünstigster Fertigung als der Funktion folgt. Und: Richtige Antiquitäten – und dazu einfach bloß Verschrammtes. Und: Einheimisches, aber auch viel Internationales aus weit entfernter Herren Ländern, einschließlich vergangener wie der DDR. Und: Nichts als Gießkannen, Gießkannen, Gießkannen.

Die größten fassen zehn oder mehr Liter, die kleinsten nicht mal einen Fingerhut voll. Die einen sind aus Zink oder aus Messing, andere aus Keramik, sehr viele aus – wiederum höchst unterschiedlichen – Kunststoffen. Manche sind für die Gartenarbeit draußen gemeint, andere für drinnen oder gar hochspezialisiert: für den Balkon (5) oder zum Wässern von Bonsai (12). Nicht nur die eine, die der österreichische Eat-Art-Künstler Daniel Spoerri so plan- wie kunstvoll von einem Traktor überrollen ließ (1), ist kaputt. Aber keine der defekten Kannen in Gießen ist so schön deformiert wie die fast zur Zweidimensionalität ruinierte französische Form des metallenen 12-Liter-Freilandmodells aus Hadersdorf. Dorthin ins niederösterreichische Ausstellungshaus von Spoerri hat das GiKaMu etliche seiner etwa 1300 Kannen ausgeliehen.

Die Zahl kam seit 2011 vor allem durch „Spenden und Abschwätzen“ zusammen, wie Ingke Günther von dem als Kuratoren des GiKaMu auftretenden Künstlerkollektiv gärtnerpflichten es formuliert. Nur ganz gelegentlich fanden einzelne Stücke durch – nicht eben billigen – Ankauf den Weg nach Gießen wie etwa die serbische Kinderkanne aus buntem Blech (6). Zusammen mit einem weiteren Blechspielzeug aus den fünfziger Jahren wurde sie auf dem Flohmarkt beim Wiener Naschmarkt erstanden. Die allermeisten Kannen sind von Bürgern gestiftet worden, auch wenn die Exponate von weither kommen wie die Kanne aus Vietnam (8) mit dem charakteristischen Handgriff in der Einfüllöffnung, der keineswegs eine Reparatur, sondern landestypisch ist.

Funktionalität und Gestaltungswille vereinen sich nicht immer überzeugend: Ob sich die fraglos hochelegante Keramikform der Kanne von Hedwig Bollhagen (9) in befülltem Zustand so gut handhaben lässt, möchte man bezweifeln. Und die „Pipe Dreams“ des Designers Jerszy Seymour (10) aus italienischer Produktion ist bereits im Anblick gewöhnungsbedürftig. Da machte schon in den sechziger Jahren der VEB Glasbijouterie in Zittau mit dem Gondel-Design von Klaus Kunis (11) entschieden mehr her. Nicht, dass dem real existierenden Sozialismus Versuche mit Niedlichkeit fremd gewesen wären, wie der DDR-Klassiker „Schlanker Hahn“ – mit abnehmbaren Kamm zum Wassereinfüllen – beweist (2). Einer Kanne wie bei der „Gun Watering Can“ (14) aus den Niederlanden die Form von etwas anderem zu geben ist wesentlich häufiger anzutreffen als etwa aus der Kannenform eine Kunstleder-Handtasche wie die von „Pylones“ zu machen (7). Nicht nur zu solchen Kuriositäten überliefert der Internetauftritt des Museums auch die Stifter, die Herkunftsgeschichten und den Zweck jedes Exponats: Etwa den Versuch, einen Doppelnutzen „Sprühen und Sprengen“ wie mit „Plant and Flower“(13) oder „Dicker und dünner Strahl“ wie mit der Kuhglocken-förmigen Kanne (3) zu generieren. Oder Frischgesätes besonders schmal zu gießen: denn die Brause gehört hochkant auf den roten Kanister aus England (4).

Das Gießkannenmuseum ist bei freiem Eintritt in der Sonnenstraße 3, Gießen, mittwochs von 10 bis 13, freitags von 15 bis 18 und samstags von 12 bis 16 Uhr geöffnet (feiertags geschlossen). Kontaktaufnahme wegen Führungen oder Kindergeburtstagen mit Programm unter Telefon 06 41/ 3 06 20 28 oder mit einer Mail an info@giesskannenmuseum.de

Quelle: F.A.S.
Hans-Heinrich Pardey
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenGießenKonrad AdenauerFahrräder