Globushersteller Columbus

Mehr als das getreue Modell der Erde

Von Hans-Heinrich Pardey
09.01.2009
, 08:36
Starship Earth II: Das Planetarium ist ein dreidimensionaler Sternenatlas
Was keine flache Darstellung vermag, sichert dem Globus auch in Zeiten von ergoogelten Ansichten unseres Planeten einen bezwingenden Reiz. Ein Besuch beim Columbus Verlag, wo man seit hundert Jahren den Globus immer wieder neu erfindet.
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Die ersten Globen der Geschichte bildeten aber nicht die Erde ab, sondern das, was über ihr als Kugelgewölbe vermutet wurde: den Himmel und seine Sterne. Der vollständig erhaltene „Mainzer Globus“ im Römisch-Germanischen Zentralmuseum, der auf die Jahre zwischen 150 und 220 nach der Zeitenwende datiert wird, besteht aus zwei Messinghalbschalen und hat einen Äquatordurchmesser von elf Zentimeter. 48 Sternbilder sind auf der von Pol zu Pol von einem Stab - wohl dem einer Sonnenuhr - durchdrungenen Kugel mit Verbindungslinien und Koordinaten graviert. Dieser Astralglobus der Art, wie sie Ptolemäus von Alexandria (gestorben etwa 175) beschrieben hat, gilt als die älteste vollständige Darstellung der Milchstraße. Dank Ptolemäus wissen wir, dass diese Globen nicht nur Ziergegenstände waren, sondern tatsächlich der Kartierung des Sternenhimmels dienten. Und sie waren zu der Zeit, als der Mainzer Globus entstand, schon seit mehreren Jahrhunderten bekannt.

Rund 1300 Jahre vergingen nach Ptolemäus, bis der älteste uns erhaltene Erdglobus, der „Erdapfel“ von Martin Behaim, in Nürnberg gerade zu der Zeit gefertigt wurde, als Columbus die neuen Indien entdeckte. Behaims heute im Germanischen Nationalmuseum zu sehender Globus war keineswegs die erste Erdkugel: Man weiß etwa von einem 1477 für den Papst gefertigten Globus, aber von dem ist nicht viel mehr überliefert, als dass es ihn gegeben hat. Behaim, der in den achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts an die afrikanische Westküste gereist war, stellte den nach ihm benannten Globus nicht selbst her, sondern ließ ihn auf Kosten des Nürnberger Rates von Handwerkern nach seinen Vorgaben fertigen. Studiert man die Beschriftung mit ihren Hinweisen auf Edelstein- und Perlenfunde, den Anbau von Gewürzen oder „Wäldt von lauter Sandelholz“ wird deutlich, dass der Erdapfel eine Art Geschäftsprospekt war: Er sollte die Nürnberger Kaufmannschaft zum Fernhandel mit Indien und China animieren.

Aus Amerigo wurde America

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Die innerste Schicht von Behaims Kugel bestand aus verleimtem Leinen, wurde über einer Lehmkugel nach den Methoden des Glockengusses geformt und nach der Trocknung in zwei Halbkugeln aufgeschnitten. Ein Holzreifen und Dübel verbanden die so entstandenen hohlen Halbschalen wieder zu einer Kugel, auf die Papier geklebt wurde. Darauf wurde eine Lederschicht aus acht Segmenten aufgenäht, die wiederum mit Papier beklebt wurde. Auf dieses malte der Zeichner und Miniaturenmaler Georg Glockendon zusammen mit seiner Frau in fast viermonatiger Arbeit die Gestalt der Erde, wie man sie bis zu den Publikationen Amerigo Vespuccis kannte: Was Behaim von seiner Afrikareise kannte, die portugiesischen Eroberungen an der Westküste, findet man wie Asien und Europa verblüffend genau. Amerika dagegen ist noch nicht zu sehen.

Duo Großglobus in klassischer Armatur...
Duo Großglobus in klassischer Armatur... Bild: Hersteller

Das zeigen erst 1507 die „Universalis cosmographia secundum Ptolomaei traditionem et Americi Vespucii aliorumque lustrationes“, die Weltkarte und der Globus des aus Freiburg stammenden Kartographen Martin Waldseemüller. Gestützt auf Vespuccis Brief-Berichte über die Ostküste Südamerikas „Mundus Novus“ (Neue Welt) an seine Auftraggeber im Hause Medici, vermutete Waldseemüller als erster Kartograph einen bislang unbekannten Kontinent und gab ihm auf Anregung seines Mitarbeiters Ringmann die weibliche Form von Vespuccis Vornamen: Aus Amerigo wurde America - „da sowohl Europa als auch Asia ihre Namen von Frauen haben“, wie Waldseemüller in seiner „Cosmographiae introductio“ schrieb.

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Niemand wollte einen Globus, auf dem es die DDR noch gab

Die Jahre, in denen Behaims Erdapfel entstand, veränderten die Ansicht der Erde an vielen Stellen durch eine für Jahrhunderte nicht abreißende Reihe von neuen Entdeckungen. Das ließ Behaims Globus aber keineswegs schlagartig veralten und schmälerte auch den Nachruhm des Mannes nicht, der eher ein ökonomisch orientierter Kaufmann - mit manchmal zweifelhafter Zahlungsmoral - und viel weniger ein an Kartographie Interessierter war.

Die Jahre nach 1989, in denen sich politisch so viel veränderte, stürzten hingegen die Globus-Verleger fast in den Ruin. Niemand wollte einen Globus, auf dem es noch eine DDR, Jugoslawien oder die Sowjetunion gab. Und so sah es auch für den ältesten deutschen Globus-Hersteller Columbus 1993 so aus, als werde der Enkel des Gründers das Unternehmen liquidieren müssen. Stattdessen aber zog er mit dem heutigen Inhaber Torsten Oestergaard als Juniorchef und der Globusmanufaktur von Beutelsbach im Remstal um nach Krauchenwies bei Sigmaringen. Neben dem aufgelassenen Bahnhof des 5000-Einwohner-Orts rund 30 Kilometer nördlich des Bodensees begann die vierte Generation der Familie mit sechs Mitarbeitern noch einmal.

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„Locker zehn Millionen Globen“

1909 hatte in Berlin-Schöneberg der aus Dänemark stammende Lehrer und Verlagsbuchhändler Paul Oestergaard einen kartografischen Verlag gegründet, nachdem er und sein Bruder Paul bereits seit 1904 kleinere Erd- und Himmelsgloben herausgebracht hatten. So wie der Urenkel die Unternehmensgeschichte erzählt, hat jede Generation der Oestergaards ihre eigene Innovation zur Geschichte der Globen-Produktion beigetragen. Paul Oestergaard schwebte vor, in jedes Heim gehöre ein Globus. Anstelle teurer Kunstgegenstände aus bemaltem Gipskarton setzte er auf Papphalbkugeln, die er von Buchbindern mit dem Kartenmaterial kaschieren ließ: Das auf Papier gedruckte Kartenbild wurde als sich oben und unten verjüngende Streifen auf die Kugel geklebt. Kostengünstig ließen sich so größere Stückzahlen herstellen - der didaktisch inspirierte Volksglobus. „Locker zehn Millionen Globen“, schätzt Torsten Oestergaard, hat der Marktführer im Laufe der hundertjährigen Unternehmensgeschichte verkauft, rund 100.000 sind es aktuell im Jahr, hundert verschiedene Modelle in fünfzehn Sprachen.

Eine von Torsten Oestergaards Innovationen war der 2000 von Columbus herausgebrachte, frei in einem Magnetfeld schwebende Globus, den er bedauernd aber wieder vom Markt nehmen musste - um die eigene Marke zu schützen, wie er sagt. Der Wettbewerb habe mit einem viel kleineren Magnetschwebeglobus, bei dem das Schweben sehr viel einfacher zu bewerkstelligen sei, nachgezogen, und dem Kunden sei nicht vermittelbar, warum er für die größere schwebende Kugel bei Columbus ein Vielfaches bezahlen solle.

Den ersten Glas- und Leuchtglobus hatte Urgroßvater Paul entwickelt

Aber es habe sich auch in diesem Falle gezeigt, dass für die kleine Branche wichtige Neuheiten zuerst von Columbus kämen. Und das sei nicht nur so Grundsätzliches wie die Andeutung der Wassertiefe durch dunkleres Blau: Den ersten Glas- und damit auch Leuchtglobus hatte noch der Urgroßvater Paul entwickelt, Großvater Paul junior ließ die Farbaddition der Duo-Globen patentieren, die bei Auflicht ein politisches Kartenbild und bei von der Innenseite her kommendem Licht eine physikalische Karte zeigen. 1963 trat Torsten Oestergaards Vater Peter als Enkel des Gründers in den Verlag ein, der zwei Jahre später mit dem Duplex-Globus eine völlig neue Herstellungsmethode verwandte: Das Kartenbild wird plan und aufs genaueste verzerrt gedruckt, um mit einer Kunststoffhalbschale tiefgezogen dreidimensional ein korrektes Bild abzugeben.

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1972 kommt der zum Beispiel bei Kurzwellenfunkern sehr beliebte Globus Planet Erde heraus: Nach Einstellung eines genauen Datums kann man mit einem Blick zum Beispiel die „Grey lines“ der für die Wellenausbreitung wichtigen Dämmerungszonen ablesen. Stellanova - um einen Wettbewerber von Columbus zu erwähnen - baut in den Fuß des Welt-Zeit-Globus ein Flüssigkristall-Display, auf dem sich durch Tastendrücken „mit Buchstabierhilfe“ für fünftausend Orte und alle Länder der Erde Informationen wie die aktuelle Ortszeit, die Einwohnerzahl, Längen- und Breitengrad oder Durchschnittstemperaturen abrufen lassen.

Preislich reicht das Seriensortiment von 39,95 bis 8995 Euro

Womit das Thema Informationsdichte berührt wäre: Wenn alles, was man weiß, auf die Karte gedruckt würde, ließen sich auch Ozeane kaum noch unter der Schrift erkennen. Torsten Oestergaard ist stolz darauf, dass sein Verlag mit eigenen Kartographen arbeitet, und dass die eigenen Anstrengungen von einem diesbezüglich anspruchsvollen Partner wie National Geographic honoriert werden: Für die Amerikaner produziert Columbus Karten und Globen in der bis hin zur Schrifttype ganz eigenen Gestaltung. Ende der siebziger Jahre brachte Columbus das vegetationsgeographische Bild: die Amazonas-wälder grün, die Wüsten braun, die Polkappen weiß. Völlig anders als solche Natürlichkeit oder als die Kindergloben, auf denen die Maus zum Jangtsekiang radelt, wirken die Globen der Artline-Serie mit zum Beispiel onyxschwarzen Ozeanen und elfenbeinfarbenen Kontinenten - raumgestaltende Schmuckstücke, für die wieder Generation vier der Oestergaards zuständig ist.

Wenn man sich schließlich fragt, warum ein 51 Zentimeter messender Duo-Globus in klassischem Gestühl rund 5000 Euro kostet - preislich reicht das Seriensortiment von 39,95 bis 8995 Euro -, ist die Antwort einfach: Der schwere Glasballon ist die größte mundgeblasene Kristallkugel, noch Größeres entsteht aus Polyethylen. Und das Glas ist von Hand kaschiert worden mit den „Zigarren“, den oben und unten spitz zulaufenden Kartensegmenten. Freihändig hat eine geschickte Spezialistin mit einem Scherchen das Papier alle drei Längengrade so beschnitten, dass die Kanten haargenau passen.

Quelle: F.A.Z.
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