Schreibmaschine von Lego

Hermes Baby, hau in die Tasten

Von Anna-Lena Niemann
09.08.2021
, 17:23
Vorher-Nachher-Redaktion: Die Schreibmaschine von Lego hat dem Serverraum der F.A.Z. einen Besuch abgestattet.
Noppensteine und Nostalgie: Lego hat einen Bausatz für eine mechanische Schreibmaschine herausgebracht, eine kleine Hommage an die Fünfziger in Mintgrün. Klingt buchstäblich gut.
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Dieses Teil ist doppelt unlegohaft. So jedenfalls lautet das Urteil eines geschätzten Kollegen, ebenfalls ein Schreiber, was bei diesem Thema nicht unerwähnt bleiben soll. Der Gegenstand der Auslassung: Lego hat eine mechanische Schreibmaschine auf den Markt gebracht. Das Unlegohafte daran: Es ist wieder mal ein Bausatz für Erwachsene, kein Kinderspielzeug. Und es ist, nun ja, eine Schreibmaschine. Kein Porsche 911, kein Empire State Building, keine Polizeistation, Herrgott, noch nicht einmal ein Todesstern. Sondern ein Schreibinstrument, das in der Kulturgeschichte ausgestorben ist. Das, eigentlich vollkommen klar, gehe doch wohl an der Zielgruppe des dänischen Noppensteinimperiums vorbei.

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Wäre da nicht dieses Zeitgeist-Ding. Überall triumphiert das Alte. Und das Alte, so wird suggeriert, sei doch eigentlich das Echte. Echte Musikliebhaber hören wieder Vinyl-Platte, echte Kaffeeliebhaber brühen von Hand auf, und echte Autoren schleusen Gedanken erst mal durch ihre Hände, ob nun mit dem Stift oder gegen den widerständigen Anschlag einer mechanischen Taste.

Dieser süßen Nostalgie ist sich Lego natürlich bewusst. Man weiß wohl um eine Kundschaft, die Bücher riechen, Platten knistern hören und Tasten drücken will. Den Designvorschlag des Lego-Fans Steve Guinness haben sie folglich dankend aufgegriffen. Zwei Wochen werkelte Guinness an seinem ersten Entwurf herum. Er besorgte sich eine alte Maschine als Modell für sieben weitere Entwürfe, bevor er seine Idee schließlich den Dänen vorstellte. Was das Entwicklungsteam am Ende daraus gemacht hat, ist eine Hommage an die Fünfziger in Mintgrün. Die Reiseschreibmaschine des Schweizer Unternehmens Paillard-Bolex, die den wirklich zauberhaften Namen „Hermes Baby“ trägt, wurde zum Vorbild auserkoren. Sie hatte auch zu ihrer Zeit schon begeisterte Anhänger, Ernest Hemingway, Frederike Mayröcker, John Steinbeck. Feine Gesellschaft also – Spielzeug und Noppensteine hin oder her.

Die Walze springt Taste für Taste von rechts nach links

Mit einem Haufen Steine beginnt jeder Lego-Bausatz. 2079 Teile sind es hier für stolze 199 Euro. Angesichts dieser Menge sind sie in vorsortierten Beuteln verpackt. Die 259 Seiten dicke Anleitung führt übersichtlich durch die Konstruktion. Sie beginnt aber mit etwas, das sich ganz unromantisch nach Fließbandarbeit anfühlt, bevor es an die Architektur des Korpus geht. Aus Röhrchen, Zylindern, Stiften und unbenennbaren Sonderteilen müssen zuerst die 32 Hebel zusammengesetzt werden, die später erlauben, die Tasten zu drücken. Schreiben, das sei gesagt, kann dieses Modell nicht. Es ist und bleibt ein Spielzeug, und insofern handelt es sich eher um eine Tippmaschine im Mantel einer Schreibmaschine. Der Tastendruck lässt aber tatsächlich über eine Mechanik mit zehn Zahnrädern und eine sich entspannende Feder die bewegliche Walze Stück für Stück von rechts nach links springen. Im Unterschied zum Vorbild ist es allerdings egal, ob ein U oder ein X gedrückt wird – es gibt nur einen Typenhebel, der im Zentrum anschlägt.

Da ist ein bisschen Musik drin: Die beweglichen Tasten lassen das Maschinchen klackern, rattern und ratschen.
Da ist ein bisschen Musik drin: Die beweglichen Tasten lassen das Maschinchen klackern, rattern und ratschen. Bild: Nerea Lakuntza

Bei jener Art mechanischer Schreibmaschinen, zu denen Klassiker wie die Hermes Baby oder Olivettis Lettera 22 gehören, funktioniert das Schreiben dank eines Wagnergetriebes. Der deutsche Emigrant Franz Xaver Wagner entwickelte und patentierte die Mechanik 1893 in den USA. Zuvor übertrug sich der Druck der Taste im Grunde unvermittelt auf den Typenhebel, was zwei Nachteile hatte: Der Tastenanschlag war schwer, und wer sich vertippte, konnte das nicht sofort erkennen, weil die Typen immer über der Zeile hingen, die beschrieben wurde. Wagners Getriebe nutzte dagegen einen Zwischenhebel. Wird zum Beispiel das A nicht gebraucht, ruht sein Typenhebel in der Waagerechten. Heißt es, Auftritt großes A, schwingt es im 90-Grad-Winkel hoch, wo es sein Spiegelbild auf die Schreibwalze drückt. Die Fingergelenke freuen sich, der Tastenanschlag läuft leichter, Fehler werden sofort entdeckt.

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Lange Zeit arbeiteten diese Maschinen zudem mit einer nichtproportionalen Schriftart. Für jeden Buchstaben rückte die Walze das Papier immer gleich weit weiter. Aus mechanischen Gründen war es einfacher, mit solchen Standardabständen zu hantieren. Buchstaben wie das i, von schlanker Natur, bekamen deshalb ihre langen Serifen verpasst. Die verhinderten große weiße Lücken im Schriftbild. Das erste Modell, das eine Proportionalschrift beherrschte, kam erst in den späten Vierzigerjahren durch IBM auf den Markt.

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Das heimliche Highlight: Die Geräusche der Maschine

In abgespeckter Ein-Typenhebel-Form beherrscht Legos Maschine also fast die Kunst des Wagnergetriebes und immer gleiche Walzensprünge. Wer sie nach etwa acht Stunden Bauzeit und ein paar lädierte Fingernägel später in ihrer finalen Form betrachtet, kann sich über weitere Details freuen. Über den kleinen Hebel, der gewöhnlich den Farbwechsel befiehlt, ein textiles Farbband, den Hebel, der zum Zeilensprung ansetzt, und eine Schreibwalze, die rotiert und sich, wenn sie ganz nach links gerückt ist, mit einem prägnanten „Ratsch“ wieder zurückschieben lässt.

Überhaupt, das muss man den Entwicklern lassen, sind die Geräusche der kompakten Lego-Maschine das eigentliche Highlight. Schon der Anschlag des Typenhebels, wenn auch Plastik auf Plastik, klackert so vertraut, wie es mancher vielleicht noch selbst kennt und jüngere Leute wenigstens aus Filmen und Serien, die sich in der Herzkammer des 20. Jahrhunderts austoben, dem Großraumbüro. Dazu rattern und ratschen die Zahnräder im kleinen Korpus stakkatohaft ihren Stiefel runter. Das ist ASMR für Nostalgiker.

Dass die ersten in Serie gefertigten Schreibmaschinen in den amerikanischen Gewehrfabriken bei Remington vom Band fielen, liefert ganz eigene Klangassoziationen. Doch schöner sind wohl jene, die Komponist Leroy Anderson und Komiker Jerry Lewis hatten. Sie haben die Musikalität der Maschine sofort erkannt. Computern, Internet, Elektronen sei dann doch Dank, ist bei Youtube bis heute zu sehen, wie sich Lewis vor eine Schreibmaschine hockt, die Hände knetet, sie auf die Tischkante schlägt, sich den Frack richtet und dann, begleitet von einem Orchester, frenetisch in die Tasten haut. Das Stück „The Typewriter“ spielen Orchester bis heute. Manche Dinge werden eben nie alt, da kann man sie ruhig mal in Steinen ver­ewigen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Niemann, Anna-Lena
Anna-Lena Niemann
Redakteurin in der Wirtschaft.
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