Steiler Weinanbau in der Pfalz

Wein mit 68 Prozent

Von Marco Dettweiler
29.11.2021
, 10:15
So schräg steht Johannes Reibold sonst nirgends in seinen Weinbergen. Erst Anfang des Jahres haben sein Bruder und Marc Depper mit dem Projekt begonnen.
Vier junge Leute haben in der Pfalz aus einem verwilderten Steilhang einen Weinberg mit Lagenbezeichnung gemacht. Das war ein hartes Stück Arbeit und manchmal ein Kampf – mit Seilwinden, Sägen und Behörden.
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Um zum wohl steilsten Weinberg der Pfalz zu gelangen, muss man sich nur am Pfälzerwald orientieren. Wer sich dem nördlichen Zipfel des Mittelgebirges nähert, hat das Ziel fast erreicht. Von Osten kommend, durchqueren Besucher eine wunderschöne Landschaft mit sanften Hügeln, auf der viele Winzer seit Jahrzehnten ihre Rebstöcke verteilt haben. Zwei von ihnen sind die Brüder Johannes und Philipp Reibold, die vor einigen Jahren das gleichnamige Weingut von ihrem Vater in Freinsheim übernommen und auf die Erfolgsspur gebracht haben.

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Wo Wein gemacht wird, trinkt man ihn auch gern – jedenfalls in der Pfalz. Deswegen hat Marc Depper, ein guter Freund der Reibolds, zusammen mit seiner Frau Franziska Willersinn und deren Familie im Juli 2020 die „Alte Kellerei“ in Neuleiningen bei Grünstadt gekauft, um darin ein Weincafé mit großzügigem Garten, Gästezimmern und einem Kellergewölbe für besondere Anlässe und Feiern zu betreiben. Zu dem Anwesen gehört ebenso ein verwilderter, steiler Hang in Südexposition. Der ist von dort auf den ersten Blick gar nicht zu sehen, erst recht nicht von den Gästen, weil sie im Garten sitzend und Wein trinkend vor allem die Aussicht genießen.

Nun war klar, was kommen musste, wenn der eine Freund einen Steilhang eigentlich zufällig mitgekauft hat und die anderen wissen, dass darauf wunderbar Wein wachsen könnte. Also haben die Reibolds Anfang des Jahres das Stück Land mit einer Steigung von 68 Prozent (34 Grad) gepachtet, das Anfang dieses Jahres noch ein wilder, verbuschter und vergessener Hang war und mittlerweile von immer mehr Kollegen als ambitioniertes Projekt bestaunt wird. Nur wer sich etwas über die Begrenzungsmauer des Anwesens beugt und gezielt nach unten schaut, entdeckt die Pflanzen, die an stählernen Stangen emporwachsen. An den Blättern erkennen Pflanzenfreunde, dass es Wein sein muss, Profis wissen aufgrund der Blattform, dass es Chardonnay ist.

Selbst die Winzer von der Mosel dürften der Lage „Am Mühlberg“ hier in Neuleiningen Respekt zollen. Auch wenn ihre Rebstöcke im Gegensatz zu denen in der Pfalz fast immer in extremer Hanglage stehen. Die Moselaner haben mit dem Bremmer Calmont sogar die steilste Lage in Europa.

Bevor die Freunde sich draußen an die Arbeit machen konnten, um den verwilderten Hang auf Vordermann zu bringen, kamen sie schon gedanklich ins Schwitzen. Denn hierzulande darf niemand einfach so einen Weinberg anlegen. Das Team machte sich also im November 2020 auf den Weg zur Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz in Neustadt, um sich zu erkundigen, ob das Flurstück in der Weinbaukartei existiere. Es kam die ernüchternde Antwort: Nein, tut es nicht. Das bedeutet in Deutschland, dass der Wein nur in der niedrigsten Qualitätsstufe „Deutscher Wein“ verkauft werden darf, wenn überhaupt.

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Die Naturschutzbehörde muss dafür die Rekultivierung des Hanges zum Wingert genehmigen. Weil die Reibolds Ökowinzer sind und zudem das ganze Team zu überzeugen wusste, tat sie das im Januar dieses Jahres. Einen Monat später kam der Bescheid, dass am Mühlberg „Deutscher Wein“ angebaut werden darf. Das war aber noch nicht das Ende der Pflanzenstange, die Rekultivierung konnte aber schon mal beginnen.

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Mit heißem Tee und Motorsägen

Es war kalt, sehr kalt, Anfang Februar dieses Jahres in der Pfalz. Rekultivierung klingt nach filigranen Fingerübungen an den Pflanzen, es war jedoch harte Arbeit mit groben Maschinen. An manchen Tagen fiel das Thermometer auf minus neun Grad Celsius. Franziska Willersinn versorgte ihren Mann und die Reibolds mit heißem Tee, während die Männer zunächst mit Motorsägen den Bäumen und Büschen auf den Leib rückten. Doch nicht alle ergaben sich.

Also musste eine Seilwinde her, um die besonders hartnäckigen Bäume herauszuziehen. Vor allem mussten die Wurzeln aus dem Erdreich verschwinden, nur den Baum mit der Motorsäge zu fällen reichte nicht. Danach haben die jungen Pfälzer kleine Terrassen angelegt, indem sie Steine setzten und Treppen in den mit Buntsandstein durchzogenen Hang schlugen. Wer als Besucher hier mitten im Weinberg steht, mit einem Bein oben und dem anderen stützend darunter, um den Weinenthusiasten zuzuhören, dem wird schnell klar, was für harte Arbeit die Rodung dieser 750 Quadratmeter gewesen sein muss.

Einzelpfahlerziehung wie an der Mosel

Erst Anfang April begann die eigentliche Arbeit mit dem Pflanzen der Reben. Selbst dafür mussten wieder besondere Gerätschaften herangeschafft werden. Die Löcher, in welche die Reben mit etwas Torf gesteckt werden, rangen die jungen Männer dem Boden mit Wasserdruck ab. Die üblichen Winzermethoden reichten nicht aus, weil unter der dünnen Erdschicht zu viel Buntsandstein sitzt. Das Gerät der Marke Eigenbau sieht aus wie ein dünner Presslufthammer, an dessen linkem Griff ein Schlauch sitzt, durch den das Wasser mit 25 bar Druck schießt. In die 650 Löcher konnten die Winzer sodann endlich die Reben setzen.

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Reibolds haben die Sorte Chardonnay ausgewählt, den sie in Friedelsheim bei der Rebschule Wagner gekauft haben und der aus Burgund stammt. Wegen der Steillage haben sich die Winzer für eine Einzelpfahlerziehung entschieden, die an der Mosel, aber nicht in der Pfalz üblich ist, weil sie sich eher in Steillagen anbietet. Dabei bekommt jeder einzelne Rebstock einen Pfahl, an dem er Halt finden kann. An der Mosel biegen die Winzer zwei Triebe nach unten und binden sie fest, sodass die für die Region typische Herzform entsteht. In den meisten Weinbergen ist die Rahmenerziehung üblich, bei der die Triebe am Draht entlangwachsen, der parallel zum Boden an den Rebstöcken entlanggeführt ist.

Vom „Deutschen Wein“ zur geschützten Ursprungsbezeichnung

Während der Rodung und Rekultivierung von Anfang Februar bis Ende März und der dreitägigen Bepflanzung Anfang April ging auch die Bearbeitung der Behörden weiter. Die Reibolds haben ein renommiertes Bioweingut mit exzellentem Wein. Da kommt die niedrigste Qualitätsstufe „Deutscher Wein“ nicht infrage. Auf dem Etikett hätte aufgrund der gesetzlichen Vorgaben weder die Lage noch die Region stehen dürfen. Deshalb blieb das Team hartnäckig, legte Widerspruch ein und wollte unbedingt die Genehmigung für die Qualitätsstufe „g. U.“ (geschützte Ursprungsbezeichnung). Die Steillage in Südlage, die aufwendige Bewirtschaftung mit dem im Vergleich dazu geringen Ertrag, der Marketingeffekt für die Region und der biologische Anbau waren viele gute Gründe, um hochgestuft zu werden.

Und so kam es dann am 28. Juli dieses Jahres. „Am Mühlberg“ wurde als eine 750 Quadratmeter große Lage genehmigt und in die Weinbaukartei aufgenommen. Da die Naturschutzbehörde 2000 Quadratmeter ausgewiesen hat, wollen die Reibolds und Marc Depper in den nächsten Jahren noch expandieren und auf 1200 Rebstöcke aufstocken, in der Hoffnung, dass auch die größere Fläche danach als „geschützte Ursprungsbezeichnung“ genehmigt wird.

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Eine erste kleine Lese im Jahr 2023

Der Anfang des Projektes ist schon einmal vielversprechend. Begünstigt von einem regenreichen Jahr 2021, sind bis auf zwei Ausnahmen alle Reben angegangen und ordentlich gewachsen – einige von ihnen bis zu einem Meter hoch. Wenn es so weitergeht, könnte es 2023 eine erste kleine Lese geben. In ein paar Jahren sollen auf den jetzigen 750 Qua­dratmetern so viele Trauben wachsen, dass nach der Ernte etwa zwei Barriquefässer Wein herausspringen, was etwa 600 Flaschen Wein entspricht. Langfristig sollen es dann 1200 Flaschen pro Jahr werden, wenn die Anbaufläche erfolgreich erweitert wurde.

Wie das Etikett aussehen wird, was als Weingut draufsteht und was der Wein genau kosten wird, steht noch längst nicht fest. „Am Mühlberg“ als Lage wird auf jeden Fall zu lesen sein, ebenso Chardonnay als Rebsorte und natürlich der Jahrgang. Ebenso steht fest, dass er teurer sein wird als die aktuellen Topweine der Reibolds. Ein Steilhang mit Südexposition in der Pfalz hat seinen Preis. Und falls keiner den Wein kaufen will, hat Johannes Reibold schon eine Idee: „Dann trinken wir ihn selbst.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Dettweiler, Marco
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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