Jenseits der Uhrenmessen

Viel Zeit im Homeoffice

Von Martin Häußermann
Aktualisiert am 03.06.2020
 - 10:09
Rado Golden Horsezur Bildergalerie
2020 ist kein Jahr wie jedes andere. Auch alle Uhrenmessen sind ausgefallen. Diese Chance nutzen wir, um einige wichtige Neuheiten zu Hause genau anzuschauen.

Noch bevor die großen Uhrenmessen anstanden, war die Messe auch schon gelesen. Dank Corona wurden sowohl die Baselworld als auch die „Watches and Wonders“ – vormals SIHH/Salon International de la Haute Horlogerie – in Genf abgesagt. Sie gelten als die wichtigsten Uhrenmessen. Die opulente Luxusveranstaltung in Genf schrumpfte zu einem Online-Portal, in dem bunte Werbefilmchen einige wenige Neuheiten einiger, bei weitem nicht aller, sonst ausstellender Marken anpriesen.

Und in Basel geht es auch ohne Corona drunter und drüber. Nachdem große Marken wie Rolex, Tudor, Patek Philippe und Chopard den Basler Veranstaltern, mit denen sie hörbar unzufrieden waren, den Laufpass gaben, war das Ende einer traditionsreichen Messe eingeläutet. Die Baselworld, deren Anfänge ins Jahr 1917 zurückreichen, ist nun definitiv Geschichte. Bis hierhin also nichts Greifbares für den Uhrenfreund. Da können auch digitale Presseinformationen oder gut gemachte Online-Präsentationen, wie sie beispielsweise Breitling, Sinn, Montblanc oder Zenith anboten, nicht wirklich Abhilfe schaffen. Schließlich sind Uhren etwas durch und durch Analoges, das buchstäblich begriffen werden muss, um es einzuordnen.

Weshalb wir uns zur Minimesse im Homeoffice entschlossen haben – mit Uhren, die für die Entwicklungen der Saison stehen können. Dieses Format hat den großen Vorteil, dass die vorgestellten Zeitmesser genauer in Augenschein genommen werden konnten, als das bei einem Messerundgang möglich gewesen wäre. Außerdem sind die hier beschriebenen Uhren bei den einschlägigen Juwelieren und auch in diversen Online-Shops sofort bestell- und in der Regel auch lieferbar. Letzteres ist bei Messe- und Saisonneuheiten nicht immer der Fall.

Bei manchen Uhren wird gar schon während der ersten Präsentation darauf hingewiesen, dass sie in dieser Form wohl nie käuflich zu erwerben sein werden. Vielmehr seien sie ausschließlich Ausdruck der eigenen hohen technischen Kompetenz und daher als Konzeptuhr anzusehen. So geschehen bei der Altiplano Concept, mit der die Manufaktur Piaget, die für sehr schlanke, elegante Zeitmesser bekannt ist, vor zwei Jahren den Rekord für die flachste mechanische Uhr holte. Weil es offenbar genügend Menschen gibt, die eine Weltrekorduhr ihr Eigen nennen wollen, entschieden sich die Schweizer nun zur Serienfertigung im Format eines Zweieurostücks. Damit der gerade einmal zwei Millimeter hohe Zeitmesser (Durchmesser 41 Millimeter) auch im Alltag gut funktioniert, wurden Gehäuse und Werkplatine als Einheit konstruiert und aus einer sehr torsionssteifen Legierung auf Kobaltbasis ausgeführt. 283 teils mikrofeine Einzelteile sorgen für eine korrekte Zeitanzeige. Diese Zahl ist ebenso eindrucksvoll wie jene, die auf dem Preisschild steht: 417.000 Euro.

Auch wenn elegante Herrenuhren derzeit en vogue sind, ist wohl nur ein sehr kleiner Teil der uhrenaffinen Deutschen willens und in der Lage, dafür eine solche sechsstellige Summe hinzublättern. Da gibt sich Sinn Spezialuhren zu Frankfurt am Main bürgernäher. 1890 Euro verlangen die Hessen für ihre Neuheit mit der prosaischen Modellbezeichnung „1739 St I S“. Dahinter verbirgt sich aber nicht, wie man bei Sinn vermuten könnte, eine kernige Instrumentenuhr, sondern vielmehr ein sehr eleganter Zeitmesser mit schwarzem Zifferblatt und aufgesetzten Indexen, über dem nur Minuten- und Stundenzeiger kreisen. Auch wenn die Sinn mehr als viermal so hoch ist wie die Piaget, schlüpft sie immer noch leicht unter die Hemdmanschette und bietet sich mit 10 bar (100 Meter) Wasserdichtheit als alltagstaugliche Anzugsuhr an.

Als solche geht auch die Junghans Max Bill Mega Solar durch, erst recht wenn sie mit dem ohne Aufpreis lieferbaren schwarzen Lederband ausgerüstet ist. Unser Testmuster trug ein graues Lederband mit rauher Oberfläche, das die Funkuhr eher zum stilsicheren Freizeitbegleiter werden lässt. Hinter der eleganten Fassade verbirgt sich hochwertige Funkuhrentechnik. So lässt sich die Junghans weltweit entweder über regionale Funksender oder via App mit der jeweiligen Ortszeit synchronisieren. Der Energiespeicher verfügt über eine Dunkelgangreserve von rund drei Jahren und wird über ein Solarmodul unter dem Zifferblatt aufgeladen. Das funktioniert trotz eines weißen Zifferblatts, das der Theorie nach Licht ja eher reflektiert denn absorbiert. Doch verwendet Junghans hier eine spezielle Zifferblattbeschichtung, die energiereiche Lichtwellen passieren lässt. Für so viel Technik und Eleganz mutet der geforderte Kaufpreis von 895 Euro als angemessen an.

Eine aufwendige Konstruktion

Gleiches gilt für den Chronograph Flyback von Frederique Constant, obwohl der genau 3000 Euro mehr kostet als die Junghans. Dafür tickt in der Frederique Constant auch ein feines mechanisches Werk, das im eigenen Haus konstruiert wurde und dort auch gefertigt wird, der Uhrenfreund spricht hier von einem Manufakturwerk. Das Kaliber FC-760 verfügt über eine zusätzliche Flyback-Funktion. Das heißt, der Stoppsekundenzeiger kann auf null gestellt werden – und läuft dann sofort wieder los – ohne den Chronographen anzuhalten. Eine aufwendige Konstruktion, weshalb der Wettbewerb für vergleichbare Uhren zwischen 5000 und 10.000 Euro aufruft. Spitz zu kalkulieren scheint ein wichtiges Instrument bei Frederique Constant zu sein. Das Einzige, was man dem Chronographen ankreiden könnte, wäre seine doch recht üppige Höhe von rund 14 Millimetern.

Die Genfer profitieren ebenso wie viele ihrer Branchenkollegen von der Tatsache, dass ein Manufaktur-Chronograph derzeit offensichtlich zum Pflichtprogramm des fortgeschrittenen Uhrenliebhabers gehört. Aus diesem Grund hat IWC Schaffhausen auch sein Modellprogramm überarbeitet. Chronographen mit dem Großserienuhrwerk ETA Valjoux 7750 rangieren aufs Abstellgleis und werden durch Kurzzeitmesser mit eigenem Antrieb ersetzt. Dafür haben die Deutschschweizer im Schaffhauser Vorort Merishausen eigens eine neue moderne Fertigungsstätte etabliert, in der auch das Kaliber 69335 gefertigt wird, das im neuen Portugieser-Chronographen tickt. Der ist rundherum erstklassig verarbeitet und mit einem Krokolederband samt komfortabler Doppelfaltschließe ausgestattet. Dafür verlangt IWC dann aber auch 7850 Euro. Da müssen wir nicht drumherum reden, Marke kostet eben auch Geld.

Das ist bei IWC nicht anders als bei Breitling, wo der vormalige IWC-Chef Georges Kern seit gut zwei Jahren das Zepter schwingt und viele alte Zöpfe abgeschnitten hat. Er formte Breitling von der reinrassigen Fliegeruhrenmarke zum Vollsortimenter um, der neue Uhren dann präsentiert, wenn er liefern kann. Und der seine Luxusuhren auch über einen hauseigenen Online-Shop vertreibt, was noch vor wenigen Jahren als Sakrileg galt. Die Vergangenheit gilt für Kern nur etwas, wenn sie ihm Gestaltungsvorlagen für neue Produkte bietet. So wie bei der neuen Chronomat, einer mächtigen Männeruhr mit Fliegergenen. Sie beruht auf einer Vorlage aus dem Jahr 1984 und wird von altgedienten Fans als typische Breitling bezeichnet. Diese Fans feiern auch das Rouleaux-Stahlband mit einer eigenwilligen Konstruktion aus aneinandergereihten runden Bandgliedern. Dieses Band schmiegt sich weich ums Handgelenk, gibt sich flexibel, bleibt dabei aber absolut klapperfrei. Das allerdings darf man bei einem geforderten Kaufpreis von 7900 Euro auch erwarten. Dafür folgt die Chronomat nicht nur dem Kundenwunsch nach einem Manufaktur-Chronographen, sondern nimmt auch noch den Trend zu Sportuhren am Metallband auf.

Dem kann man allerdings mit einer deutlich geringeren Investition folgen. Denn Rado hat ebenfalls in der Mottenkiste gestöbert und zwei alte Erfolgsmodelle gründlich entstaubt. Wobei neben der vielfach gefeierten Retro-Taucheruhr „Captain Cook“ das Modell „Golden Horse“ vollkommen zu Unrecht in den Hintergrund gerückt ist. Die taugt aufgrund ihrer schmalen Statur mit gerade 37 Millimeter Durchmesser auch für Menschen mit schmalen Handgelenken, erst recht wenn sie mit dem Stahlband ausgestattet ist, dessen feine Glieder die Form von Reiskörnern aufweisen. Bei einem Preis von 1810 Euro muss der Uhrenfreund zwar auf einen Glasboden verzichten, dafür verfügt das ETA-Automatikwerk über eine Gangautonomie von 80 Stunden. Allerdings hält die Golden Horse nur bis 5 bar (50 Meter) dicht. Damit sollte man nicht unbedingt zum Tieftauchen gehen. Da wäre das Schwestermodell Captain Cook die bessere Wahl.

Quelle: F.A.Z.
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