Kite-Drachen als Antreiber

Stromversorgung im Auf und Ab

Von Wolfgang Kempkens
Aktualisiert am 01.11.2020
 - 14:31
Wenn der Drachen steigt, lädt der Generator, dann wird er locker wieder eingeholt.
Sky Sails wechselt nach dem Misserfolg mit seinen riesigen Drachen für große Schiffe die Richtung. Eine Reihe von Kite-Drachen sollen an der Leine zerren und dadurch Generatoren antreiben.

Manchmal kommt es anders als gedacht. Denn eigentlich wollte das Hamburger Unternehmen Sky Sails das Windjammer-Zeitalter in moderner Form wiederaufleben lassen. Ein riesiger Drachen (Kite), am Vorschiff befestigt, sollte den oft starken Wind in ein paar hundert Meter Höhe nutzen, um Frachtschiffen, Tankern und Yachten einen Zusatzantrieb zu verschaffen. Die Einsparungen an Treibstoffkosten sollten bis zu 30 Prozent betragen. Doch die Reeder machten nicht mit, obwohl der Kite automatisch startete und sich wieder einrollte. Nur wenige Schiffe wurden mit dem in Form einer Acht tänzelnden Kite ausgerüstet.

Jetzt haben die Hanseaten eine neue Verwendung für ihren Drachen gefunden. Er soll den Windgeneratoren an Land und auf dem Meer Konkurrenz machen und Strom erzeugen. Ein Prototyp hat jetzt in Schleswig-Holstein seine Bewährungsprobe bestanden. Jetzt geht der 100-Kilowatt-Generator in den Dauerbetrieb über, ehe die nächste Leistungsstufe entwickelt wird.

Die Flugwindkraftanlage, so die technische Bezeichnung, enthält zahlreiche Komponenten, die auch im Schiffsantrieb stecken. In einer Kapsel unterhalb des Drachens sind Sensoren, die beispielsweise die Windgeschwindigkeit messen, und die Steuerungselektronik. In der Bodenstation steckt der 100-Kilowatt-Generator, gekoppelt mit einer Winde. Diese rotiert und treibt den Generator an, wenn der Drachen im Steigflug ist. Den beginnt er auf Knopfdruck oder sogar automatisch, wenn die Windverhältnisse es zulassen.

Sky Power 100, so die Bezeichnung des Windgenerators, entlässt den 120 Quadratmeter großen Drachen in eine Höhe von maximal 800 Metern. Zwischen 150 Metern, die herkömmliche Windgeneratoren erreichen, und der Sollflughöhe des Drachens ist die Windgeschwindigkeit meist weitaus höher als in Bodennähe. In einer Höhe von 400 Metern erzeugt der Kite schon mehr als doppelt so viel Strom je Quadratmeter wie konventionelle Windgeneratoren, sagen die Entwickler. Ist er am Ziel angekommen, wird der Generator zum Motor, der den Kite langsam nach unten zieht. Der wird zu diesem Zweck so in den Wind gestellt, dass er wenig Angriffsfläche bietet. Die Energie zum Einholen liegt deshalb weit unter der, die der Kite im Steigflug erzeugt. Zwei oder drei dieser Systeme könnten kontinuierlich Strom erzeugen, weil immer mindestens einer in der Luft ist.

Weitere Vorteile von Sky Power 100: Da der Drachen relativ klein ist, stört er Mensch und Tier kaum durch Schattenwurf. Er arbeitet, sobald er eine bestimmte Höhe erreicht hat, lautlos, und er braucht wenig Platz: Er ist gerade einmal so groß wie ein Container. Aus diesem Grund lässt er sich auch leicht auf dem Meer unterbringen, etwa auf schwimmenden Plattformen oder einfachen Fundamenten. Jetzt will Sky Sails noch untersuchen, ob der Drachen eine Gefahr für Vögel ist. Die Entwickler glauben, dass sie gering ist, weil der in auffälligen Farben gestaltete Kite weithin zu sehen ist – im Gegensatz zu den weißen Flügeln von herkömmlichen Windenergieanlagen. Die Standorte, wenn es sie denn einmal geben wird, sollen in Flugkarten markiert werden, um den Luftverkehr nicht zu gefährden.

Quelle: F.A.Z.
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