Lange 1 von A. Lange & Söhne

Zeit in Zonen

Von Martin Häußermann
08.05.2021
, 19:30
Die Lange 1 ist die Vorzeigeuhr von A. Lange & Söhne. Für Reisende mit Spieltrieb und gut gefülltem Portemonnaie gibt es sie mit Zeitzonenfunktion.

Der Name ist Programm. Die Lange 1 ist das unumstrittene Flaggschiff der Uhrenmarke A. Lange & Söhne. Die 1990 wiedergegründete Manufaktur stellte sie erstmals 1994 als eine von vier Uhren anlässlich ihres Neustarts vor. Seither wird sie ohne Unterbrechung gebaut, immer wieder mit Preisen bedacht und behutsam gepflegt. Dabei gilt es, ähnlich wie bei einem Denkmal, nicht die Substanz zu beschädigen. Dieses Denkmal ist geprägt von seinem ungewöhnlichen Zifferblattbild mit dezentralen Anzeigen: einem kleinen Hauptzifferblatt für Stunden und Minuten, einer vergleichsweise großen „kleinen Sekunde“, dem digitalen Großdatum in einem doppelflügeligen Fenster und schließlich einer Gangreserveanzeige – in Sachsen sagt man dazu Auf-Ab-Anzeige –, die das Kreissegment zwischen Großdatum und kleiner Sekunde bestreicht.

Kein Zeiger überlappt den anderen, keine Anzeige macht der anderen ihre Bedeutung streitig. Alles ist an seinem Platz. Und das muss auch dann so bleiben, wenn man den Klassiker nach allen Regeln der Uhrmacherkunst durchdekliniert, ihm Zusatzfunktionen wie Mondphasen und Kalenderanzeigen spendiert – oder eben die Anzeige einer zweiten Zonenzeit. Das haben die Uhrmacher bei der Lange 1 Zeitzone elegant und minimalinvasiv gelöst. An die Position der kleinen Sekunde, die ins Hauptzifferblatt versetzt wurde, rückt eine zweite Zeitanzeige mit Stunden- und Minutenzeiger. So geschehen schon im Jahr 2005, als die erste Lange 1 Zeitzone präsentiert wurde. Dort allerdings stören seither die beiden Tag-Nacht-Anzeigen das ansonsten aufgeräumte Zifferblattbild, besonders an der kleinen Zeitanzeige, die durch die Tag-Nacht-Anzeige angeschnitten wird.

Das hat sich mit der zweiten Generation der Lange 1 Zeitzone geändert, die vergangenes Jahr vorgestellt wurde und nun als Testuhr den Weg zu uns gefunden hat.

Auf den ersten Blick hat sich im Vergleich zum Vorgängermodell nicht viel verändert. Der Durchmesser des Weißgoldgehäuses ist mit 41,9 Millimetern gleich geblieben, in der Höhe hat sie 0,1 Millimeter verloren, der Messschieber bleibt nun bei 10,9 stehen. Doch an den inneren Werten hat sich etwas geändert. Die Mannschaft um Entwicklungschef Anthony de Haas hat eigens für diese Uhr das neue Handaufzugswerk Kaliber L141.1 konstruiert und gebaut. Es ersetzt das bislang eingesetzte Kaliber L031.1 und kommt mit zwei kleinen, aber feinen Modifikationen.

Eine betrifft die schon genannte Tag-Nacht-Anzeige. Die Entwickler haben sie umkonstruiert, so dass sie sich schön ins Zifferblattbild integriert und deutlich besser abzulesen ist als die der Vorgängerin. Denn sie besteht nun aus Scheiben, die direkt unter die beiden Zeigerpaare gelegt wurden und sich entsprechend der gewählten Zeitzone drehen. Überstreicht ein Stundenzeiger den jeweiligen blauen Halbkreis, ist Nachtzeit, ansonsten eben Tag. Wobei der Uhrenhersteller als Tag die Zeit zwischen 6 Uhr und 18 Uhr definiert.

Die Bedienung macht das nicht einfacher

Neu ist weiterhin die Sommerzeitanzeige. Sie besteht aus einem kleinen Fenster an der 5-Uhr-Position und ist integriert in den Pfeil, der den Referenzort der gewählten Zonenzeit markiert. Ist das Fenster weiß, gilt am betreffenden Ort keine Sommerzeit. Da freut sich der Benutzer, denn die dargestellte Zonenzeit stimmt. Leuchtet das Fenster hingegen rot, ist Aufmerksamkeit gefordert: Es bedeutet lediglich, dass die gewählte Zeitzone eine Sommerzeit kennt, nicht aber, dass sie gerade auch gilt. Das muss der Träger selbst recherchieren und gegebenenfalls korrigierend eingreifen. Die Bedienung macht das nicht einfacher. Den Konstrukteuren kann man dafür trotzdem keinen Vorwurf machen. Dieses Problem betrifft alle Zeitzonenuhren, die mit Referenzorten auf Städteringen arbeiten. Dazu verursacht die Politik ganz eigene Probleme. Wenn sich Regierungen entscheiden, die Sommerzeit einzuführen oder abzuschaffen, dann ist ein solcher Städtering Makulatur.

Grämen muss das einen Käufer, der immerhin 52.200 Euro (zum selben Preis auch in Roségold erhältlich) auf den Tisch des Juweliers blättert, aber nicht. Zumindest nicht lange. „Wenn so etwas passiert, produzieren wir neue, korrigierte Städteringe und tauschen diese auf Wunsch des Kunden im Rahmen eines Kundendienstes kostenlos aus“, verspricht Entwicklungschef Anthony de Haas.

Dieser Städtering lässt sich durch einen seitlichen Drücker an der 8-Uhr-Position im Uhrzeigersinn verstellen. Mit dem Städtering verstellt sich sodann der Stundenzeiger auf dem kleinen Zifferblatt. Wer also wissen will, wie spät es in New York ist, betätigt so lange den Drücker, bis der besagte Schriftzug gegenüber der Pfeilspitze erscheint – wie auf unserem Foto. Das ist einfach, allerdings ist das Datum immer an die Heimatzeit gekoppelt. Bei einem längeren Auslandsaufenthalt empfiehlt es sich daher, die jeweilige Ortszeit als Heimatzeit zu definieren und die eigentliche Heimatzeit aufs zweite Zifferblatt zu verlegen. Das ist schwieriger. Zwar haben die Konstrukteure einen Synchronisierungsmechanismus geschaffen, der gut funktioniert, jedoch nicht selbsterklärend ist. Die Bedienungsanleitung der Uhr hierfür parat zu haben ist sicher kein Fehler.

Das Kaliber L141.1 zeigt sich hinter dem rückseitigen Saphirglas als Schmuckstück. Echte Hingucker sind die beiden Kloben, die frei Hand graviert wurden, echte Unikate also. Dazu gesellt sich die für Glashütter Uhrwerkskonstruktionen typische Dreiviertelplatine mit Streifenschliff sowie eine große Schraubenunruh, die in einer Frequenz von drei Hertz, also 21.600 Halbschwingungen pro Stunde, schwingt. Das unter der Platine verborgene Federhaus bietet 72 Stunden und damit volle drei Tage Gangautonomie.

Wann er wieder aufziehen sollte, erkennt der Träger auf der Auf-Ab-Anzeige nahe der Krone. Wir haben unsere Testuhr immer dann aufgezogen, wenn sich der Gangreservezeiger ins letzte Drittel der Anzeige bewegt hat. Damit sind wir gut gefahren und haben sehr gute Gangergebnisse erzielt. Wir ermittelten in zehn Tagen einen durchschnittlichen Vorgang von knapp über zwei Sekunden. Das liegt innerhalb der Chronometernorm, steht einer Uhr dieser Preisklasse aber auch durchaus an.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot