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Leatherman Free P4

Fasst fast alles fest

Von Lukas Weber
Aktualisiert am 28.12.2019
 - 08:29
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Noch ein Multitool? Jawohl, die Free-Serie von Leatherman ist innovativ, die Werkzeuge lassen sich mit einer Hand öffnen, ohne dass die Fingernägel brechen.

Klappbare Zangen mit Kleinwerkzeugen in den Griffschenkeln gibt es in unüberschaubarer Menge, sie unterscheiden sich vor allem durch Menge und Zusammenstellung ihrer Funktionen. Wenn es nach Tim Leatherman, dem Erfinder dieser Multitools (eine griffige deutsche Bezeichnung suchen wir noch), geht, wurde das Gerät aber gerade von seiner Firma neu erfunden. Der Trupp um den amerikanischen Pionier hat sich Gedanken gemacht, wie sich die Werkzeugeinsätze so fixieren lassen, dass sie geöffnet werden können, ohne sich die Fingernägel abzubrechen – ein beliebtes Missgeschick mit dieser Gerätegattung. Trotzdem sollen sie dort bleiben, wo sie hingehören, wenn sie nicht gebraucht werden.

Heraus kam eine magnetische Halterung. Das ist nicht nur neu, das ist revolutionär – sagt der Hersteller. Die Serie nennt sich Free, sie umfasst derzeit vor allem die Multitools P2 und P4 und ein paar Messer mit Klappwerkzeugeinsätzen. Das P4 ist das Spitzenmodell, wir haben es uns einmal näher angesehen. Alle zehn im Griff untergebrachten Module sind von außen mit einer Hand zu öffnen, die Zange bleibt dabei zu.

Für die mittleren Gerätschaften genügt dafür ein leichter Druck mit dem Daumen auf eine kleine Nase oberhalb des Gelenks, mit diesem Nocken rastet das Tool dann in geöffnetem Zustand ein. In geschlossener Stellung wird es durch einen Magnetkern im Innern des Schenkels gehalten. Zwischen den Elementen klemmt nichts mehr, das Öffnen geht deshalb weich vonstatten. Vielleicht keine Revolution, aber ein echter Fortschritt.

Das Öffnen und Schließen geht mit zwei Fingern

Die vier ganz außen liegenden Werkzeuge – Messer, Wellenschliffmesser, Säge und Schere – lassen sich ebenfalls mit nur einer Hand öffnen, sie bieten aber etwas Federwiderstand. Alle Einsätze rasten zuverlässig ein, sie können nach einem Daumendruck auf einen kleinen seitlich angebrachten Hebel wieder gelöst und mit dem Zeigefinger zurückgeklappt werden.

Wie kriegt man aber die Zange mit einer Hand auf? Die Griffhälften lassen sich leicht gegen den Zug des Magneten mit einem Finger trennen, dann klappen sie locker bis zu einem Winkel von etwa 45 Grad auseinander. Werden sie nun umfasst und zärtlich zusammengedrückt, rastet die Zange mit einem angenehmen Klack ein. Wer den Bogen raushat, öffnet das Free wie eines der inzwischen verbotenen Butterflymesser mit einem Schwung aus dem Handgelenk in Sekundenschnelle.

À propos verboten: Streng genommen ist solch ein Multifunktionswerkzeug ein Einhandmesser mit feststellbarer Klinge im Sinne des verworrenen Waffenrechts, gemeint sind solche, die sich mit einer Hand öffnen lassen. Wer es in der Öffentlichkeit ohne ein berechtigtes Interesse führt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Wir haben freilich noch nicht gehört, dass es mit solch einem Werkzeug Probleme gegeben hätte.

Die Klinge selbst ist am Free P4 knapp 7 Zentimeter lang, scharf genug, um ein Blatt Papier in Streifen zu schneiden, und wie das gleichgroße Wellenschliffmesser auf der anderen Seite aus 420 HC, einem weitgehend rostfreien Stahl mit gegenüber dem normalen 420 erhöhten Kohlenstoffanteil, der mehr Härte bringt. Das ist ein beliebter Stahl zum Beispiel für Jagdmesser, für alles Drumherum gibt Leatherman nur „Edelstahl“ an. Mit den Klingen lässt sich im Rahmen dessen, was mit einem Tool dieser Größe möglich ist, gut arbeiten. Es liegt ruhig in der Hand und rutscht dank der leicht strukturierten Oberfläche nicht. Mit 247 Gramm (ohne das mitgelieferte Nylonholster) ist das Free P4 relativ leicht, längeres Arbeiten damit fällt aber naturgemäß schwerer als mit einer gewöhnlichen kleinen Zange. Dafür hat das Leatherman P4 nominell 21 Werkzeuge (das P2 hat 18) oder besser Funktionen, die wie üblich großzügig definiert sind und nicht alle ständig gebraucht werden – mit herumgetragen werden müssen sie trotzdem.

Die Kombizange ersetzt Spitz- und Normalzange, sie ist leichtgängig ohne Spiel, eine Feder, die sie öffnet, gibt es nicht. Innen sind zwei auswechselbare Klingen für Draht, die einen spitzen Winkel für weiches und einen stumpferen für hartes Material bilden. Sie schneiden gut, desgleichen die Schere, und die Feile raspelt fleißig, die geringe Größe setzt der Anwendung Grenzen. Die Säge ist auch nicht riesig, hat aber Biss. Außerdem gibt es einen Gürtelclip, den unvermeidlichen Kapselheber, Dosenöffner, drei Schlitzschraubendreher und einen für Kreuzschlitz sowie eine Ahle, eine Abisolierfunktion und eine Crimpzange, mit der sich schlanke Kabelverbinder quetschen lassen, wenn der Besitzer genügend Kraft an den kurzen Schenkeln aufbringt.

An den bisherigen Modellen der Free-Serie fehlt freilich noch ein Bithalter. Alles ist, wie vom Hersteller gewohnt, hochwertig verarbeitet; das Ensemble wird von Torxschrauben zusammengehalten, die man besser nicht öffnet. Notwendig ist das ohnehin nicht, Leatherman gibt ein Vierteljahrhundert Garantie. Das Free P4 trotzte zudem all unseren Versuchen, es zu überfordern, nach gründlicher Reinigung sieht man ihm die Strapazen des Testbetriebs kaum noch an, alle Module lassen sich so weich bedienen wie am ersten Tag, nichts wackelt.

Die Qualität hat indessen ihren Preis, das P4 kostet knapp 190 Euro. Für Leute, die ein solches Tool brauchen können und das halbe Pfund am Gürtel nicht zu schwer finden, passt das neue Leatherman trotzdem auf die nächste Wunschliste.

Quelle: F.A.Z.
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Lukas Weber
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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