Multitools

Wie ein Werkzeugschrank für die Puppenstube

Von Hans-Heinrich Pardey
20.07.2020
, 10:00
Es ist so etwas wie ein technischer Talisman: Ein Multitool verspricht dem Radler Hilfe bei jeder Art von Panne. Aber welches der vielen Tools ist wirklich praktisch?

Es ist schon drollig: Viele Autofahrer empfinden eine Panne geradezu als Zumutung, die schleunigst vom mobilen Service-Personal zu beheben ist. Nicht einmal ein Radwechsel wird noch versucht, von komplizierteren Reparaturen ganz zu schweigen. Selbsthilfe in den Tiefen der Mechatronik ist ja vielfach auch ohne Werkstattequipment kaum möglich und daher nicht vorgesehen. Stattdessen kauft man ein Auto mitsamt Mobilitätsgarantie. Ein Anruf genügt – wenn es gutgeht.

Ganz anders die Radtour am Wochenende oder gar die Tage einer Radreise durchs Altmühltal oder die Vogesen: Die sind Abenteuer pur, und eine verklemmte Kette, der platte Reifen oder ein Speichenbruch gehören einfach dazu. Nichts, was nicht auch im Regen tapfer neben dem Fernradweg repariert werden kann. Man will schließlich nach der Rückkehr was zu erzählen haben. Weil Selbsthilfe angesagt ist, hat so gut wie jeder vernünftigerweise ein Minimum an Hilfsmitteln im Gepäck, wenigstens Flickzeug, zwei, drei Inbusschlüssel und vielleicht noch einen Nietendrücker. Zwar bietet der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) seit 2016 seinen Mitgliedern exklusiv den Service einer Pannenhilfe. Aber ein Anruf bei der zeitigt auch zunächst einmal Hilfe zur Selbsthilfe und setzt nicht gleich einen Servicetechniker in Marsch. Die Industrie unterstützt die radfahrerische Eigeninitiative mit einer völlig unüberschaubaren Fülle von Werkzeugen zum Mitnehmen.

Die sehen alle ungeheuer praktisch und patentiert aus wie ein Werkzeugschrank für die Puppenstube. Und die meisten sind wohl kräftig voneinander abgekupfert. Was gestern der „Knochen“ war, ist heute klein zusammenlegbar, taschengängig glatt und leicht. Dass man für um die zehn Euro nicht gerade besten Werkzeugstahl bekommt, dafür aber eine Verschraubung, die sich immer wieder lockert, sagt einem der gesunde Menschenverstand.

Manche Tools wollen bloß praktisch sein wie das schon etwas bejahrte von Tacx, das die aufgeschobenen Abdeckungen als stabile Reifenheber anbietet. Darunter sitzen auf zwei Bolzen die Werkzeuge: Flachschlitz-, Phillips-, Inbus- und Torx-Schraubendreher in den gängigsten Größen. Das wars auch schon, und das ist kleiner, flacher und leichter immer noch das Konstruktionsprinzip der meisten Fahrradwerkzeuge für unterwegs. Ein ähnliches von Brooks, das MT 10 (etwa 50 Euro), entwickelt wie die noch breitere – mit 21 Werkzeugen vollständigere, schwerere und mit knapp 70 Euro teurere – Variante MT 21 nostalgischen Charme durch eine Lederhülle. Beide aber sind mit den stabilen und ausreichend großen Werkzeugen ganz auf dem aktuellen Stand. Aber braucht der Freund eines Ledersattels unbedingt unterwegs den gezahnten Spezialschlüssel zum Nachspannen des Nostalgiestücks?

Das MT 21 ist so ziemlich das schwerste einteilige Tool. Das gibt es nämlich auch: auseinander zu schiebende Werkzeuge wie das MTB-3C von Parktool, bei dem die beiden Träger der Werkzeuge als Reifenheber dienen sollen, was die Arbeit nicht leichter macht. Diesem Trumm sieht man den älteren Entwurf wie manchen namenlosen Teilen aus China an: Werkzeuge werden bereitgehalten, die allenfalls zu den Schrauben an einem 30 Jahre alten Rad passen. Doch bei den meisten Vielzweckwerkzeugen soll möglichst für jeden etwas dabei sein. Im Fall des Falles stellt man dann fest: Man könnte nun zwar eine 8mm-Sechskantmutter mit einem eher schwachen Ring- oder Maulschlüssel anziehen. Aber wenn am ganzen Rad nicht eine solche Mutter verbaut ist, nützt einem das nicht viel. Was man brauchen würde, wäre ein Innensechskant Nummer 8. Weil der nur als locker sitzender Aufsatz dabei war, ist er aber längst verlorengegangen. Wer zu Bits greift, wie beim knapp 50 Euro teuren, aber empfehlenswerten Biketool von Victorinox, muss sichergehen, dass ihm solche Verluste erspart bleiben.

Man fängt den Erwerb seines Werkzeugs für unterwegs also besser nicht mit dem Studium von Vergleichstests, sondern mit der Inspektion des Fahrrads an – oder der Fahrräder. Denn aufgemerkt: Auch ein Paar völlig gleicher Fahrräder kann im Detail anders verschraubt sein, und man benötigt beim einen für den Sattelklemmbolzen einen 4er-Inbus, wo beim anderen ein Torx 25 vonnöten ist. Bevor man sich von zehn Gramm weniger Gewicht oder drei Funktionen mehr eines Multitools oder fünf Euro weniger blenden lässt, macht man sich besser eine Liste, welche Werkzeuge wirklich passend sind. Das eine Supertool für jedes Rad gibt es nicht.

Für manches Rad lohnt Spezialwerkzeug

Das größte Problem mit kleinen Universalwerkzeugen ist die Zugänglichkeit: Manchmal hat man wohl den passenden Inbus dabei, aber der Schraubenkopf sitzt so tief und fest, dass man ihn nur mit einem wesentlich längeren Werkzeug erreichen und nur mit einem längeren Hebel die nötige Kraft einsetzen könnte. Und für manches Rad lohnt Spezialwerkzeug: Um am Carbonrad sicher zu schrauben, ist ein Drehmomentschlüssel en miniature wie der Nano Torqbar X von Topeak eine überlegenswerte Sache.

Zum Schluss noch die grundsätzliche Frage: Was braucht es überhaupt? Der an vielen Tools im Taschenformat vorhandene Kettennietendrücker zum Beispiel ist in einer richtig stabilen Werkstattversion zu Hause vorhanden. Muss man ständig einen dabeihaben? Ist das Mitführen eines beim Flicken von Shimano-Ketten unabdingbaren Ersatzstifts nötig? Dafür bietet das SKS Minitool TOM 18 (rund 25 Euro) neben dem bloß witzigen Reifenheber ein auffallend orangenes und einigen Platz beanspruchendes Fach. Über dessen Leere und Funktion mag schon mancher Besitzer lange gegrübelt haben. Die eigene Erfahrung sagt: Ein einziges Mal auf vielen tausend Kilometern riss eine Kette und konnte geflickt werden, um die heimische Werkstatt zu erreichen. Ein Mountainbiker mit immer wieder verklemmter Kette erlebt das aber ganz anders.

Über einige Jahre zurückgeblickt, ist das am häufigsten eingesetzte Pannen-werkzeug ein winziger Schraubkopf, der an lediglich einem einzigen Fahrradwerkzeug des Marktes serienmäßig gefunden wurde. Der Reifenhersteller Schwalbe legt den Aufsatz der Portionspackung des Reifendichtmittels „Doc Blue“ bei und schiebt ihn in seine superschmalen Taschenwerkzeuge. Man dreht mit dem Teil das Ventil heraus, um die klebrige Dichtmilch einzufüllen. Das kann – nicht bei jeder Art von Panne – ein sehr effektives und rasches Flicken nach einem Platten sein. Dabei hat sich herausgestellt, dass zum völligen Glück etwas fehlt: Die zierlichen, sogenannten „französischen“, Sclaverandventile können so festsitzen, dass man sie mit dem Werkzeug und bloßer Fingerkraft nicht lockern kann. Es braucht eine kleine Kombizange. Deshalb fährt seit langem auch ein Minitool aus dem Hause Tim Leatherman mit.

Quelle: F.A.S.
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