Outdoor-Marke Houdini

Ein starkes Strick

Von Walter Wille
Aktualisiert am 18.11.2020
 - 15:07
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Ressourcenverschwendung und Plastikmüll: Die Textil- und Outdoor-Industrie hat einen schlechten Ruf. Mit Offenheit und Transparenz will eine schwedische Marke gegensteuern.

Die Textilindustrie zählt zu den Branchen, die wegen Ressourcenverschwendung und Umweltverschmutzung besonders am Pranger stehen. Vor diesem Hintergrund hat die schwedische Outdoor-Marke Houdini am Beispiel einer Fleecejacke ein „Open Source“-Projekt gestartet. Dabei soll jeder, Öffentlichkeit wie auch Konkurrenz, nachverfolgen können, wie und aus welchen Materialien das neue Produkt hergestellt wird. Mit seiner demonstrativen Offenheit will das Unternehmen nach den Worten der Vorstandsvorsitzenden Eva Karlsson einen Beitrag leisten, das Innovationstempo der Branche auf dem Weg zu Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung und umweltfreundlicherer Herstellung zu beschleunigen.

Es geht um eine 200 Euro kostende Outdoor-Jacke namens Mono Air Houdi für Frauen und Männer, die während der Ispo Anfang des Jahres in München mit einer Auszeichnung bedacht wurde und jetzt in den Handel kommt. Die Mono Air Houdi wird als Mittelschicht beispielsweise unter einer Winter- oder Skijacke getragen oder als leichte Außenjacke für Aktivitäten unter freiem Himmel wie Wandern oder Klettern genutzt. Sie hat eine schlanke, elastische Form, überlange Ärmel mit Daumenschlaufen, Seitentaschen und eine Kapuze mit hohem Kragen. Gefertigt wird sie hauptsächlich aus Polartec Power Air. Der Stoff besteht zu 73 Prozent aus recyceltem, zu 27 Prozent aus sonstigem Polyester und ist den Angaben zufolge komplett wiederverwertbar.

Wegen seiner speziellen Strickweise verliert Power Air beim Tragen und Waschen angeblich 80 Prozent weniger Mikrofasern als traditionell aufgerauhte Fleecestoffe. Denn für die isolierende, wärmende Wirkung benötigte Fasern werden durch die Strickweise in kleinen Hohlkammern eingeschlossen. Die Fasern zeigen nach innen in die Stoffkammern, umschlossen von einer mehrlagigen, aus einem Garn gefertigten Strickkonstruktion, die sich außen glatt anfühlt. Dadurch lösen sich dem Hersteller zufolge beim Benutzen und Waschen weniger Kunststoffpartikel als im Fall traditionell aufgerauhter Fleecestoffe. Das erinnert im Anblick an die Luftpolsterfolie aus dem Baumarkt. Im Vergleich zur ersten Version des ursprünglich Anfang 2019 vorgestellten Power-Air-Stoffs ist die jetzige Version dem Hersteller zufolge um 25 Prozent leichter. Der neue Stoff fühlt sich rauher, nicht ganz so weich, geschmeidig und glatt an wie der alte. Auf eine Beimischung von Elasthan wurde der Sortenreinheit und Recyclingfähigkeit wegen diesmal verzichtet.

Unter www.houdinisportswear.com werden die Bestandteile der Jacke komplett aufgeführt. Das Unternehmen erläutert Schnitte und Konstruktionsmerkmale, legt dar, welche Komponenten vom Garn für die Nähte über die elastische Kordel der Kapuze bis zum Reißverschluss von welchen Zulieferern bezogen werden. Sogar die internen Bestellnummern der Teile werden aufgeführt. Erläutert wird unter anderem, warum auf die Plastikverpackung für den Transport von der Fabrik in den Handel nicht verzichtet wird, warum der Schlitten des Reißverschlusses aus Metall und nicht aus Plastik besteht, obwohl Letzteres das Recycling erleichtern würde, wie das Kleidungsstück am Ende fürs Recycling auseinandergenommen werden muss. Wer sich das alles online zu Gemüte führt, bekommt einen Eindruck von der Entwicklungsarbeit und eine Ahnung, welche Überlegungen bei der Abwägung von Langlebigkeit, Umweltfreundlichkeit, Wiederverwertbarkeit und Wirtschaftlichkeit angestellt werden müssen. Alles nicht so einfach. Aber interessant.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wille, Walter
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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