Notfallalarm

Ein Grund zum Heulen

Von Peter Thomas
14.01.2022
, 17:19
Mechanisch: Unter dem Reiher eine klassische Motorsirene Hörmann E57 mit dem typischen pilzförmigen Dach
Zur Bewältigung von Notfällen braucht es viele Kommunikationswege. Einer der ältesten davon erlebt gerade eine Renaissance.
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Kein Anschluss unter dieser Nummer: Frühmorgens am 11. November 2021 waren wegen Ausfällen des Telefonnotrufs zahlreiche Leitstellen von Polizei (110) sowie Feuerwehr und Rettungsdienst (112) nicht mehr zu erreichen. Die Störung betraf Regionen im ganzen Bundesgebiet, und es dauerte über eine Stunde, bis das offenbar durch eine neue Software ausgelöste Problem behoben war. Es war die zweite größere Störung der Notrufinfrastruktur binnen weniger Wochen. Zuletzt hatte es am 29. September 2021 erhebliche Probleme gegeben.

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Solche Situationen machen die Bedeutung von Kommunikationskanälen für Notfälle deutlich. Denn die intuitive und schnelle Erreichbarkeit von Leitstellen über einprägsame Kurzwahlen ist eine Voraussetzung für kurze Hilfsfristen und damit die Effizienz der Einsätze. In der Bundesrepublik Deutschland sind die heute üblichen Notrufnummern seit Ende der Vierzigerjahre für Großstädte etabliert worden. Am 20. September 1973 beschlossen Ministerpräsidenten und Bundeskanzler die flächendeckende Einführung. Möglich machte das die engagierte Lobbyarbeit der Björn Steiger Stiftung. Heute gilt die 112 in mehr als 30 Ländern, darunter sind seit 1991 alle Staaten der Europäischen Union.

Kommunikation verläuft aber meist in wenigstens zwei Richtungen, das gilt auch für Notfälle: Neben der Möglichkeit für Notrufe braucht es verlässliche Informationstechnik für den Kontakt zwischen den Helfern (Alarmierung und Kommunikation während des Einsatzes über Funknetze für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben – BOS-Funk) sowie zur Information der Bevölkerung durch die öffentliche Hand. Dass es gerade bei dem letzten Punkt dringenden Nachholbedarf in Deutschland gibt, machte unter anderem der von technischen Pannen geprägte bundesweite Warntag am 10. September 2020 deutlich. 2022 soll der nächste Warntag stattfinden. Dann wird sich zeigen, was man aus der Fehleranalyse von vor zwei Jahren gelernt hat.

Eine so banale wie kritische Erkenntnis war 2020, dass es in Deutschland zu wenige Sirenen für eine verlässliche flächendeckende Warnung gibt. Derzeit läuft deshalb der erneute Ausbau des Netzes, die Anschubfinanzierung des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) umfasst rund 90 Millionen Euro. In Bayern, wo man das bestehende Netz der Warnanlagen nahezu verdoppeln will, sollen die ersten neuen Sirenen aus dem Programm in diesem Jahr in Dienst gestellt werden.

Elektronisch: Durch Pufferbatterien funktioniert der Alarm auch bei einem Stromausfall.
Elektronisch: Durch Pufferbatterien funktioniert der Alarm auch bei einem Stromausfall. Bild: Peter Thomas

Das Thema Sirenenwarnung hat zusätzliche Brisanz bekommen, als während der durch Starkregen ausgelösten Überschwemmungen im Sommer 2021 – mit besonders schweren Folgen im Ahrtal – die betroffenen Bürger zu spät über das Risiko informiert wurden. Womöglich hätten frühzeitige Sirenenalarme hier Todesopfer vermeiden können. Derzeit wird das Geschehen von einem Untersuchungsausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags aufgearbeitet.

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Technisch sind mechanische Sirenen vergleichsweise simpel aufgebaut: Luft wird durch eine sich drehende Schaufel (Rotor) und ein feststehendes Element mit Auslassöffnungen (Stator) geleitet. Erzeugt wird der Luftstrom entweder durch den Rotor selbst (Motorsirene) oder durch in einem Tank vorgehaltene Pressluft (pneumatische Sirene oder Hochleistungssirene). Durch die Unterbrechung des Stroms entsteht der charakteristische Heulton mit Frequenzen zwischen 384 und 420 Hertz.

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Gerade im ländlichen Raum hängen noch heute die Notrufnummer 112 und der Betrieb des Sirenennetzes miteinander zusammen. Denn die Alarmierung der freiwilligen Feuerwehrleute verläuft zwar heute meist über einen Funkmeldeempfänger (stiller Alarm). Doch „bei größeren Schadenslagen oder besonderen geographischen Bedingungen“ wird parallel auch noch über Sirene alarmiert, heißt es beim Deutschen Feuerwehrverband. Hinter dem Stichwort Geographie versteckt sich die fehlende Netzabdeckung, die nicht nur ganz alltägliche Mobiltelefone betrifft, sondern auch den digitalen Behördenfunk Tetra-BOS und Meldeempfänger. Über unseren eigenen Wohnort berichtete die Lokalzeitung beispielsweise 2019 mit der Überschrift „Ohne Feuersirene geht’s nicht“. Die Brandschützer bestätigten damals das Problem der zahlreichen Funklöcher.

Einheitssirene mit pilzförmigem Dach wurde Standardmodell

Flächendeckende Sirenennetze wurden in der Bundesrepublik und der DDR nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut. Dabei dienten die Anlagen in den westdeutschen Bundesländern zur Warnung der Bevölkerung bei militärischen Krisen (Bundesaufgabe) und zivilen Notlagen (Aufgabe der Bundesländer) sowie zur Alarmierung der Feuerwehren (in der Regie von Kreisen und Kommunen). Der bayerische Unternehmer Hans Hörmann, spezialisiert auf Blitzschutztechnik, erkannte damals das Marktpotential und begann 1955 mit der Entwicklung eigener Sirenen. Seine Einheitssirene 1957 mit dem pilzförmigen Dach, kurz E57, wurde zu einem Standardmodell in der Bundesrepublik.

In der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden (insgesamt 111 Sirenen, davon neun in der Innenstadt) sind noch 95 Exemplare des Typs E57 installiert. Die ältesten dieser robusten Anlagen dürften tatsächlich das Baujahr 1957 haben, sagt Michael Blecker, der in der Unteren Katastrophenschutzbehörde der Stadt verantwortlich ist für die Notfallplanung. In Wiesbaden läuft wie in vielen anderen Kommunen eine sukzessive Umstellung der Motorsirenen auf elektronische Varianten. Dabei soll auch die Möglichkeit umgesetzt werden, digitale Sprachnachrichten auszugeben. Die Bauart mit den typischen Hörnern aus Aluminium kommt ohne bewegliche Teile aus. Das charakteristisch anschwellende Sirenensignal, bei der mechanischen Variante durch den anlaufenden Rotor erzeugt, wird dabei vom Signalerzeuger nachgebildet.

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Wichtig ist die regelmäßige Wartung der Anlagen

Damit Sirenen im Ernstfall auch funktionieren, werden sie regelmäßig gewartet und getestet. In Wiesbaden gibt es fünfmal jährlich einen Probealarm, andere Kommunen oder Landkreise testen die Anlagen beispielsweise an jedem ersten Samstag im Monat. Wichtig ist auch die regelmäßige Wartung der Anlagen. Das übernehmen meist Dienstleister im Auftrag der Kommunen. Die Stadt Rüsselsheim zum Beispiel hat dafür direkt Hersteller Hörmann beauftragt. Bei der Wartung werden nicht nur die Sirenen selbst geprüft, sondern auch ihre mechanische Befestigung, die Elektrik, die Funkantennen und weitere Parameter. Bei mechanischen Sirenen ist das etwa alle zwei Jahre fällig, bei den elektronischen Sirenen mit Batteriepufferung und größerer Reichweite häufiger.

Gefragt ist die Sirenentechnik nicht nur in Deutschland, sagt Hörmann-Geschäftsführer Matthias Müllner: Das Unternehmen mit rund 150 Mitarbeitern, das sich in Deutschland als Marktführer für Sirenen sieht, liefert seine Anlagen in alle Welt und installiert sie vor Ort. Elektronische Sirenen wurden beispielsweise Anfang der Neunzigerjahre in Singapur aufgebaut. Das war exakt die Zeit, als in Deutschland viele Städte die bestehenden Anlagen demontierten. Denn die Vorgaben des Bundes für eine Warninfrastruktur des Zivilschutzes fielen nach der Wiedervereinigung und dem Ende des Kalten Krieges weg. Viele Kommunen hofften damals, durch das Ende des Sirenenbetriebs Geld sparen zu können.

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Doch warum werden die Sirenen (mittlerweile werden sie meist über Tetra drahtlos von den Leitstellen angesteuert) nun wieder aufgebaut? Schließlich stehen doch Apps wie die bundeseigene Lösung Nina mit mehr als neun Millionen Anwendern und das vom Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme (Fokus) entwickelte Katwarn zur Verfügung. Seit 2019 tauschen beide Apps ihre Meldungen auch untereinander aus.

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Vorteil der Apps ist, dass die Nutzer geographisch gezielt vor kritischen Lagen gewarnt werden können. Doch es gibt auch zwei Nachteile: Die modernen digitalen Lösungen erreichen nur diejenigen, die ein smartes Endgerät nutzen und sich die App darauf installieren. Zudem funktioniert die Warnung nur, wenn das Gerät eingeschaltet und ins Netz eingebucht ist. Das gilt auch für die Katastrophenwarnung über das sogenannte Cell Broadcasting, deren Einsatz in Deutschland seit November 2020 durch das BBK vorbereitet wird. Dabei wird auf allen in einer Netzzelle eingebuchten Mobiltelefonen eine Warnmeldung ausgespielt – ohne App und ohne vorherige Registrierung für den Dienst. Das technisch nahezu barrierefreie Angebot nützt aber nichts, wenn das Handy in der Nacht ausgeschaltet ist.

Redundanzen für die Notfallkommunikation sind wichtig

Ein durchdringendes Sirenensignal hingegen nimmt man sogar im Schlaf wahr. Als optimal gilt, wenn wenigstens 70 bis 75 Dezibel Schalldruck an jedem Punkt in einer Gemeinde ankommen. Die entsprechende Abdeckung wird von den Kommunen mit einem Beschallungskonzept festgelegt. Wer von einem solchen Sirenensignal alarmiert worden ist, kann sich anschließend über einen der vielen möglichen Kanäle über den Grund der Warnung informieren. Das modulare Warnsystem des BBK (Mowas) liefert entsprechende Daten beispielsweise an die Website www.warnung.bund sowie an Nina und weitere Apps, Radio und Fernsehen, aber auch an digitale Stadtinformationstafeln und Fahrgastinformationssysteme. Diese vernetzte Lösung wird auch künftig durch Sirenen ergänzt. Denn Redundanzen für die Notfallkommunikation sind wichtig – diese Erkenntnis hat sich im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz durchgesetzt.

Technisch weiterentwickelt hat sich seit 1973 auch das zunächst analoge Notrufnetz. Beispielsweise war in öffentlichen Telefonzellen seit 1984 ein münzfreier Notruf möglich (das kostete vorher 20 Pfennig), seit den Neunzigerjahren wurden die Notrufe über ISDN abgewickelt. 2014 begannen schließlich die Vorbereitungen für die Umstellung auf internetbasierte Telefonie (IP-Telefonie). Die entsprechende Richtlinie erschien 2018, tatsächlich migriert wurden die Anschlüsse der meisten deutschen Leitstellen im Jahr 2020. 2021 wurde dann die App „Nora“ der Bundesländer flächendeckend eingeführt, mit der Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst alarmiert werden können – Standortbestimmung inklusive. Die einmalige Registrierung mit einer Mobilnummer ist Voraussetzung.

Wie oft im Jahr in Deutschland Notrufe über die beiden Telefonnummern 110 und 112 sowie über Nora abgesetzt werden, weiß niemand exakt zu sagen. Das liegt auch an den lokalen (Feuerwehr, Rettungsdienst) und föderalen (Polizei) Zuständigkeiten. Immerhin ist bekannt, dass die größten deutschen Leitstellen wie jene der Feuerwehr in München im Jahr mehr als eine Million Notrufe über die 112 annehmen. Bei der Berliner Polizei sind es unter der 110 sogar mehr als 1,3 Millionen Notrufe jährlich.

Quelle: F.A.Z.
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