Ortlieb Fahrradtaschen

Ausgebessert währt am längsten

Von Hans-Heinrich Pardey
28.07.2020
, 15:58
Auch Ortlieb-Fahrradtaschen halten nicht ewig. Aber sie werden vom Hersteller flott repariert. Und auch nach der Garantiezeit kann der Ausrüstung ein zweites, drittes oder viertes Leben beschert werden.

Dieser Leserkommentar neulich machte so richtig Spaß. Zum einen erheischte er geradezu professionell Aufmerksamkeit mit der Titelzeile „Ortlieb? Einmal und nie wieder!“ In eben diesem Duktus legen ja gern rüpelhaft negative Bewertungen im Internet los. Hier aber wurde nun das Hohelied auf die Unverwüstlichkeit der Fahrradtaschen von Marktführer Ortlieb gesungen. Tenor: Die Dinger halten so lange, dass der fleißige Radler sich keine neue kaufen darf, weil Mutti gesagt hat, dass die alte ja noch gut ist.

Nun ist aber die Mär von der völligen Unzerstörbarkeit der wasserdichten Gepäcktaschen genau dies: ein Märchen. Wäre es die blanke Wahrheit, dass Taschen, Beutel und Rucksäcke von Ortlieb einfach nicht kaputtzukriegen sind, würde das in Heilsbronn in Mittelfranken ansässige Unternehmen wohl kaum am Stammsitz seit bald 40 Jahren und heute auch in den Vereinigten Staaten, den Niederlanden, im Vereinigten Königreich und der Schweiz einen eigenen Reparaturservice unterhalten. Der wird auch keineswegs schamhaft mit der diskreten Regelung von Reklamationen betraut, sondern offensiv mit der Botschaft präsentiert: Auch nach der Garantiezeit von fünf Jahren kann der Ausrüstung ein zweites, drittes oder viertes Leben durch Ausbessern und Modernisieren beschert werden.

Es hat tatsächlich einige Zeit gedauert, bis dieser Service mal praktisch ausprobiert werden konnte. Und das geschah nicht gerade in der günstigsten Zeit: Die Saison war schon voll im Gange, die Nachfrage noch dazu pandemisch verstärkt. Man könne gar nicht so viel nähen, kleben, schrauben und verschweißen, wie die Kundschaft einem aus den Händen reiße, lässt sich gerade der Ortlieb-Vertrieb vernehmen. Und Marktbeobachter mit etwas Überblick konstatierten, dass Ortlieb in Zeiten abgerissener Lieferketten von seinem konsequenten „Made in Germany“ profitiere - ganz im Gegensatz zu anderen in der Fahrradbranche.

Mit drei in kurzem Abstand nacheinander kaputtgegangenen Taschen wurde alles so gemacht, wie es die Internetseite von Ortlieb empfiehlt. Der Händler des Vertrauens schickte die Taschen ein und meldete sich zehn Tage später: Die reparierten Sachen seien wieder da. Alles zusammen koste rund zehn Euro, und einen Frankiergutschein für die nächste Zusendung habe man auch noch bekommen. Für den Kunden gab es ein paar Zuckerle als Dreingabe und dazu eine Rechnung mit so etwas wie einer Denksportaufgabe: Wieso war nur eine von den drei Reparaturen kostenpflichtig? Auf Gewährleistung wurde in zwei Fällen jeweils eine Schraube ersetzt. Weil an beiden Backroller-Taschen dieselbe Schraube sich gelockert hatte und verlorengegangen war, hätte man darauf tippen können, dass eine Fehlbedienung vorliege.

Tatsächlich ist aber der bewegliche Tragriemen nicht besonders pfiffig so schräg angeschraubt, dass abzuwarten bleibt, wie bald sich wieder eine Schraube lockert und verschwindet. Der in nicht einmal vier Wochen nach dem Kauf durchgescheuerte Boden der dritten Tasche jedoch war zu bezahlen. Offenbar fällt der Transport eines E-Bike-Akkus, der war nämlich schuld, nicht unter die Kategorie bestimmungsgemäßer Gebrauch. Oder die paar Euro für das sauber mit einem innen aufgeschweißten Flicken abgedichtete Loch sind als Mahnung zu verstehen, sich endlich eine „E-Mate“-Tasche zu kaufen: Die Neuheit mit dem sprechenden Namen hat ein gepolstertes Akkufach, kostet aber das Sümmchen von zwölf Flicken, sprich rund 120 Euro. Apropos Neuheiten: Wie nicht selten im Brustton des Innovators, der aber eigentlich eher ein Perfektionierer ist, verkündet die Ortlieb-Werbung 2020 „New Basket in Town“. In der Tat hatte bislang, wer einen Korb mit den Markteinkäufen vor den Lenker hängen wollte, zu einer soften, ovalen Tasche von Rixen und Kaul („Klickfix“) greifen müssen. Die klickte sich nicht nur fix und fest an ihren eigenen Adapter mit der roten Taste, sondern genauso an Ortliebs Halter.

Den legt der Marktführer seit neuestem seinen Lenkertaschen nicht mehr bei. Das schönt zum einen die Preise, ist aber sinnvoll: Zu verschieden sind durch Displays und mehr Kabel vor allem bei Elektrorädern die Anforderungen an die lenkerseitige Form des Trägers geworden. Ortlieb hat seine Kernkompetenz, die Wasserdichtigkeit, auf das Einkaufskörbchen ausgedehnt. Herausgekommen ist ein Einkaufskorb mit Bügel statt Henkeln, innerer Versteifung und einer rundherum dicht mit einer Gummilippe abschließenden Abdeckung. Trotzdem sieht die Neuheit dem Shopper von Rixen und Kaul ziemlich ähnlich, und auch für den gab es schon ein Regendach. „Up-Town“, so heißt Ortliebs Einkaufskorb, ist in verschiedenen Ausführungen für zwischen rund 70 und 90 Euro zu haben. „Mustard“ ist die Modefarbe dieses Jahres. Beachtenswert: Der Korb verlangt einen Halter mit einem stärkeren Drahtseil. Grau statt schwarz ummantelt liegt es bei, und die Frage bleibt noch empirisch zu klären: Verkraften die bislang kompatiblen Klickfix-Adapter die Neuheit?

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot