Petroleumlampe Petromax

Es spratzelt, zischt und raucht

Von Lukas Weber
03.05.2021
, 15:16
Vor einem Jahrhundert hat die Petromax das Licht revolutioniert. Wir haben solch eine Petroleumlampe wiederentdeckt und in Betrieb genommen.

Das Leben im Einfamilienhaus hat Vor- und Nachteile, einer davon ist, dass man viel Platz hat. Der füllt sich im Laufe der Jahre mit allerlei Schätzen, die Gattin nennt das Krempel, sie warten auf Wiederentdeckung. Dazu bedarf es eines Anstoßes, das kann etwa ein unerwartetes Jubiläum sein. Er kommt in diesem Fall in Gestalt einer schlichten Mitteilung: Die Petromax wird 100 Jahre alt, das Patent wurde im April 1921 erteilt. Und damit die Presse weiß, worum es geht, sind ein paar Kleinteile beigelegt.

Da war doch was. Richtig, nicht ganz so lange her, aber immerhin vor drei Jahrzehnten bekam der Redakteur eine Original Petromax geschenkt. Nach anfänglicher Begeisterung ob der feinen Technik gingen die Strümpfe aus, und das Gerät geriet in Vergessenheit, weil der Max die Socken zum Glühen braucht. Licht in Form von LED-Leuchten ist halt viel einfacher, es lässt sich an- und ausknipsen, Petroleum ist nicht erforderlich. Aber das schwere Gerät hat seinen Reiz, wäre doch gelacht, wenn wir es nicht wieder zum Leben erwecken könnten. Also erst mal entstauben, neuen Glühstrumpf dran, Petroleum in den Tank, pumpen, pumpen und noch mal pumpen.

Dafür gibt es einen Zieh- und Drückknopf, der leider nur bei jedem dritten Hub ein schmatzendes Geräusch erzeugt und sonst ins Leere fällt, statt Luft hineinzudrücken, obwohl das Leder am Ende der Stange zum Abdichten reich gefettet ist. Nach Minuten verzweifelter Arbeit die Kon­trolle am Manometer – da tut sich nichts. Bedienungsanleitungen sind etwas für Feiglinge, wofür war noch mal das blaue Rad? Ein halber Dreh, schon spritzt Öl in hohem Bogen durchs Wohnzimmer. Woraus wir den Schluss ziehen, dass erstens wohl doch Druck im System war und dass zweitens die Düse nicht verstopft ist. Den zarten Duft von Petroleum kannten wir schon vordem, er hängt tagelang in der Nase.

Schräubchen und Dichtungen nicht mitgerechnet

Dem Max werden wir es zeigen, jetzt soll er zerlegt, gereinigt, begutachtet und wieder zusammengefügt werden. Das fordert den Bastler, es sind mehr als zweihundert Bauteile – Schräubchen und Dichtungen nicht mitgerechnet. Dabei ist das Prinzip schlicht: Das Petroleum im Tank wird unter zwei bar Druck gesetzt, sobald das Ventil geöffnet wird, strömt es nach oben durch einen heißen Vergaser, wo es verdampft und weiter beschleunigt wird. Am Ende des Vergasers tritt es fast mit Schallgeschwindigkeit durch eine Düse aus und reißt Luft mit sich. Daher das zischende Geräusch. Luft und Brennstoff verwirbeln in einem Rohrbogen, das Gemisch entzündet sich im Freien und erhitzt das, was vom kunstseidenen Glühstrumpf nach dem ersten Anzünden übrig geblieben ist, bis zur Weißglut. Sie spendet das helle Licht. Es ist ein Gerüst aus Asche, das empfindlich gegen Erschütterungen und Verschleißteil Nummer eins ist. Die Hitze holt sich der Vergaser anfangs mit einem Schuss Spiritus aus einer kleinen Wanne oder durch einen Rapid-Zünder, der mit Petroleum aus dem Tank arbeitet. Ein Liter Öl reicht für etwa acht Stunden, nur gelegentlich muss nachgepumpt werden. Die HK 500 brennt so hell wie 500 Kerzen oder gar nicht.

Die geniale Technik funktioniert im Grunde mit allen brennbaren Flüssigkeiten, so gab und gibt es auch Leuchten, die mit Spiritus oder Benzin betrieben werden. Duftpetroleum etwa oder Diesel führen aber zu Verschmutzungen. Erfunden und im April 1921 zum Patent angemeldet wurde sie vom Berliner Kommerzienrat Max Graetz, der damit die Lichtleistung der Petroleumlampen vervielfachte. So entstand der Name Petromax. Seitdem sind viele Millionen Exemplare in alle Welt verkauft worden, sie finden bis heute überall dort Verwendung, wo viel Licht gebraucht wird, aber kein Strom vorhanden ist. Und es gab, was als Ehre anzusehen ist, Nachahmer und Kopien aus Fernost zum halben Preis. Wir hatten so etwas einmal in der Hand, sieht gleich aus, sogar Ersatzteile passen, aber der Qualitätsunterschied zum Original ist deutlich fühlbar.

Mit den Jahren geriet die Petromax in Vergessenheit, der Verkauf köchelte auf Sparflamme, produziert wurde mal in Portugal und mal in China. Bis im Jahr 2000 der Student Jonas Taureck im Niger nächtens mit seinem Lastwagen liegenblieb und Strom für die Batterien brauchte. Den suchte er in einem hell erleuchteten Wüstendorf, fand aber statt elektrischer Lampen nur eine HK 500. Taureck war begeistert, erwarb die Markenrechte – sie ruhten damals beim Glashersteller Schott – und begann ein paar Jahre später mit der Produktion. Heute beschäftigt Petromax am Standort Magdeburg 90 Mitarbeiter und bietet neben der Petroleumlampe ein breites Sortiment für Menschen, die sich gerne in der freien Natur aufhalten.

Die HK 500 gibt es in Messing natur oder verchromt, Modelle aus dem vergangenen Jahrhundert waren zeitweise auch aus Blech und rosten. Der Preis von knapp 200 Euro für die rund 40 Zentimeter große Leuchte lässt sich mit Zubehör locker um einen weiteren Hunderter erhöhen. Besonders empfehlenswert ist der Reflektorschirm für rund 40 Euro, damit die Leuchte auf dem Tisch nicht blendet. Wer kauft so etwas? Taureck meint, die Lampe sei bei Streitkräften, dem Technischen Hilfswerk und dem Roten Kreuz im Einsatz, aber sie wecke auch den Spieltrieb technikbegeisterter Männer und Frauen – es werde Licht, aber halt nicht durch einfaches Schalterumlegen. Es gibt eine rege Gemeinde von Sammlern – einer habe sich sogar das Logo auf den Arm tätowiert.

Jetzt werden 30.000 angepeilt

Als er das Geschäft übernommen habe, seien etwa 1500 Petromax im Jahr produziert worden, jetzt werden 30.000 angepeilt, zusammengebaut wird in Deutschland. Große Märkte gibt es in Japan, China und Amerika, aber auch hierzulande läuft der Verkauf gut. Früher sei es vorgekommen, dass die Leute die Transportsicherung aus Kunststoff für die Ersatzgläser drangelassen und eingebrannt hätten, „bei der Reparaturannahme nannten wir das Cheeseburger“. Heute sei das Verständnis für die Lampe besser geworden, viele bringen uralte Geräte wieder in Schuss, der Handel mit den Ersatzteilen floriert.

Und der mit Zubehör. Unter Zischen, Fauchen und Rauchen wurde die Petromax des Redakteurs wieder zum Leben erweckt, das Rauchen verschwindet rasch, das Zischen bleibt. Die komplette Demontage haben wir uns erspart. Jetzt wissen wir, warum die Militärs auf das robuste Gerät setzen. Und wegen seiner Vielseitigkeit. Weil die HK 500 so viel Wärme abstrahlt, gibt es einen Kochaufsatz, und statt des Glases kann ein Heizelement eingesetzt werden. Wenn sie belüftet sind, kann man damit kleine Räume oder Zelte erwärmen. Das schaffen wir uns jetzt an – falls mal der Strom ausfällt.

Quelle: F.A.S.
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Lukas Weber
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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