Sägebericht Stihl MS 400 C-M

Mit dem Drehwurm im Gehölz

Von Lukas Weber
01.05.2021
, 08:52
Der Mensch an der Motorsäge freut sich über jedes Gramm, das er nicht heben muss. Die neue Stihl MS 400 C-M ist die erste ihrer Art mit einem Kolben aus leichtem Magnesium. Damit erreicht sie erstaunliche Drehzahlen.

Magnesium ist ein wichtiges Metall. Ist zu wenig des Mineralstoffs im Blut, äußert sich das in Muskelkrämpfen und Schwäche. In der Technik ist es der Freund des Ingenieurs, wenn er Gewicht sparen will. Denn Magnesium ist etwa ein Drittel leichter als Aluminium und in diversen Legierungen im Einsatz, es findet sich unter anderem als Material für sportliche Felgen und in Gehäusen. Im Motor selbst herrscht freilich weitgehend Magnesiummangel, denn für hochbelastete Bauteile fehlt es den Magnesiumlegierungen an Festigkeit, und die Schmelztemperatur ist deutlich niedriger als jene von Aluminium.

Die Einschränkungen gelten bisher, aber den Ingenieuren des Geräteherstellers Stihl ist es jetzt gelungen, einen Kolben aus Magnesium einsatzfähig zu machen. Er ist in der neuen Motorsäge MS 400 C-M eingebaut und nach Aussage des Unternehmens weltweit der erste, der serienmäßig eingesetzt wird. Das hat den Technikern bei den Druckguss-Wettbewerben im Rahmen der Euroguss den ersten Preis für Bauteile aus Magnesium eingebracht. Die Forschung und Erprobung hat mehrere Jahre in Anspruch genommen. Dabei sei die Temperaturbeständigkeit nicht das wesentliche Problem gewesen, erklärt Stihl-Produktmanager Motorsägen Bernhard Huber.

Vielmehr musste an der Warmfestigkeit des Materials getüftelt werden, etwa dort, wo Kolbenbolzen oder -ringe auf das Magnesium treffen. Die Oberfläche sei durch eine Schicht aus Magnesiumoxid geschützt, Genaueres ist wie die Zusammensetzung der Legierung Betriebsgeheimnis. Trotz der im Vergleich zu Aluminium etwas anderen Wärmeausdehnung entsprechen die Zylinderlaufbuchsen und die Kolbenringe denen von Motoren mit herkömmlichen Kolben. Das schwäbische Unternehmen hat die MS 400 C-M zunächst auf drei kleinen Märkten angeboten, dort sind inzwischen ein paar tausend Exemplare im Einsatz. Es gebe keinerlei technische Auffälligkeiten, sagt Huber.

Der Leichtbau kommt der Drehfreudigkeit zugute

Der Lohn der Mühe ist ein Kolben mit 50 Millimeter Durchmesser, der 70 Gramm leicht ist, derjenige des nächst kleineren Modells MS 362 C aus einer Aluminiumlegierung hat 47 Millimeter, wiegt aber 81 Gramm. Das hört sich zunächst nicht unbedingt nach viel an, da sich der Kolben aber mit rasender Geschwindigkeit auf und ab bewegt, werden sämtliche Bauteile durch ein paar Gramm Gewichtsersparnis viel weniger belastet. In der Folge können etwa Pleuel und Lager zierlicher dimensioniert werden, was wiederum Gewicht spart. Der Leichtbau kommt der Drehfreudigkeit zugute. Tatsächlich erreicht die MS 400 C-M 14 000/min, Motoren mit mehr als 60 Kubikzentimeter Hubraum drehen sonst höchstens bis 13 500/min, erklärt Huber.

Die neue Säge hat sogar knapp 67 Kubikzentimeter, sie schöpft daraus 5,4 PS (4 kW). Bei einem Motorgewicht von 5,8 Kilo ergibt sich ein günstiges Leistungsgewicht von 1,5 Kilogramm je Kilowatt. Der Benutzer hat dann sägebereit gut erträgliche sieben Kilo in der Hand. Das macht die MS 400 C-M laut Hersteller zur Universalsäge für das Fällen, Entasten und Aufarbeiten von Bäumen in mittelstarken Beständen, besonders beim Entasten ist die hohe Drehzahl willkommen.

Ohne Muskelzittern zu bekommen

Wie lässt sich damit arbeiten? Die Säge ist ein Gerät für Profis, was sich schon am Listenpreis von 1371 Euro (mit 45er Schwert) ablesen lässt, zum Aufbereiten von Brennholz für den heimischen Kamin ist sie überqualifiziert. Wir haben damit dennoch ein paar Festmeter kleingeschnitten, aber auch einen Baum mit gut 60 Zentimeter Stammdurchmesser gefällt. Dafür ist sie selbstredend stark genug, doch andererseits noch so leicht, dass der Redakteur damit einen Vormittag am Stück arbeiten kann, ohne Muskelzittern zu bekommen.

Die Ausstattung ist auch rasch erklärt. Montiert ist eine Vollmeißel-Kette 3/8 mit 1,6 Millimeter Treibgliedstärke, die Säge kann mit der Schienenlänge 40 oder 45 Zentimeter bestellt werden. Zum Tanken von Öl und Benzin gibt es Verschlüsse mit dicken Drehknebeln, und der Deckel über dem Luftfilter ist mit Schnellverschüssen befestigt, so dass im Handumdrehen von Sommer- auf Winterbetrieb umgestellt werden kann. Der Kettenspanner ist konventionell, die Befestigungsmuttern hängen im Deckel fest und können so nicht verlorengehen. Die MS 400 C-M hat eine elektronische Motorsteuerung, die Stihl M-Tronic nennt, sie regelt das Gemisch in Abhängigkeit von Temperatur und Luftdruck. Also nur auf „Start“ stellen, Dekompressionsknopf drücken und anwerfen.

Das Ziehen geht bei den neuen Geräten viel leichter als früher, es gibt keine Kraftspitzen mehr. Auch beim Kaltstart kommt der Motor spätestens auf den dritten Zug, die warme Säge läuft schon fast beim scharfen Hingucken an. Der Zweitaktmotor arbeitet mit der trickreichen Spülvorlage von Stihl; über besondere Kanäle strömt Luft statt Gemisch vor den Auslass, das verringert die Spülverluste und reduziert damit Verbrauch und schädliche Abgase.

In der Theorie führen die geringeren beweglichen Massen zu einem ruhigeren Motorlauf und zu schnellerem Hochdrehen. Ruhig und vibrationsarm läuft die Säge ohnehin, daran hat die Dämpfung mittels Stahlfeder einen hohen Anteil. Wie versprochen, dreht sie sauber und blitzartig hoch, ob’s flotter geht als bei anderen, lässt sich freilich ohne direkten Vergleich nicht seriös behaupten.

Die MS 400 C-M dürfte erst der Anfang sein. Wer sie haben möchte, muss sich einige Wochen gedulden, denn die Nachfrage ist hoch. Wenn sich die Technik bewährt, wird der Magnesiumkolben wohl auch in andere Modelle Einzug halten, nächster Kandidat wäre aus unserer Sicht die MS 500, die dank der elektronischen Einspritzung ohnehin besonders leicht ist und noch einmal ein gutes Stück mehr kostet. Da fällt dann auch der teure Magnesiumkolben nicht so ins Gewicht.

Quelle: F.A.Z.
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Lukas Weber
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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