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Science Center in Deutschland

Mach mit im Mitmachmuseum

Von Lukas Weber
 - 10:57
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Ein Besuch im Museum ist etwas Erhabenes. Der Besucher steht staunend vor ehrwürdigen Exponaten und denkt sich, wie schön es doch wäre, die guten Stücke einmal in der Hand zu halten, statt in sicherer Entfernung vorbeigeleitet zu werden. Für die Kinder indes, das sagt die Erinnerung, sind die staubigen Hallen ein rechter Graus. Die meisten sind froh, wenn das Flanieren vor den Hinterlassenschaften alter Künstler endlich ein Ende hat. Und auch mancher Erwachsene fragt sich im Stillen, wieso denn der Mann mit dem Goldhelm so drastisch an Glanz verloren hat, nur weil bekannt wurde, dass er wohl nicht von Meister Rembrandt persönlich gemalt worden war.

Für alle, die statt des ruhigen Betrachtens lieber selbst aktiv werden wollen, gibt es ein Kontrastprogramm. Statt „Berühren verboten“ heißt das Motto „Anfassen erwünscht“. Ziel ist es, die Neugier des Besuchers zu wecken und ihn zum Ausprobieren einzuladen – dass er dabei etwas über technische und naturwissenschaftliche Zusammenhänge lernt, ist der erfreuliche Nebeneffekt. Und wenn er am Ende mehr über all das wissen möchte, was er in Händen hatte, umso besser. Das Konzept nennt sich Science Center oder Erlebnismuseum, wobei es sich, streng genommen, nicht um Museen handelt, sondern um Ausstellungen, weil keine Sammlungen angelegt werden, die der Wissenschaft dienen. Als Erstes dieser Art gilt das 1969 eröffnete Exploratorium in San Francisco. Seitdem sind in Amerika mehrere hundert dazugekommen, und Anfang der achtziger Jahre ist die Welle auch nach Europa geschwappt. Inzwischen gibt es allerorten Einrichtungen, die ihre Besucher zum Experimentieren mit den Exponaten einladen.

Pythagoras mit Klötzchen, Primzahlen mit Melodien

So ähnlich das Konzept, so unterschiedlich sind die Schwerpunkte bis hin zu Spezialangeboten wie dem Geldmuseum der Deutschen Bundesbank in Frankfurt. Auch speziell, aber eher für ein breites Publikum ist beispielsweise das 2002 eröffnete Mathematikum in Gießen. Rund 150.000 Besucher aus der ganzen Welt strömen alljährlich dorthin – von Familien über Schulklassen bis zu Reisegruppen aus Asien. Das Mathematikum sei das erste Science Center der Welt, das sich ganz auf mathematische Themen konzentriert, erklärt Albrecht Beutelspacher. Der Gründer und Direktor ist Professor der Mathematik, wirkt aber eher nicht wie ein Vertreter dieser Spezies, weil auch ein normal veranlagter Mensch versteht, wovon er redet. Zum Beispiel, wenn er Kindern erklärt, wie sie die Exponate begreifen können. Das gilt auch für die ganz kleinen von vier bis acht Jahren, denn eine weitere Besonderheit des Gießener Mitmachmuseums ist das Mini-Mathematikum im obersten Stock. Dort ist einiges von dem, was die Großen unten ausprobieren, in kindgerechter Form aufgebaut.

Wie bringt man nun die Menschen dazu, sich mit öder Mathematik zu beschäftigten, und das auch noch freiwillig? Es ist der spielerische Umgang damit, und am Ende weiß oder ahnt der Besucher, was der Goldene Schnitt, die Fibonacci-Zahlen oder Sinus-Kurven sind. Ganz praktisch und bisher ungelöst: 6 Diamanten aus 49 auswählen. Trotz Tausender Besucher, die getippt haben, konnte noch keiner den Gewinn mit nach Hause nehmen – kein Wunder, die Wahrscheinlichkeit für einen Sechser im Lotto liegt bei rund 1 zu 15,5 Millionen. Eine der Gießener Attraktionen ist eine Art überdimensionaler Duschvorhang aus einer Riesen-Seifenblase, die der Mensch mit etwas Geschick um sich herum erzeugen kann – keiner, egal welchen Alters, der das nicht mal versucht hätte. Die komplizierten Formeln dahinter brauche man nicht zu verstehen, sagt der Professor.

Für alle, die mehr wissen wollen, gibt es Erklärungen und die Geschichten über berühmte Mathematiker. Anderen reicht es, sich den Satz des Pythagoras mit Klötzchen, die Primzahlen mit Melodien, die kürzeste Verbindung zwischen allen europäischen Hauptstädten mit einer Schnur und die Binominalverteilung mit kleinen Kügelchen zu erschließen, die sich über ein Dreieck mit wabenförmig angelegten Wegen nach unten bewegen. Die meisten sammeln sich in der Mitte, weil die Möglichkeiten nach außen abnehmen. Ob denn nicht das Material mit der Zeit schwindet? „Es kommt so gut wie nichts weg“, erklärt Beutelspacher, auch nicht die Kugeln von der Größe eines Tischtennisballs, mit denen die Besucher erkunden können, ob sie auf einem gleichmäßigen Gefälle schneller am Ziel sind als auf einem Bogenweg. Unfälle beim Spielen gebe es keine, vielleicht einmal abgesehen von leicht geklemmten Fingern an Zahnrädern, die man auf einer Magnetwand ineinander greifen lassen kann.

Das hat seinen Grund, die meisten Exponate sind aus Holz, sämtliche Kanten gerundet. Das Mathematikum hat eine eigene Werkstatt, die Ideen umsetzt, welche im gemeinsamen Diskurs von Professor und Studenten ersonnen wurden. Etwa zum Schachbrettproblem: Von Feld zu Feld wird die Zahl der Reiskörner verdoppelt, nach wenigen Zügen lässt sich das Gewicht nur noch durch Miniatur-Dinosaurier, Flugzeugträger und die Welternte symbolisieren, die den Schaukasten füllen – das gehört zu den wenigen Exponaten, die nicht interaktiv sind. Und zu den jährlich wechselnden Sonderausstellungen. Wie macht man den Besuchern die Unendlichkeit begreiflich? Zum Beispiel mit Asymptoten oder Spiegeln, sagt Beutelspacher.

„Es gibt einen regen Austausch mit anderen Einrichtungen aus aller Welt“

Überhaupt sind die Grenzen von mathematischen zu physikalischen und technischen Phänomenen fließend. So gibt es in Wolfsburg direkt neben der VW-Stadt seit 2005 das Science Center Phaeno, das nicht nur durch seine einzigartige Architektur auffällt, sondern auch ein im Vergleich mit dem Mathematikum vielfach ähnliches Angebot um Stationen erweitert, an denen es sich mit Elektrik, Wärme, Kälte, Akustik und Optik an rund 350 Exponaten tagelang trefflich spielen lässt. Eines der besonders beliebten Stücke sei „Cloud Rings“, erklärt Direktor Michel Junge. Eine große Platte wird nach unten gedrückt, durch ein Loch in der Mitte steigen dann Ringe auf, wie sie auch ein entspannter Pfeifenraucher produziert, nur viel größer.

Neben allerlei Versuchen mit (schwachem) elektrischem Strom und Magneten gibt es interessante optische Tricks – wie bringe ich einen Menschen zum Schweben, und warum kann ich die Spiralfeder zwar direkt vor der Nase sehen, aber nicht anfassen? Relativ simpel konstruiert ist eine Schall-Kanone, die Membran unten am Fass bringt in Rufweite Vorhänge zum Schwingen. Ganz anders Konstruktionen wie der Rodeo Kreisel auf drehbarer Plattform. Der Besucher kann auf einer Verlängerung der Drehachse Platz nehmen und durch Gewichtsverlagerung die Kreiselachse in Schräglage bringen. Die gesamte Plattform beginnt sich dann zu drehen. Der Kreisel habe eine Masse von hundert Kilo, erklärt der Direktor, er sitzt geschützt in einem Gehäuse. Junge mischt sich gern unter die Leute und sucht das Gespräch, im Austausch mit den Gästen wurde manch neue Idee geboren, die dann von der hauseigenen Werkstatt umgesetzt wird.

Nicht alle Experimente sind freilich exklusiv. „Es gibt einen regen Austausch mit anderen Einrichtungen aus aller Welt“, sagt Junge, einige Exponate werden mehrfach hergestellt und an andere Science Center verkauft, andere wechselseitig verliehen. Denn was zählt, ist, die Besucher auf den Geschmack zu bringen, und die Mitmachmuseen sind zu weit auseinander, um in echter Konkurrenz zueinander zu stehen. Das hat freilich seine Grenzen, denn ein wenig ärgert Ideenklau schon. So gibt es im Phaeno das Exponat „Speedball“ – große durchsichtige Kugeln, in denen man Murmeln auf irre Geschwindigkeiten beschleunigen kann. Das an sich ist nichts Besonderes, doch woher die nahtlos gefertigten Kugeln aus Plexiglas kommen, mag Junge nicht verraten.

Guillotinierter Finger der Lehrerin

Die Werkstätten solcher Mitmachmuseen können viel, aber für größere Herausforderungen reichen zuweilen die Kapazitäten nicht, oder es fehlen spezielle Fertigkeiten. Dann werden die Ausstellungsstücke nach außen in Auftrag gegeben. Sein Unternehmen liefere komplexe Projekte aus einer Hand, vom Konzept über das Design bis zur Produktion, das Angebot sei in Deutschland einmalig, erklärt Axel Hüttinger, der zusammen mit seinem Bruder Jörg das gleichnamige Familienunternehmen vom Messebauer zum Spezialisten für interaktive Ausstellungen umgekrempelt hat. So hängt in Gießen aus Hüttingers Werkstatt an der Decke ein aus Tetraedern zusammengesetztes Kaleidozykel von der Größe eines Kleinwagens, das sich auf wunderbare Weise selbst faltet, in diesem Fall freilich ohne die Beteiligung der Besucher. Die Idee wird zusammen mit der Museumsleitung erarbeitet und dann bis zum Ende umgesetzt. Verwendet werden nach Möglichkeit Standardteile, das senkt die Kosten und vereinfacht die Nachlieferung, falls etwas ersetzt werden muss. Hüttinger baut auf Wunsch Prototypen, die Exponate werden mit Schulklassen getestet und verbessert.

Schon bei der Planung sei es notwendig, sich auf Inhalte zu beschränken, die erlebnisbetont kommuniziert werden können, sagt Hüttinger, es gehe darum, die Besucher zu motivieren, und nicht darum, sie mit Wissenschaft zu überfrachten. Das Unternehmen beschäftigt 120 Mitarbeiter, verarbeitet werden alle denkbaren Materialien. Hüttinger baut Exponate für Science Center in aller Welt. Der Markt in Europa sei aber abgenagt, sagt er, neue Science Center entstehen vor allem in Fernost. Wie lange sein Team für die Umsetzung braucht, hängt naturgemäß vom Exponat ab – etwa ein Jahr für die Vorbereitung und ein weiteres, bis alles steht. Rund ein Dutzend Projekte sind derzeit in Arbeit. Die Einzelanfertigungen werden von Fachleuten abgenommen, der TÜV-Stempel werde in aller Welt anerkannt, erklärt Hüttinger.

Ganz sicher vor Pannen ist man trotzdem nie: So erklärte eine Lehrerin gerade die Kraft des Wassers und stützte sich dabei auf dem Exponat ab, als ein Schüler mit Schmackes das Wehr schließen wollte. Der Finger wurde guillotiniert und trieb den Bach hinab. Der Mechanismus sei bewusst schwergängig gestaltet worden, erklärt Hüttinger; er wurde nachträglich verändert.

Quelle: F.A.S.
Lukas Weber
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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