Eine besondere Regatta

Georgs Welt

Von Erdmann Braschos
02.08.2021
, 10:47
Der Macher der Veranstaltung: Georg Milz auf einem 22er-Schärenkreuzer, Baujahr 1935
Georg Milz hat sich dem kleinen Boot verschrieben. Er organisiert die Regatta „Schlank und Rank“, die am nächsten Wochenende bei Fehmarn stattfindet. Dicke Pötte haben hier nichts zu suchen.

Es ist beeindruckend, welche Annehmlichkeiten schon eine mittelgroße Segelyacht in der heute üblichen Machart bietet: mehrere Kabinen mit voller Steh- statt früher üblicher Bückhöhe. Eine Küchenzeile mit allem Drum und Dran. Ein Bad mit fließend Warmwasser, dazu einen separaten Toilettenraum. Natürlich gibt es wie im Caravan einen Flachbildschirm zur Abendunterhaltung. Würde das Gefährt im Hafen nicht wenigstens mal leicht schaukeln, wir vergäßen, an Bord zu sein. Man kann das auf den Websites der Hersteller, beim Händler und an der Ostmole von Lemkenhafen besichtigen. Dort sind, wie überall an der Küste, solche Volumenmodelle vertäut.

Das ist nicht die Welt von Georg Milz. Er hat als Reetbauer auf Fehmarn gearbeitet. Im Winter Schilf schneiden und die kalte Fuhre mit klammen Fingern in die Halle bringen war kein Zuckerschlecken. Auch verdient man damit nicht so viel, dass ein bequemes Wohnboot mit sämtlichem Schnickschnack für den Wert eines Hauses oder einer Eigentumswohnung drin ist. Milz kommt vom Jollensegeln. Er hat sich sein Segelerleben mit beharrlich beiseitegelegten 50-Mark-Scheinen ermöglicht. Das Ergebnis ist gegenüber von den modernen Bootsmodellen zu besichtigen.

Dort liegt eine Flotte flachbordiger Schönheiten. Klassische Holzschärenkreuzer aus Schweden. Sie sind so schnittig, dass man beim Schritt auf die Bugspitze am besten darauf achtet, die schlanken Planken überhaupt zu treffen. Man landet sonst zwischen den Booten im Hafenbecken.

Die alten Schärenkreuzer sind schwimmende Avantgarde

Die Antiquitäten haben noch die oben eigenartig gekrümmten Holzmasten, wie sie in den 1920er-Jahren üblich waren. Damals löste die sogenannte Marconi-Takelage das Gaffelrigg ab. Die vogelschwingenartige Besegelung war Avantgarde. So was kann man eigentlich nur behalten, ab und zu reparieren und weiter segeln.

Die Ecke beim Clubhaus sieht ein bisschen aus wie ein Bootsmuseum. Das ist Georgs Welt. Zwei Boote werden von ihm bereedert, ein weiteres von seinem Bruder Hans. Die anderen von denen, die Milz in den vergangenen Jahrzehnten für den sagenhaft sensiblen Segelgenuss begeistert hat. Es ist seine puristische Seglerweltanschauung. Er hat 15-Qua­dratmeter-Schärenkreuzer, 22er und 40er geholt, zurechtgemacht, gesegelt und weitergereicht. Dabei kann man bekanntlich immer bloß ein Boot segeln.

Georg Milz mit seiner Partnerin Suse Bruns auf seiner Finiekette von 1935.
Georg Milz mit seiner Partnerin Suse Bruns auf seiner Finiekette von 1935. Bild: Wolf Hansen - Sailingpix

Die Geschichte der schnittig schlanken Planken in Lemkenhafen beginnt 1974. Damals verbindet seit einem Jahrzehnt der „Kleiderbügel“ Fehmarn mit dem Festland. So wird die markante Brücke hier genannt. Volkswagen präsentiert zur Ölkrise den Golf. Die Bundesrepu­blik wird 25 und gewinnt die zu Hause ausgetragene Fußball-WM. Vicky Leandros singt „Theo, wir fahr’n nach Lodz“. Die Koteletten sind lang. Die Hosen haben einen enormen Schlag. Die Hemdkragen werden zu Segeln.

„Es war das Schiff meiner wilden Jahre“

Mittlerweile hat Milz die Scheine immerhin für ein halbes Boot zusammen. Gemeinsam mit einem Segelfreund holt er „Gisela“ nach Lemkenhafen. Der orangefarben gestrichene Rumpf wird bald durch zweckmäßiges Rot ersetzt. Damit wird so ein segelndes U-Boot an grauen Tragen in der Ostsee besser gesehen. Über dem niedrigen Rumpf erhebt sich eine gestreckte, am Einstieg in den Unterschlupf stufig angehobene Kajüte. Das Boot ist schmal, lang und Baujahr 1936. „Es war das Schiff meiner wilden Jahre. Kein Wind zu stark, keine Welle zu hoch“, erinnert sich Milz. Nach weiteren tapfer beiseitegelegten Scheinen ist ein deutlich längeres Geschoss Typ „Lotus“ drin. Das Boot aus Schweden bietet die gewohnt volle Bückhöhe, aber auch einen Petroleumherd, vier Kojen plus Achterkajüte. Damit brettern Georg und sein Bruder sonntags um die Insel. „Hans arbeitet beim Bundesgrenzschutz. Damit war er automatisch für nasse Segelwechsel auf dem relingslos schmalen Bug zuständig.“ Bei richtiger Ansage macht der jüngere Bruder meistens, was der ältere erwartet.

Flott sind sie, die kleinen Yachten. Im Hintergrund die Fehmarnsundbrücke.
Flott sind sie, die kleinen Yachten. Im Hintergrund die Fehmarnsundbrücke. Bild: Wolf Hansen - Sailingpix

Milz lebt übrigens viersprachig. Für den Alltag auf der Insel reicht das heimische Platt, Hochdeutsch für Besucher vom Festland und Lebensgefährtin Suse Bruns, Dänisch zum Brötchenkaufen auf der anderen Seite des Fehmarnbelts und Schwedisch zum Booteholen. Der Bootsrenovierungsvirus in der speziellen Schärenkreuzer-Version hat Milz seit den 1990ern ziemlich im Griff. Er sagt auf Platt: „De Geschich vun min Virus. Ik meen hier nich so’n Grippevirus oder ’nen Schnöv oder so wat. Nee, ik meen den Renovierungsvirus – un bi mi hett he noch n besondern Namn, so to seggen is dat noch so’n speziellen Unnerstamm, he het Sk-Virus. To faten kregen hett he mi in mine jungen Johrn in Schweden, wo sünst wohl und so ganz langsam füng he an to arbeiten. Toörst in Kopp und dann in Hart – oder ümgekehrt.“

Die Einheimischen trennen sich nur ungern von ihren Schätzen

Seit Milz die Schilfschneiderei aufgab, hat er Zeit für das Schärenkreuzer-Virus. Platz dazu bietet seine frühere Reethalle. Hier stehen die Boote den Winter über und werden für den nächsten Sommer zurechtgemacht. Falls Milz mal von Lemkenhafen weg ist, dann zum Segeln, Angeln oder Bootegucken in Schweden. Er kommt selten mit leerem Hänger nach Hause. Es ist nicht einfach, die richtigen Exemplare aus Schweden zu bekommen. Wenn überhaupt, dann trennen sich die Einheimischen altershalber von ihren Schätzen. Sie wollen vom artgerechten Betrieb überzeugt sein. Passables Schwedisch, der Ruf von Schären-Georg und das Virus helfen.

Teilnehmer Johan Aker mit einem 87 Jahre alten Boot des Lübecker Segelmachers Arnd Deutsch.
Teilnehmer Johan Aker mit einem 87 Jahre alten Boot des Lübecker Segelmachers Arnd Deutsch. Bild: Wolf Hansen - Sailingpix

Inspiriert vom hundertjährigen Geburtstag des Bootstyps 2007 mit einer großen Party in Schweden, schlug Milz einigen Segelfreunden vor, sich mal daheim zu einer Regatta und danach auf ein Bier in Lemkenhafen zu treffen. So einfach fing die Sache an, und so bodenständig ist der seit 2009 alle zwei Jahre abgehaltene „Dünnschiffer-Konvent“ auch geblieben. Eingeladen sind alle Segler schlanker Boote, vom Zweimannkielboot Yngling, Soling, Drachen oder dem beliebten H-Boot aufwärts. Molich X, die Luffe 37 und moderne Tourenschärenkreuzer werden hier gern gesehen. Es hat sich aber auch schon so eine fliegende Untertasse, ein sehr gut gesegelter Jollenkreuzer, in Lemkenhafen unter die Dünnschiffe gemischt, obwohl der eher breit und flach ist. Wird alles nicht so eng gesehen.

„Das Vereinsgelände wird dazu wie schon in den Jahren zuvor wieder allgemein zugänglich sein“, kündigt Katja Jensen-Kamph, die neue Vorsitzende des örtlichen Segelvereins, an. In den vergangenen Jahren kamen Segler mit und ohne ihre Boote vom Boden- und Chiemsee, aus Berliner Gewässern und sogar von der Nordsee. Gesegelt wird im Westen Fehmarns, teils im Schutz des Krumm Steert vor Orth, zwischen Heiligenhafen und der Fehmarnsundbrücke. So wurden das Schärenkreuzer-Virus, Milzens fixe Idee zu „Schlank & Rank“ und die hübsche Bootssammlung zum Markenzeichen von Lemkenhafen. Ein gutes Dutzend klassischer und moderner Schärenkreuzer ist hier mittlerweile zu Hause.

Wer abends nach dem Fight der beiden Regatten rüber nach Orth linst, erspäht im Gegenlicht des fehmaranischen Sonnenuntergangs den Leuchtturm von Flügge. Diese Abendunterhaltung toppt jede Bierreklame. Da pfeifen wir auf den Flachbildschirm und den ganzen Schiet, den wir das ganze Jahr über zu Hause haben.

Quelle: F.A.S.
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