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Pilot in Not

Wenn der Flugzeugführer selbst abspringen muss

Von Jürgen Schelling
 - 09:49
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Als Pilot aus einem unkontrollierbar gewordenen Flugzeug mit dem Fallschirm abspringen? Eine Horrorvision. Dabei ist bei einer ganzen Reihe von Luftfahrzeugen der Pilot verpflichtet oder es wird dringend empfohlen, an Bord einen Fallschirm zu tragen. Etwa in Absetzflugzeugen, die Fallschirmspringer in die Luft bringen. Hier kam es zu oft vor, dass ein Springer gegen Leitwerk oder Streben knallte, so dass die Maschine unsteuerbar wurde. Das führte zu tödlichen Abstürzen, denn der Pilot ist ohne Chance, wenn er keinen Fallschirm trägt. Auch Kunstflieger sind gefährdet, dass ihre Maschine durch extreme Manöver überlastet wird und sie in der Luft aussteigen müssen. Eine dritte Gruppe sind die Segelflieger. Ihre Gleiter sind so konstruiert, dass im Notfall die Haube rasch zu öffnen ist, um sich per Schirm zu retten. Für sie besteht bei Wettbewerben und im Kunstflug Fallschirmpflicht. Bleibt die Frage: Traut sich ein Pilot im Notfall tatsächlich, auszusteigen, wenn er zuvor noch nie einen Absprung geübt hat?

Hier kommt nun Fallschirmsprunglehrer Sascha Bone ins Spiel. Er lebt im Allgäu und arbeitet ehrenamtlich in Flug- und Fallschirmsportvereinen. Gleichzeitig ist Bone aber auch Pilot und darf als Instruktor Fliegerkollegen auf bestimmte Flugzeuge einweisen. Als erfahrener Luftsportler mit vielen tausend Sprüngen kennt er beide Aviatik-Welten perfekt. Und deshalb weiß er, dass es nicht damit getan ist, als Pilot einen Fallschirm umzuschnallen, wenn man nicht sicher ist, ob man im Ernstfall auch wirklich springen würde. Denn eine Reaktion im Notfall muss rasch und zielgerichtet geschehen, um erfolgreich zu sein.

Deshalb ist an diesem Sommertag am Flugplatz Tannheim im Allgäu eine kleine Gruppe versammelt. Alle sind Piloten und gewohnt, beim Fliegen Fallschirm zu tragen, aber keiner hat jemals einen Absprung versucht. Hier sind sie zum sogenannten Bailout-Seminar, übersetzt Rettungsaktion, zusammengekommen, um das nachzuholen: Unter Anleitung selbst aus einem Flugzeug zu springen, damit es im echten Notfall auch klappen würde. Seminarleiter Bone ist überzeugt: Wer in Extremsituationen handlungsfähig bleiben will, muss Notverfahren lernen und Abläufe trainieren. Sonst geht’s bei einer Gefahr auf Leben und Tod, und nur in dieser ist ein Absprung sinnvoll, vermutlich schief. Dann handelt der Pilot womöglich falsch, zu spät, in der verkehrten Reihenfolge oder ist so paralysiert, dass er überhaupt nicht mehr reagiert. Aber das wäre womöglich das Todesurteil.

Los geht es für die Probanden mit Theorie. Videos und Fotos von Absprüngen, dazu kommt die Einweisung in aerodynamische Kräfte und Meteorologie – quasi eine Fallschirmsprungausbildung light. Um den fünf Teilnehmern zu demonstrieren, aus welch geringer Höhe ein Absprung immer noch lebensrettend sein kann, steht anschließend eine besondere Vorführung auf dem Seminarprogramm. Zwei Dummys mit Fallschirmen werden an Bord einer Cessna gebracht. In gerade mal 150 Meter über der Graspiste des Flugplatzes Tannheim werden sie abgeworfen. Ihre Schirme öffnen sich per Automatik innerhalb von drei Sekunden. Trotz der geringen Höhe fliegen beide Puppen nach dem Auslösen des Fallschirms noch fast eine halbe Minute am Schirm, bevor sie die Erde erreichen. Die Beobachter sind beeindruckt.

Im Anschluss daran wird von dem Quintett erst einmal die korrekte Ausstiegs- und Absprunghaltung eingeübt. Da je nach Flugzeug die Bedingungen für den Ausstieg unterschiedlich sind, wird mehrfach trainiert. Kunstflugzeuge etwa sind oft Tiefdecker. Bei ihnen wird also die Haube vor dem Absprung zurückgeschoben oder abgeworfen. Beim Segelflugzeug wirft der Pilot die komplette Haube ab, bevor er nach oben aussteigen und sich retten kann. Flugzeuge, um Springer abzusetzen, wie die Cessna 182 Skylane, die 208 Caravan oder die Pilatus Porter, haben hingegen seitlich öffnende Türen, hier muss der Pilot also zur Seite raus. Geübt wird auch, dass sich eine Hand schon am Auslösegriff des Fallschirms befindet, damit der Pilot in der Aufregung und unter Adrenalin stehend den Griff nicht suchen muss und womöglich in Panik gerät.

Am zweiten Tag stehen schon die Vorbereitungen auf den Absprung im Mittelpunkt: Instruktor Bone erklärt Schirmfahrt, Landefallausbildung und Landung. Und nun wird es langsam ernst. Die Junior-Springer klettern in eine 300 PS starke Cessna 182. Es geht hoch auf 1700 Meter über den Flugplatz. In der Höhe trainiert jeder Teilnehmer erst einmal, wie schwierig es ist, die nach oben klappende Tür gegen den Fahrtwind aufzubekommen. Nach dieser Übung setzt sich jeder auch einmal an die offene Luke, um sich an das Gefühl und den Blick unmittelbar in die Tiefe zu gewöhnen.

Nachdem jeder durch ist, kommt jetzt richtig Adrenalin ins Spiel. Hinsetzen, Schutzhaltung einnehmen. Gleich soll der Absprung kommen. Das ist für alle Beteiligten natürlich Stress pur, der Blick zum vertrauenerweckenden Instruktor Bone ist jetzt Gold wert. Dieser checkt noch einmal, ob der Luftraum tatsächlich frei ist, und gibt das Kommando: „Exit, exit, exit!“ Fünf Sekunden nach dem Absprung geht der Schirm per Automatik auf. Trotz rasender Herzfrequenz beim Sprungnovizen gibt es nun erst mal Gelegenheit zur Orientierung: „Wo bin ich, wo muss ich hin?“

Ungeachtet der Aufregung ist in der nächsten Minute zumindest etwas Zeit, die Lande-Fallhaltung am Schirm hängend auszuprobieren. Anschließend heißt es schon, sich auf die Lande-Einteilung mit dem Schirm in Gegen-, Quer- und Endanflug vorzubereiten. Diese Manöver ist jeder Pilot ohnehin vom Fliegen gewohnt. Zudem ist ein Fallschirmsprunglehrer am Boden mit jedem Novizen per Funk verbunden und gibt notfalls Korrekturanweisungen durch.

Alle fünf treffen nacheinander die vorgesehene Landezone, rollen sich wie geübt nach dem Berühren des Bodens ab. Und plötzlich sind alle am Strahlen. Denn die Erleichterung, dass alles gut geklappt hat, und die Genugtuung, sich tatsächlich getraut zu haben, steht jedem deutlich ins Gesicht geschrieben. Wer jetzt tatsächlich einmal beim Fliegen in schwere Not gerät, weiß zumindest, dass er selbst aus einem abstürzenden Flugzeug durch einen Absprung gute Überlebenschancen hat. Das Bailout-Seminar von „Flying Bones“ in Tannheim hat sich also in jedem Fall gelohnt.

Quelle: F.A.S.
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