Snowboard und Bindung im Test

Da schnallste an

Von Marco Dettweiler
17.01.2022
, 10:14
Wer sich auf den Pisten austoben will, braucht Snowboards mit harter Kante und Bindungen mit schnellem Einstieg. Dann geht’s richtig ab.
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Es schneit. Und es wird noch die ganze Nacht schneien. Nicht nur Snowboarder warten sehnlichst darauf: Neuschnee! Wer am nächsten Morgen früh sein Brett in die Hand und die Gondel nimmt, um es auf dem Berg als einer der Ersten anzuschnallen, findet das unberührte weiße Pulver, das auch Skifahrer süchtig und glücklich macht. Nichts macht beim Snowboarden so viel Spaß, wie im Tiefschnee zu fahren.

Wenn man das richtige Brett an den Füßen hat. Die Entscheidung fällt aber meist vor dem Urlaub. Viele Fahrer dürften ohnehin nur ein Board besitzen und im Urlaub dabeihaben. Wir waren ebenso mit einem einzigen Testboard unterwegs. So auch an jenem Tag, als sich die neuen Flöckchen schichtweise mehr als dreißig Zentimeter übereinandergelegt hatten. Da das Alchemist von K2 zuvor auf der präparierten Piste gezeigt hat, wie ruhig und erhaben es seinen Fahrer bei höchsten Geschwindigkeiten den Berg hinunter chauffiert, fuhr während der Gondelfahrt hinauf zum Tiefschnee die Skepsis mit, dass es in diesem Terrain wohl keine Bestleistungen zeigen kann.

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So war es dann auch. Nach wenigen Metern abseits der Piste gerieten wir ins Schwitzen, weil eine leichte Gewichtsverlagerung auf den hinteren Fuß nicht genügte, um die Nase über dem Schnee zu halten. Sonst verschwindet das Alchemist im weißen Pulver wie ein U-Boot auf Tauchgang. Es war mitunter harte Arbeit, den Körper konsequent nach hinten zu lehnen und dabei vorne den Fuß noch anzuheben. Auch wenn das 650 Euro teure Brett von K2 von der Bauform her Auftrieb bieten müsste, weil es an der Nase einen „Rocker“ hat, der den „Camber“ etwas entspannt. Aber das Board ist für diese Zwecke zu hart. Nach der Arbeit kam dann doch irgendwann das Vergnügen im Tiefschnee.

Zurück auf die Piste

Eigentlich hätte der Einsatz eines Schraubenziehers die Oberschenkel entlasten können. Auf jedem Snowboard lässt sich die Bindung ein paar Zentimeter entlang des Brettes versetzen, in diesem Fall wäre nach hinten gut gewesen, um die Nase zu verlängern. Das dauert nur ein paar Minuten und lohnt sich, wenn ein Tag im Tiefschnee angesagt ist. Doch an gewöhnlichen Tagen in den Alpen fährt man meist ebenso viel präparierte Piste, weil viele Skigebiete nur eingeschränkte Möglichkeiten für Freerider bieten. Dann wäre der für den Tiefschnee angepasste Stand auf dem Brett nicht optimal – was schade wäre, denn mit harten und schweren Brettern wie dem Alchemist übernehmen Snowboarder auf der Piste die Führungsposition. Sobald dem Flaggschiff von K2 im Schuss freier Lauf gelassen wird, zieht sein Fahrer ohne Flattern oder Ruckeln an allen anderen vorbei. Bei großen Schwüngen frisst sich die Kante zuverlässig in den Schnee, sodass man problemlos pistenbreite Halbkreise fahren kann. Bei kurzen bricht es nie aus, das Board reagiert schnell und direkt.

Snowboards wie das Alchemist sind für all jene, die diese direkte Art der Fortbewegung mögen, also wenige Sprünge im Park oder selten Kunststückchen im Gelände machen wollen, ein echtes Pfund. Wir hatten selten ein Brett unter den Füßen, das derart ruhig, schnell und souverän über die Piste surfte. Dafür haben wir an den beiden Tiefschneetagen ein etwas weicheres Snowboard vermisst, das weniger Arbeit macht. Ein Kompromiss der anderen Art ist das Flight Attendant von Burton für 580 Euro, das wir vor einigen Jahren gekauft haben. Als etwas weicheres „All Mountain“ macht es im Tiefschnee eine bessere Figur. Dafür liegt es nicht ganz so satt auf der Piste wie das Alchemist. Ein Brett, das überall beste Eigenschaften zeigt, gibt es nicht. Auch wenn die Hersteller dies mit Exemplaren der Kategorie „All Mountain“ häufig versprechen. Eine gute Orientierung bietet Burtons Skala mit Punktesystem, die das Produkt in die Gelände Park, Mountain und Pulverschnee einordnet und ihm die Charaktereigenschaften weich, verspielt, goldene Mitte, steif und aggressiv zuordnet. Alle Terrains und Merkmale sind von­einander abhängig. Ein Snowboard kann nicht zugleich weich und aggressiv sein oder für den Park und die Piste taugen.

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Nie wieder ritsch ratsch

Jedes Brett braucht eine Bindung. Viele Jahre gab es nur eine Technik. Der Stiefel steht auf einer aufgeschraubten Platte. Am hinteren Unterschenkel verhindert der starre Schaft, dass sich der Schuh nach hinten bewegen kann. Über Spann und Vorderkappe ist ein Riemen gespannt, der mit einer Ratsche zugezogen wird. Da Snowboarder beim Sesselliften den hinteren Fuß lösen müssen, stehen sie nach Ankunft nach vorne gebeugt oder auf dem Schnee sitzend am Anfang der Piste, um sich wieder anzuschnallen, während die Skifahrer schon davonziehen. Kein Wunder, dass Hersteller immer wieder daran tüfteln, diese unelegante Pause zu verkürzen.

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Flow hat seine Bindung so konstruiert, dass der Boarder nur den Schaft lösen und nach unten drücken muss, um von hinten wie in einen Überschuh einsteigen zu können. Dadurch entfällt das Einfädeln und Festzurren der Riemen. Dennoch muss man sich für den Handgriff bücken, bei Bedarf die Riemen nachziehen. Vielen Snowboardern sitzt diese Bindung nicht eng genug. Die Kraft der Füße überträgt sich nicht immer optimal auf das Brett.

Ganz ohne Riemen

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt Burton mit der Step On. Die Amerikaner lassen die Riemen weg. Dafür braucht es einen speziellen Schuh. Das Paket kostet mindestens 700 Euro. An dem Schuh ist etwas oberhalb der Ferse ein kantiger Knubbel angebracht. Dieser muss in einen Schnappverschluss einrasten, der innen am Schaft der Bindung angebracht ist. Der Boarder steigt dazu möglichst dicht am hinteren Ende ein und zieht den Vorderfuß etwas hoch. Nach Einschnappen senkt er den Vorderfuß. An der linken und rechten Seite hat der Schuh einen Aufsatz, der sich unter eine Art Nase klemmt. Für den Ausstieg wird zunächst mit einem kleinen Hebel entriegelt. Diese Bewegung entspricht in etwa der, um die beiden Ratschenbänder einer klassischen Bindung aufzumachen. Nur dass es etwas schneller geht. Wenn die hintere Fixierung gelöst ist, befreit sich der Schuh aus seiner vorderen Umklammerung, indem der Boarder den Fuß nach außen dreht. Wir hatten vor ein paar Jahren die Step On getestet. Sie funktionierte tadellos. Das Fahrgefühl unterscheidet sich kaum von dem mit einer gewöhnlichen Bindung.

Der Step On ähnlich ist die Clicker X HB von K2. Sie funktioniert ebenso nur mit einem speziellen Schuh. Riemen sucht man vergeblich. Im Unterschied zur Step On senkt man zunächst den Vorderfuß, damit der Schuh einrastet, dann die Ferse. Ebenfalls an der Seite befindet sich ein Hebel, um die Verankerung wieder zu lösen. Der Schuh ist nur an zwei Punkten fixiert, bei Burton sind es drei, sodass die Sohle fester sitzt.

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Das ist der Clew

Den jüngsten Versuch, eine neuartige Snowboard-Bindung zu entwickeln, hat Clew unternommen. Das deutsche Start-up hat nach zwei Jahren Entwicklung in der Saison 2019/20 sein erstes Modell auf den Markt gebracht. Mit dem Freedom für 380 Euro ist in diesem Winter die dritte Version erschienen. Diese haben wir getestet und damit das Alchemist von K2 bestückt. Im Winterurlaub waren die beiden unser tägliches Team. Ob blaue, rote, schwarze Piste oder österliches, eisiges, sonniges, schneereiches Wetter: die Clew musste uns festhalten. Vor der ersten Abfahrt steigt man ein wie in eine gewöhnliche Bindung: Mit den Schuhen auf die Platten stellen, danach die beiden Riemen mit den Ratschen schließen. Kurz vor dem Einstieg in den Lift zieht man kräftig am roten Bügel des Schafts. Nun löst sich der obere Teil der Bindung und bleibt am Schuh hängen: Sowohl der Schaft als auch der Riemen, der über dem Spann sitzt, sind mit einem schmalen Absatz verbunden, der quer unterhalb Ferse entlanggeht. Man läuft also mit dem oberen Teil der Bindung am Fuß und tritt dabei auf den Absatz der Bindung.

Um wieder auf das Brett steigen und die Bindung miteinander verbinden zu können, fädelt man den Absatz rechts und links in eine Führungsschiene ein, indem man den Schuh über die Öffnung hält und beherzt nach unten tritt. Dann rasten zwei Haken ein. Weil das auf der Piste nicht hörbar ist, zeigt jeweils ein roter Punkt an, ob die Bindung fest sitzt.

Verbeugung vor eisiger Kälte und Neuschnee

Fazit nach neun Tagen Einsatz: Die Bindung von Clew funktioniert gut – aber nicht perfekt. So gelingt der Einstieg mit dem vorderen Fuß, wie man es sich vorstellt. Vorderkappe des Schuhs unter den Riemen schieben, mit der Ferse zielen, auftreten und einrasten. Mit dem hinteren Schuh klappt das schon nicht mehr so leicht. Weil das Bein aufgrund des Stands leicht schräg steht, rastete immer zuerst die linke Seite der hinteren Bindung ein. Um den zweiten Haken zu verankern, muss nachgedrückt werden, was an manchen Tagen nur durch einen kurzen Sprung im Stand machbar war. Während des Einsteigs mit dem zweiten Bein verrutscht zudem der Riemen über der Vorderkappe, wenn man den Schuh darunter schiebt. Das heißt, ein weiterer Handgriff ist nötig, um vor der Abfahrt die Schnalle ordentlich an ihren Platz zu bringen.

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Kritisch wird es bei eisiger Kälte und Neuschnee. Da gab es Tage, an denen die Bindung einfach nicht einrasten wollte, weil sich überall Eis in die Nischen und auf die Platte setzt. Dieses Problem dürfte ebenso bei Burton oder K2 bestehen. Das Modell von Clew hat den Vorteil, dass die Bindung unter extremen Bedingungen wie eine klassische Bindung genutzt werden kann. In dieser Funktion spielt sie auf hohem Niveau und hat alle praktischen Details, die man braucht. Dann steht man halt wie alle anderen Snowboarder, die nicht mit einer Bindung von Clew, Burton, K2 oder Flow unterwegs sind, gebückt da oder sitzt im Schnee, um wie gewohnt mit den Riemen ritsch, ratsch! zu machen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Dettweiler, Marco
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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