Neue Uhren aus Hamburg

Glasklar

Von Martin Häussermann
13.06.2021
, 14:32
Bisschen Nomos, oder? Sternglas im Doppel
Eine junge Hamburger Uhrenmarke will mit günstigen Preisen im Markt reüssieren. Dafür bekommt man aber keine europäische Handarbeit.

Eine mechanische Armbanduhr, zumal wenn sie von einer deutschen Marke stammen soll, erfordert einen gewissen finanziellen Aufwand. Mit kleinen Ausnahmen werden mindestens vierstellige Eurobeträge gefordert, nach oben gibt es fast keine Grenze. Das schreckt viele Kunden wie Hersteller ab, einige wenige fühlen sich dadurch motiviert. Zu Letzteren gehört Dustin Fontaine, Gründer der Uhrenmarke Sternglas. Fontaine ist ein ehemaliger Webdesigner im dritten Lebensjahrzehnt, der sich zum Ziel gesetzt hat, im Bauhaus-Stil gestaltete Uhren unter eigener Marke zu verkaufen.

Wir haben das Modell Naos Automatik mit 38 Millimeter Durchmesser, das im Onlineshop der Hamburger für 369 Euro bestellt werden kann, genauer begutachtet. Zumindest zur Ansicht bekamen wir zudem ein Vorserienexemplar des Modells Asthet (399 Euro) mit 40 Millimeter Durchmesser, das noch im Juni in den Handel kommt. Es ist die zweite Charge eines zwischenzeitlich ausverkauften Modells, das aus einer Crowdfunding-Kampagne heraus entstand. Gemeinsam ist beiden Zeitmessern das Grundkonzept: ein rundes Edelstahlgehäuse mit einem kratzfesten Saphirglas über einem weißen Zifferblatt, dazu ein Lederband, das sich dank kleiner Schieber im Bandsteg schnell und ohne Werkzeug wechseln lässt. Bei den Uhrwerken hat der Kunde die Wahl zwischen Quarzwerken der Schweizer Marke Ronda sowie japanischen Miyota-Automatikwerken, die der Citizen-Konzern in großen Mengen an Uhrenmarken in aller Herren Ländern verkauft.

In der Naos-Automatik ist das Kaliber 821A eingebaut, das Miyota selbst als Standardwerk einstuft, während die Asthet mit dem jüngeren und moderneren Kaliber 9015 ausgestattet ist, das bei Miyota als „Premium Automatic“ verkauft wird. Wobei Premium hier relativ ist. Ronda garantiert für seine Premium-Uhrwerke eine durchschnittliche Abweichung von minus zehn bis plus 30 Sekunden am Tag, abgekürzt s/d, bei Standardwerken sind es gar minus 20 s/d bis plus 40 s/d. Tatsächlich ging die Naos am Arm täglich rund zehn Sekunden nach, auf einer elektronischen Zeitwaage ermittelten wir gar minus 11,7 s/d. Das ist eine Menge in der Uhrenwelt. Zum Vergleich: Ein geprüftes Schweizer Chronometer erlaubt eine Maximalabweichung von – 4 s/d bis + 6 s/d, was mit Schweizer Standardwerken wie dem ETA 2824-2 oder dem Sellita SW 200-1 problemlos machbar ist. Solchermaßen bestückte Uhren kosten im Handel etwa 1000 bis 2000 Euro. Teure Chronometer arbeiten in dem engen Bereich von – 2 s/d bis + 2 s/d. Dafür müssen aber schnell rund 5000 Euro ausgegeben werden.

Die beiden Sternglas-Modelle sind eben für unter 400 Euro wohlfeil, und daran sollte man seine Erwartungen orientieren. Für den Preis kommt keine europäische Handarbeit, sondern eine nahezu vollautomatisch gefertigte Uhr aus Asien, die aber immerhin von einem deutschen Unternehmen gestaltet und vertrieben wird. Und offensichtlich kontrolliert man bei Sternglas auch die angelieferte Ware genau. Denn die Verarbeitung der beiden Uhren geht in Ordnung.

Die Asthet kommt mit einem perlgestrahlten Stahlgehäuse mit geschlossenem Stahlboden etwas profan daher. Eleganter und schicker erscheint die Naos mit einem auf Hochglanz polierten Gehäuse, dessen Boden sogar mit einem Sichtfenster ausgestattet ist, hinter dem man dem mit Schliffen verzierten Uhrwerk bei der Arbeit zusehen kann. Dieses Modell preist die Homepage des Herstellers denn auch als Klassiker, was für eine jetzt auch schon fünf Jahre alte Uhrenmarke ein großes Wort ist. In Kombination mit einem schönen Zifferblatt und perfekten Zeigerlängen spricht sie uns emotional mehr an als die technisch wie optisch modernere Asthet, deren Minuten- und Sekundenzeiger zu kurz sind und nicht bis zur Minuterie reichen. Von 30 Euro Preisunterschied wollen wir gar nicht reden.

Quelle: F.A.Z.
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