Uhrenmesse Baselworld

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Von Martin Häußermann
28.03.2017
, 15:37
Das vergangene Jahr war kein gutes für die Uhrenbranche. Wie große Marken die Zukunft meistern und was die Kunden davon haben, erfährt man am besten auf der Messe Baselworld 2017.
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Dunkle Wolken hängen über der Schweiz. Die Baselworld, größte Uhrenmesse der Welt, startete bei nasskaltem Wetter, und auch in den Messehallen herrscht keineswegs eitel Sonnenschein. Von Krise will hier zwar niemand reden, aber gute Stimmung ist sicher anders. Die Branche hat gerade mächtig zu kämpfen – mit schwächelnden Exportmärkten, mit einer alternden Stammkundschaft – und auch mit dem einen oder anderen hausgemachten Problem.

Nehmen wir die Swatchgroup. Für die Entwicklung der Branche ist sie ein ganz guter Indikator, schließlich vereint der Konzern alle Geschäftstätigkeit unter einem Dach: Er ist ebenso Hersteller von Komponenten, Uhrwerken, aber auch kompletten Uhren in allen Preissegmenten. Und auch im Handel ist der Konzern mit eigenen Boutiquen aktiv. Auf der Bilanzpressekonferenz, die gut eine Woche vor Beginn der Leitmesse stattfand, gab die Swatchgroup einen Umsatzrückgang von knapp elf Prozent auf umgerechnet rund 7,1 Milliarden Euro bekannt, der Gewinn sank sogar um fast die Hälfte auf umgerechnet rund 552,5 Millionen Euro.

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Dennoch gibt sich Firmenchef Nick Hayek optimistisch. Er erwarte wieder bessere Zeiten und meint, 2017 werde für sein Unternehmen ein „Jahr mit gesundem Wachstum“ werden. Das zuletzt kriselnde Geschäft mit den Chinesen scheint wieder besser zu werden. Statt sich wie bisher auf Europa-Reisen mit feinen Uhren einzudecken, kaufen die Asiaten nun verstärkt zu Hause ein. Gerne im Einstiegs- und Mittelpreissegment. Da hat die Swatchgroup ein gut sortiertes und teilweise erneuertes Sortiment. Die Konzernmarken wollen dem Kunden nun mehr fürs Geld bieten, was mit Sicherheit auch die deutsche Kundschaft freuen wird. Aufgefallen sind uns auf dem Swatchgroup-Stand in dieser Hinsicht die Tissot Ballade (ab 890 Euro) und der Mido-Baroncelli-Chronometer (ab 1010 Euro). Beide Stahluhren werden von dem ETA-Automatikwerk Powermatic 80 angetrieben, das chronometergeprüft und obendrein mit einer Siliziumspirale ausgestattet ist, ein Merkmal, das bisher drei- bis viermal so teuren Uhren vorbehalten war. Auch Longines und Hamilton haben im Segment zwischen 800 und 2000 Euro sehr Ansehnliches in den Vitrinen liegen.

Produkte mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis funktionieren fast immer, stellt Rolf Studer, Geschäftsführer der konzernunabhängigen Marke Oris, fest: „Während der Markt zweistellig zurückgegangen ist, haben wir unseren Umsatz auf Vorjahresniveau gehalten.“ Ein wichtiger Umsatzbringer für Oris ist die Taucheruhrenlinie Aquis, die für die neue Uhrensaison komplett überarbeitet wurde. Den Einstieg bildet die bis 300 Meter dichte Automatikuhr Aquis Date, für 1600 Euro ein attraktives Angebot, das dem Credo Studers entspricht: „Wir haben Respekt vor Menschen, die ihr Geld hart verdienen müssen, denen wollen wir faire Produkte anbieten.“

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Gleiches reklamiert auch Seiko für sich und beweist dies mit der Erweiterung der im vergangenen Jahr eingeführten Linie Presage sowie Taucheruhren aus der Prospex-Linie. Schon von 450 Euro an bieten die Japaner reinrassige Manufakturmechanik – das ist eine deutliche Ansage. Da kommt selbst Junghans nicht ganz mit, obwohl die Schwarzwälder nicht für überzogene Preise bekannt sind. Die geforderten 840 Euro für die schicke neue Automatikuhr Form A erscheinen uns gerechtfertigt. Gleiches gilt auch für die gediegene Fliegeruhr 104 St von Sinn Spezialuhren in Frankfurt, die von 1050 Euro an feilgeboten wird.

Schon für 1000 Euro ist sie zu haben

Wo wir gerade bei deutschen Uhrenmarken sind, müssen wir einen Blick bei Nomos Glashütte hineinwerfen. Die Sachsen brillierten in den vergangenen Jahren mit beeindruckenden Eigenentwicklungen in der Uhrentechnik – exemplarisch sei hier die Gangregelung Swing-System genannt. Dafür ist aufwendige Entwicklungsarbeit notwendig, die ein mittelständisches, inhabergeführtes Unternehmen nicht mit links stemmt, weshalb die Durchschnittspreise auch etwas gestiegen sind. Umso erfreulicher ist es, dass Nomos nicht vergessen hat, mit welchen Kunden man groß geworden ist, nämlich jungen, designorientierten Menschen. Für die wurde die Linie Campus entwickelt, die Nomos-Geschäftsführer Uwe Ahrendt als die „Uhr zum Abitur“ bezeichnet. Schon für 1000 Euro ist sie zu haben, eine Bodengravur nach Wunsch gibt’s kostenlos dazu. Übrigens: Nomos hat seinen Umsatz 2016 um mehr als 20 Prozent gesteigert.

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Sich an alte Stärken zu erinnern ist in dieser Marktsituation ein gutes Rezept. Das macht Porsche Design mit seiner neuen Monobloc Actuator (ab 6000 Euro), deren Designkonzept an den legendären PD-Titanchronographen von 1978 angelehnt ist. Spannend bei dieser Uhr ist die patentierte Drückerbetätigung, bei deren Entwicklung Porsche Design Schützenhilfe von den Sportwagenentwicklern aus Weissach bekommen hat.

Auf der Suche nach junger Kundschaft suchen einige das Heil in der Smartwatch. Was teilweise wie das Pfeifen im Walde anmutet. Wie Smartwatch geht, zeigen in Basel unter anderem Casio, erstmals stellt auch Samsung hier aus. Denn im Gegensatz zu japanischen und amerikanischen Wettbewerbern in diesem Markt (Apple, Garmin, die hier beide aber nicht präsent sind) ist das Elektronik Know How der europäischen Uhrenhersteller – vorsichtig ausgedrückt – gering. Die Ausnahme von der Regel sind Frédérique Constant und seine Schwestermarke Alpina, die in einem Joint Venture mit einem Unternehmen aus dem Silicon Valley eine eigene Software-Plattform aufgebaut haben. Die unterstützt das Konzept des Hauses, dass auch Smartwatches wie richtige Uhren aussehen sollen, mit echten Zifferblättern und Zeigern und nicht nur pixeligen TFT-Displays. Und tatsächlich wirkt die neue Alpina Seastrong Horological Smartwatch (595 Euro) wie eine klassische, gut gemachte Taucheruhr. Die Smartwatch macht bei diesem Hersteller rund zehn Prozent des Umsatzes aus und half nach Aussage von CEO Peter Stas, das schwache Jahr 2016 einigermaßen zu überstehen.

Die Schweizer feiern das als Erfolg

Tag Heuer kauft Elektronik sowie Software ein und setzt auf TFT-Displays. So wie bei dem Modell Connected der ersten Generation, von dem in 14 Monaten 54 000 Exemplare verkauft wurden. Die Schweizer feiern das als Erfolg. Aber vieles in der Welt ist relativ: Rolex verkauft eine solche Stückzahl wohl in weniger als einem Monat, von Apple oder Garmin wollen wir gar nicht reden. Aber wenn wir das Konzept von Jean-Claude Biver, dem Uhrenchef des Luxuskonzerns LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy), richtig verstanden haben, geht es ihm darum, junge Menschen an die (mechanische) Uhr heranzuzuführen. Schließlich kann man die erste Connected, Kaufpreis 1350 Euro, gegen Aufzahlung desselben Betrages nach zwei Jahren in eine Automatikuhr des Hauses umtauschen. Wie sich dieses Konzept bewährt, muss die Zukunft zeigen. Die neue Connected Modular 45 (ab 1600 Euro) ist ein Gehäuse, in dem wahlweise ein elektronisches oder mechanisches Modul Platz findet, auch Bandanstöße und Bänder kann der Besitzer nach Belieben tauschen. Für besonders Wechselwillige bietet Tag Heuer ein Set mit einem zweiten Gehäuse und mechanischem Chronographenmodul an. Der Stabil-Baukasten für solvente Uhrenfreunde kostet schlanke 16 650 Euro.

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Bei der Konzernschwester Zenith hingegen setzt Biver, der dort vor kurzem ad interim die Geschäftsführung übernommen hat, voll auf Mechanik. Vor der Messe kursierten Gerüchte, dass Zenith einen Nachfolger für die Chronographen-Kaliberfamilie El Primero präsentieren würde. Dessen Konstruktion stammt aus dem Jahr 1969, ist damit schon ein wenig in die Jahre gekommen. Doch die Revolution bleibt vorerst aus. Denn das neue Zenith El Primero 21 ist Ableger eines bekannten Uhrwerks, dem Kaliber Mikrograph der Konzernschwester Tag Heuer. Das sind im Grunde zwei Werke, die auf einer Platine montiert sind, eines für die einfache Zeitanzeige, ein zweites ist ein Hochfrequenz-Chronograph mit Siliziumspirale, der bis aufs Hundertstel genau misst.

„Wir denken langfristig“

Aktionismus ist konzernfreien Unternehmen auch in bewegten Zeiten fremd. Sie suchen nach pragmatischen Lösungen, wie Breitling und Tudor, die technisch kooperieren. Tudor nutzt ein Chronographenwerk von Breitling für den neuen Heritage-Black-Bay-Chronographen (3700 Euro), und Breitling verbaut das modifizierte Tudor-Werk in der Superocean Heritage (ab 3890 Euro). „So können wir Manufakturqualität zu guten Preisen anbieten, diese Kooperation hilft auch unseren Kunden“, sagt dazu Breitling-Chef Jean-Paul Girardin. Die inhabergeführten Marken Chopard und Patek Philippe setzten auf ihre über Jahrzehnte erworbenen technischen Fähigkeiten. „Wir denken langfristig“, sagt Chopard-Ko-Präsident Karl-Friedrich Scheufele, der in Basel zur Uhrenpersönlichkeit des Jahres 2016 gekürt wurde. Nicht zuletzt deshalb, weil er unbeirrt auch in einer kritischen Marktsituation die Entwicklung hauseigener Uhrwerke vorantreibt und so die Unabhängigkeit des eigenen Hauses steigert.

Und Rolex? Das Stiftungsunternehmen setzt vollkommen auf die Stärke der eigenen Marke, pflegt das Modellprogramm moderat, schickt die erneuerte Taucheruhr Sea-Dweller (10 350 Euro) ins Rennen um die Gunst der Kunden und lässt sich von dem wechselhaften Klima im Uhrenmarkt nicht im mindesten irritieren. Die Genfer haben schon weit größere Stürme gut überstanden.

Quelle: F.A.Z.
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