UV-Desinfektion für zu Hause?

Bloß nicht blenden lassen

Von Anna-Lena Niemann
27.08.2020
, 15:13
Ob Handlampen oder Luftreiniger: Immer mehr UV-C-Geräte versprechen, das eigene Zuhause im Handumdrehen virenfrei zu machen. Doch in ungeübten Händen kann die Technik gefährlich werden.

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung, heißt es. Und UV-C-Strahlen, die vor allem wegen Corona zum Heilsbringer unter den Desinfektionsmitteln aufgestiegen sind, bilden da keine Ausnahme. Die Wirkung der energieintensiven, kurzwelligen Strahlen auf Viren, Bakterien und Pilze ist erwiesen. Sie machen sprichwörtlich kurzen Prozess mit ihnen. Doch was in professionellen Geräten, bedient von Fachkräften, inzwischen in Krankenhäusern, Lebensmittelbetrieben oder Flughäfen zum Einsatz kommt, ist nicht automatisch auch für den Kosmos von Zwei-Zimmer-Küche-Bad geeignet. Eben wegen der Nebenwirkungen.

Das gilt zumal dann, wenn es sich bei den potentiellen Kunden um Privatleute handelt. Und die geraten derzeit immer mehr in den Fokus als Abnehmer von tragbaren UV-C-Handlampen, die, einem Zauberstab gleich, nur über Tastatur, Küchenarbeitsplatte und Klobrille geschwungen werden sollen, um alles hübsch reinezumachen. Oder von Standleuchten, die sich als aerosolfeindlicher Raumluftreiniger in Stellung bringen. Ein Blick auf die Marktplätze im Internet genügt.

Putzmittel falsch zu dosieren ist das eine. Bei UV-C-Strahlen ist das eine andere Sache. „Vergleicht man sie mit anderen Strahlen, dann sind sie fast so gefährlich wie Röntgenstrahlen“, sagt Werner Varro vom TÜV Süd, wo sich der Abteilungsleiter Smart Automation auch mit automatisierten UV-C-Reinigungsrobotern beschäftigt. Bei falscher Anwendung können die Strahlen Augen und Haut nachhaltig schädigen. Aber: „Das ist nichts, was man sofort merkt“, sagt Varro. Was die Strahlen einer falsch bedienten Lampe mit der Haut anrichten können, zeigt sich erst nach einer ganzen Zeit. Zudem bilden Wellenlängen unter 250 Nanometer im UV-C-Spektrum Ozon, das stark oxidierend und giftig ist. „Meiner Meinung nach sind nicht alle Personen in der Lage, diese Risiken richtig einzuschätzen“, meint Varro.

Zudem können die Strahlen solcher Geräte auch für die Oberflächen, die sie desinfizieren sollen, unangenehme Nebenwirkungen haben. Viele Oberflächen bestehen vor allem aus Kunststoff. UV-C-Strahlen haben aber die Eigenschaft, die Weichmacher aus den Kunststoffverbindung mit der Zeit herauszulösen, wie Varro sagt. Das Ergebnis: Die Oberflächen, zum Beispiel Messergriffe, werden brüchig. „Das können wir zum jetzigen Zeitpunkt zumindest nicht ausschließen“, gibt Varro zu bedenken. Denn standardisierte Testverfahren zur Wirkung einzelner Geräte und ihrer jeweiligen Dosis fehlten bislang ganz einfach.

Eine Pflicht zur Zertifizierung der Produkte gibt es freilich nicht. Auf einige Dinge können Privatpersonen trotzdem achten. Zunächst gilt, dass UV-C-Desinfektiongeräte in Form von Boxen zumindest aus sicherheitsrelevanter Sicht relativ unbedenklich sind. In diesen Boxen befinden sich die Lampen meist im Deckel. Wird der Deckel geschlossen – und nur dann –, kann alles bestrahlt werden, was zuvor in der Box plaziert wurde. Entscheidend ist, dass keine Strahlen nach draußen dringen können.

Im Gegensatz dazu gilt: Jede UV-C-Lichtquelle, die offen und frei zugänglich ist, hat im Grunde nichts dort zu suchen, wo sich gleichzeitig Personen aufhalten, und seien es diejenigen, die eine Handlampe durchs Zimmer schwingen wollen. Varro: „Entweder ist die Dosis solcher Geräte so gering, dass sie zwar gesundheitlich unbedenklich, dafür aber unwirksam gegen Viren sind. Oder die Dosis ist so hoch, dass die Strahlen tatsächlich desinfizieren. Aber dann können sie für den Menschen auch gefährlich sein.“

Zuweilen ist in den Handlampen ein Mechanismus verbaut, der das Gerät automatisch ausschaltet, wenn es in der Horizontalen nach oben Richtung Augen gedreht wird. Das bietet zumindest einen zusätzlichen Schutz, wie das Bundesamt für Strahlenschutz schreibt. Grundsätzlich mahnt die Behörde aber zu Vorsicht beim Einsatz frei beweglicher UV-C-Geräte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Niemann, Anna-Lena
Anna-Lena Niemann
Redakteurin in der Wirtschaft.
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