Ausprobieren, um zu verstehen

Die Zukunft im Museum

Von Peter Thomas
18.10.2021
, 17:06
Verletzliche Projektionsfläche: Mal leuchtet das dichte Netz der Flugrouten auf dem schwebenden Globus auf, dann Wetterextreme oder Schiffsbewegungen.
Weltprojektion, Quantencomputer und ein Hauch Science-Fiction: Das Deutsche Museum setzt sich in Nürnberg mit der Technik von Morgen auseinander. Ein Rundgang.
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Zwischendrin macht die Zukunft einfach mal blau: Wer von einem Raum der neuen Außenstelle des Deutschen Museums in Nürnberg in den nächsten wechselt, den empfangen Passagen aus Sichtbeton und blaues Licht. Dann folgt der Eintritt in die nächste Wunderkammer voller Prototypen, Vitrinen und Experimentierstationen. Insgesamt fünf solcher Bereiche bietet das „Zukunftsmuseum“ genannte Haus, das in diesem September nach einer siebenjährigen Konzept- und Bauphase eröffnet worden ist: Körper Arbeit & Alltag; System Erde; System Stadt sowie Raum & Zeit.

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Von der Zukunft lässt sich träumen, sie kann Ängste wecken, und sie wird heftig diskutiert. Wie aber bringt man ein so dynamisches Thema ins Museum und stellt es aus? Der Blick auf das Beziehungsfeld von Technik, Wissenschaft und Gesellschaft der kommenden zehn bis 20 Jahre verändert sich schließlich kontinuierlich: Die Zukunft von heute ist oft morgen schon Vergangenheit. Darauf reagiert das neue Museum mit zwei Ansätzen. Einerseits will es ständig in Bewegung bleiben: Bis zu einem Viertel der gut 250 Exponate sollen jährlich verändert oder ganz ausgetauscht werden. Andererseits entwickelt sich die Ausstellung entlang übergeordneter Fragen zur Ethik von Technik und Wissenschaft. Das verringert die Abhängigkeit von der technologischen Aktualität einzelner Ausstellungsstücke.

Besucher dürfen selbst experimentieren

Ihre Herkunft kann und will die Außenstelle des weltgrößten Museums der Wissenschaft und Technik nicht verleugnen: Wie das 1925 auf der Isarinsel eröffnete Stammhaus in München setzt das Zukunftsmuseum didaktisch stark auf Interaktion und Experimentierstationen. „Eigentlich haben wir das Prinzip des Museumsgründers Oskar von Miller ins 21. Jahrhundert übertragen“, sagt deshalb Andreas Gundelwein. Der Geowissenschaftler ist Bereichsleiter Ausstellung und Sammlung des Deutschen Museums. Er hat das Konzept des Zukunftsmuseums entwickelt und das Projekt seit 2014 bis zur Eröffnung umgesetzt.

Gelandet: 1985 war die russische Raumkapsel Foton 1 im Weltall. Nun gehört sie zu den Exponaten.
Gelandet: 1985 war die russische Raumkapsel Foton 1 im Weltall. Nun gehört sie zu den Exponaten. Bild: Zukunftsmuseum

Ausprobieren, um zu verstehen: Dieser Idee folgt das Museum bereits im Erdgeschoss. Denn hier befinden sich – zusätzlich zu den fünf Ausstellungsbereichen in den drei Obergeschossen – zwei Labore. Hier werden insbesondere für Schülergruppen Programme angeboten, deren Experimente sich mit Themen der Ausstellung beschäftigen. Auch die Nürnberger Gruppe der „Zukunftspiloten“ hat hier künftig ihre Heimat. So heißt der Jugendclub des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), der sich der außerschulischen Förderung von Ingenieur- und Naturwissenschaften verschrieben hat. Überhaupt setzt das Zukunftsmuseum auf intensiven Austausch, unter anderem mit dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe (ISI) und verschiedenen Hochschulen.

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Wie kann die Stadt der Zukunft aussehen?

Beim Gang durch die Ausstellung wird der Besucher zunächst vom Forum empfangen, dessen Sitzreihen auf eine kinetische Skulptur mit neun sich ständig bewegenden LED-Großmonitoren ausgerichtet sind. Diese Installation ist eines der Großexponate, die schon während der Bauzeit in das Museum eingebracht worden sind. Dazu gehört auch das 15 Meter hohe Fallrohr, in dem Experimente nahe der Schwerelosigkeit ausgeführt werden können: Rasend schnell stürzt der Versuchstisch mit Versuchsanordnung und Kamera durch alle Stockwerke im transparenten Rohr in die Tiefe, bis ihn die Wirbelstrombremse bremst. Anschließend lässt sich auf dem Monitor die Wirkung des Falls auf das Experiment betrachten. In einem Museum sei diese Anlage einmalig, sagt Ausstellungsmacher Gundelwein.

Die großen Fragen stellt das Zukunftsmuseum aber nicht zwangsläufig mit den größten Exponaten, sondern auch mit feinen Details oder virtuellen Inhalten. Wie zum Beispiel wollen wir in den Städten der Zukunft leben? Wer eine solche Metropole in der digitalen Simulation mit faszinierenden Systemen wie einem unterirdischen Hyperloop als Transportsystem ausstattet, darf auch die Notwendigkeit zur Energieerzeugung nicht vergessen: Ohne Kraftwerk oder andere Quelle für die Stromversorgung wird sich die Vision der schönen neuen Mobilität nicht verwirklichen lassen.

Gerechnet: Das filigrane Modell eines Quantencomputers gibt einen Einblick in die digitale Zukunft.
Gerechnet: Das filigrane Modell eines Quantencomputers gibt einen Einblick in die digitale Zukunft. Bild: Peter Thomas

Andere Exponate schlagen erstaunliche Brücken in die Technikgeschichte: Der Prototyp des autonom fahrenden Elektro-Kompaktautos „Pop-Up Next“ von Audi beispielsweise, das durch einen Drohnenaufsatz bei Bedarf auch zum Fluggerät werden sollte, ist vor zwei Jahren eingestellt worden. Manchmal wollen visionäre Entwürfe eben zu viel – so wie der AVE Mizar vom Anfang der Siebzigerjahre, der durch die Kombination eines Ford Pinto mit einer Cessna Skymaster entstand. Derzeit scheinen andere Exponate wie Drohnenkonzepte für die Logistik und unterirdische Ma­gnetschwebebahnen zum schnellen Warentransport ein größeres Potential für die Verwirklichung in der Zukunft zu haben.

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Das Museum will Ort gesellschaftlicher Debatten werden

Auch Science-Fiction hat ihren Platz im Museum. Denn für utopische wie dystopische Szenarien greift die Ausstellung auch auf Filme und andere Medien zurück. Provokante Fragen werden aber ganz nahe am Lebensalltag verhandelt: Wo zum Beispiel akzeptieren wir die Interaktion zwischen Künstlicher Intelligenz und Robotik auf der einen Seite und dem Menschen auf der anderen Seite als gewinnbringend? Und wo scheint die Technik hier Grenzen zu überschreiten? Gerade die Medizin wirft schwierige Fragen auf: Von immer leistungsfähigerer Prothetik bis zur Vision des Traumkindes, das durch künstliche Eingriffe in die Keimbahn wie in einem Webshop zusammengestellt wird – abhängig vom verfügbaren Budget der Eltern.

Gestartet: Der Pop-Up Next von Audi verbindet ein autonomes Elektroauto mit einer Drohne.
Gestartet: Der Pop-Up Next von Audi verbindet ein autonomes Elektroauto mit einer Drohne. Bild: Zukunftsmuseum

Künftig will das Museum die Besucher weiteren provozierenden Themen nicht nur gegenüberstellen, sondern sie auch direkt daran teilhaben lassen. Das gilt zum Beispiel für die digitale Überwachung von Mimik und die Nachverfolgung von Laufwegen. Solche Konzepte werden anschließend im Forum reflektiert und sollen die Rolle des Zukunftsmuseums auch als Ort der gesellschaftlichen Debatte verdeutlichen. Bereits zur Eröffnung wertet eine Station optische Merkmale der Museumsgäste aus, auf Fitnessrädern lassen sich gesundheitliche Parameter mit denen anderer Menschen vergleichen. Hier ist der Unterschied zwischen technischer Realität und Zukunft allerdings kaum noch zu greifen.

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Zum Schluss: Eine Zeitreise ins Jahr 2050

Fast am Ende des Rundgangs schwebt ein Globus unter der Decke, auf den Projektoren ständig neue Bilder werfen: Das dichte Netz der Flugrouten und Schiffsbewegungen leuchtet auf, Wetterextreme und andere Faktoren werden greifbar. Die Installation hat eine fast magische Ästhetik, gibt aber auch einen Eindruck von der Verletzlichkeit des Planeten. Die Daten für die Projektionen werden vom Deutschen Zen­trum für Luft- und Raumfahrt (DLR) aufbereitet.

An diesem Punkt sind die Besucher unter anderem in ein maritimes Gewächshaus für Kräuter eingetaucht, haben sich an verschiedenen Formen der Mensch-Maschine-Interaktion versucht und neue Konzepte der Stadtentwicklung sowie des urbanen Bauens kennengelernt. Wer rechtzeitig ein Ticket am Eingang gelöst hat, kann die reale Ausstellung nun zum Abschluss ganz verlassen. Denn die Bibliothek mit meterlangen Regalen voller Zukunftsromane und anderer Literatur ist zugleich der Eingang in einen 75 Qua­dratmeter großen, virtuellen Raum.

Hier geht es auf eine Zeitreise ins Nürnberg des Jahres 2050, wo die mit VR-Brille und Datenhandschuhen ausgestatteten Besucher sich als Stadtarchäologen betätigen. Ihre Mission: auf einem Wochenmarkt Zeugnisse des technischen, gesellschaftlichen und ökologischen Wandels der vergangenen Jahrzehnte zusammentragen. Was nach einem Handlungsstrang aus „Dr. Who“ klingt, ist in Kooperation mit dem Cologne Game Lab (CGL) der Technischen Hochschule Köln als freundliche und intuitiv begreifbare Spielwelt mit flüssigen Virtualisierungen umgesetzt worden. Bis zu vier Spieler bewegen sich jeweils zehn Minuten lang in der Simulation. Zu den gar nicht so utopischen Gegenständen, die es zu finden gilt, gehört eine Flasche mit Wein aus dem hohen Norden. Das Szenario wird bis mindestens 2022 gezeigt und von einem Forschungsprogramm begleitet. Anschließend soll eine andere VR-Welt eine neue Zukunft zeigen.

Quelle: F.A.S.
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