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Das Erschießungshaus

Von Marie Katharina Wagner, Moskau
28.10.2018
, 08:11
In diesem Haus sollen unter Stalin Tausende Menschen hingerichtet worden sein – auch der Vater von Alexej Georgijewitsch Nesterenko.
Ein Mann kämpft im Herzen Moskaus seit sieben Jahren gegen das Vergessen – bei Wind und Wetter. Erst die Corona-Pandemie stoppte ihn. Reportage über einen, der nicht aufgibt, aus dem Jahr 2018.

Die Nikolskaja Uliza im Zentrum von Moskau ist eine besondere Straße. Sie führt vom Roten Platz auf die Lubjanka zu, eine orangebraune Trutzburg am gleichnamigen Platz, die Zentrale des russischen Geheimdienstes – heute FSB, zu Sowjetzeiten KGB. Die Nikolskaja Uliza ist eine Fußgängerzone, und was für eine: Hier zeigt die Stadt sich so mondän, schick und sauber, wie sie gesehen werden will von den flanierenden Touristenscharen. Sie wird das ganze Jahr über geschmückt mit kunstvoll drapierten Leuchtdioden oder Skulpturen aus künstlichen Blumen. In den vorrevolutionären Häusern sind Geschäfte, Cafés und Bars untergebracht, einige Fassaden werden noch renoviert.

Auch das Haus Nummer 23 ist von einer Plane verhüllt. Davor steht eine Bank, auf ihr Bücher, Plakate, laminierte Zettel. Ein Mann steht daneben, klein und hager, der Kopf fast kahl. Das ist Alexej Georgijewitsch Nesterenko, 81 Jahre alt. Jeden Mittwoch steht er hier, seit sieben Jahren, bei jedem Wetter, und redet sich die Seele aus dem Leib. Das heißt, wenn jemand hören will, was er zu sagen hat, und das sind nicht allzu viele.

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Seit Ende März 2020 darf Alexej Georgijewitsch Nesterenko nicht mehr vor der Nikolskaja Nummer 23, dem „Erschießungshaus“, demonstrieren. Wegen der Corona-Pandemie gilt in Moskau eine strenge Ausgangssperre. Demonstrationen sind nicht mehr erlaubt, auch keine Einzel-Demos, wie er sie sonst machte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Woche
Autorenporträt / Wagner, Katharina
Katharina Wagner
Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.
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