Vor Corona

Der erste Kuss

Von Peter-Philipp Schmitt
03.02.2019
, 20:02
Ewige Liebe: Der jahrtausendealte Kuss an einer Felswand im Parque Nacional Serra da Capivara zählt zu den Hauptattraktionen des Unesco-Weltkulturerbes.
Nur wenige Touristen interessieren sich für sie – dabei erzählen Tausende Jahre alte Felsmalereien in Brasilien Geschichten von den Anfängen der Menschheit. Im Februar 2019 war unser Autor dort auf Entdeckungstour.

Wie man ein Gürteltier erschlägt? Ganz einfach: Einer hält es an seinem Schwanz fest, der andere schlägt mit einem Knüppel drauf. Das ist heute nicht anders als vor Tausenden Jahren, zumindest im heutigen Brasilien, genauer im Südosten des Bundesstaats Piauí. Hier finden sich steinalte Felszeichnungen, auf denen unverkennbar die Jagd auf Gürteltiere dargestellt ist. Überhaupt lassen sich viele der oft nur mit wenigen Strichen auf die Sand- oder auch brüchigen Schluffsteinwände hingemalten Tiere selbst vom ungeübten Auge bestimmen: Affen haben aufgerollte Schwänze, Geparden runde Pfoten, der Ameisenbär hat eine spitze Schnauze, der Hirsch ein Geweih.

Die dargestellten Tiere leben fast alle auch noch immer irgendwo hier in diesem riesigen Nationalpark, zeigen sich aber nur selten den menschlichen Besuchern. Anders die Felsenmeerschweinchen, die Mocós, auf die man im Parque Nacional Serra da Capivara überall stößt. Im Gegensatz wiederum zu den Capivaras, den Wasserschweinen, die ausgestorben zu sein scheinen, obwohl sie dem Park ihren Namen gegeben haben.

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Die Felsen im Park sind nicht nur eindeutig von Menschen bemalt worden, die Künstler haben auch ihr damaliges Alltagsleben an Hunderten Stellen dokumentiert. Da wird gejagt und getanzt, ganze Familienverbände finden sich zusammen, unter ihnen Kinder, Frauen und Männer, die leicht an ihren auch mal erigierten Penissen zu erkennen sind. Andere Szenen lassen sich nicht so einfach deuten. Haben unsere Vorfahren womöglich Bäume angebetet? Oder stehen sie neben Bäumen und strecken ihre Arme gen Himmel, wo sie Götter vermuteten? Sex jedenfalls hatte der Mensch damals auch schon, und es gab ihn zwischen Mann und Frau, aber auch eindeutig zwischen Mann und Mann. Auch Kinder werden vor den Augen der neugierigen Betrachter geboren. Die schönste Zeichnung des gesamten Parks ist allerdings ein Kuss zwischen zwei geschlechtsneutralen Personen. Es könnte der älteste Kuss der Menschheitsgeschichte sein, auf jeden Fall ist es der älteste, der auf uns gekommen ist.

Eine Sensation

Das Alter der Zeichnungen aber wirft bis heute Fragen auf, die sich nicht so einfach klären lassen. Die Malereien bestehen nämlich aus einem Farbton, der sich zeitlich schwer zuordnen lässt, da in ihm keine organischen Spuren vorhanden sind. Allerdings hat man, wie Mauro Lima, einer der vom Park anerkannten Führer, auf der Besichtigungstour erzählt, eine Zeichnung gefunden, die in einer Erdschicht verborgen lag, die 30.000 Jahre alt ist.

Bei der Jagd: Bis heute werden Gürteltiere mit einem Knüppel erlegt.
Bei der Jagd: Bis heute werden Gürteltiere mit einem Knüppel erlegt. Bild: Norbert Franchini

Zudem gibt es andere Zeugnisse, die Menschen hinterlassen haben, etwa Reste von Feuerstellen. Und die Holzkohle ist, wie die Radiokarbonmethode unzweifelhaft ergab, bis zu 60.000 Jahre alt. Tatsächlich fand man Holzkohlereste sogar in noch tieferen und noch einmal 40.000 Jahre älteren Erdschichten. Bezweifelt aber wird von manchen Wissenschaftlern, ob die Feuer menschengemacht waren. Sie könnten ja auch durch einen Blitz ausgelöst worden sein, lautet ihr Gegenargument. Buschbrände aber breiten sich gewöhnlich aus und bleiben nicht an einer einzigen Stelle, wird dem wiederum entgegengesetzt.

Schließlich bleiben noch einige Dutzend Steinwerkzeuge, die unterhalb einer Felswand gefunden wurden. Diese lagen wiederum in einer Erdschicht, die laut Thermolumineszenz-Datierung vor 30.000 Jahren letztmals dem Licht ausgesetzt war. Die Untersuchung von Forschern der Universität Bordeaux, nur wenige Monate alt, gilt als „unanfechtbar“.

Die Erkenntnis darf man noch immer als Sensation bezeichnen. Denn über Jahrzehnte wurde die Erstbesiedlung des amerikanischen Kontinents, Nord wie Süd, auf das Ende der letzten Eiszeit datiert. Demnach sollen vor gut 15.000 Jahren Menschen erstmals amerikanischen Boden betreten haben, und zwar ganz im Norden über die sogenannte Beringbrücke. Einige tausend Jahre später seien ihre Nachfahren bis an den Südzipfel des Kontinents vorgedrungen. Belege dafür, Speerspitzen aus Feuerstein, fand man in den dreißiger Jahren im Ort Clovis im amerikanischen Bundesstaat New Mexico. Daraus wurde die Clovis-First-Theorie, an der vor allem nordamerikanische Forscher lange unverrückbar festhielten.

Ein Mensch allein kann die Zeichnungen nicht gemalt haben

Dabei waren die Felszeichnungen in Brasilien schon lange bekannt. Doch niemand interessierte sich wirklich für sie – was ihnen zugute kam. Erst Niède Guidon erkannte ihre Bedeutung und wurde dafür jahrelang angefeindet. Die brasilianische Naturwissenschaftlerin, Jahrgang 1933, stieß erstmals 1963 auf Fotos der ungewöhnlichen Malereien. Seither kommt sie von ihnen nicht mehr los. Zunächst wurde sie aber von der damaligen Militärdiktatur außer Landes gedrängt. Guidon ging nach Frankreich an die Sorbonne in Paris und kehrte in den siebziger Jahren mit französischen Forschern nach Brasilien zurück, um sich fortan ganz den Felsmalereien im unwegsamen Landesinneren zu widmen.

Schon wenig später, im Jahr 1979, setzte sie durch, dass ein 129.140 Hektar großer Nationalpark eingerichtet wurde, zum Schutz der immer zahlreicher werdenden archäologischen Stätten nördlich der kleinen Stadt São Raimundo Nonato. Die „Frau Doktor“, wie sie allgemein in der Gegend genannt wird, nahm es dabei in Kauf, dass sie es sich mit jedem verscherzte, der für ihr Forschungsprojekt nicht genügend Verständnis aufbrachte. Zu ihren Gegnern zählen besonders die 54 Familien, die von ihrem angestammten Besitz im Park vertrieben wurden und bis heute dagegen prozessieren.

Übermalt: Zeichnungen aus verschiedenen Zeiten und in unterschiedlicher Qualität überlagern sich.
Übermalt: Zeichnungen aus verschiedenen Zeiten und in unterschiedlicher Qualität überlagern sich. Bild: Norbert Franchini

Als Niède Guidon dann 1986 in der Fachzeitschrift „Nature“ ihre Erkenntnisse international veröffentlichte, brach ein Sturm der Entrüstung los. Noch 30 Jahre später bezeichneten Clovis-First-Anhänger die Kritzeleien als stümperhafte Fälschungen, die wahrscheinlich von der Brasilianerin mit französischen Wurzeln selbst stammten – aus reiner Ruhmessucht. Dabei hatte sogar die Unesco den Park schon 1991 zum Weltkulturerbe erklärt.

Ein Mensch allein kann die Vielzahl von Zeichnungen – es sind bislang etwa 30.000 Werke an 400 verschiedenen Stellen – nicht gemalt haben. Und noch immer werden neue entdeckt. Inzwischen weiß man, dass sie auch aus ganz verschiedenen Zeiten stammen. Die ältesten sind an die 30.000 Jahre alt, die jüngsten werden auf 4000 vor Christus datiert. An vielen Stellen wurden ältere Bilder übermalt, Zeichnungen von unterschiedlichster Qualität und Farbe überlagern sich.

Dass sie bis heute überdauert haben, ist ein Wunder

Drei Arten von Malereien werden unterschieden. Am häufigsten finden sich Szenen, die eine Geschichte erzählen. Menschen gehen auf die Jagd, tanzen in langen Reihen über die Felswände oder sammeln sich in Gruppen um ein Lagerfeuer. Diese narrativen Zeichnungen sind für die Wissenschaft von besonderem Wert, auch wenn sich nicht alles deuten lässt. Und sie zeugen von großem künstlerischem Geschick, einem Gefühl für Proportionen und Perspektive. Weniger Kunstfertigkeit war nötig, um einen Frosch, einen Fisch, eine Schlange oder auch nur die Umrisse einer Person auf den Felsen zu übertragen. Diese Art der Malerei findet sich überwiegend im Nordosten des Parks. Die letzte Gattung umfasst Zeichnungen, die vereinzelt auftauchen und nicht näher bestimmt werden können, auch wenn sie manchmal durchaus komplex sind. Neben den Malereien gibt es auch in Stein geritzte Symbole und Ornamente, allerdings nur wenige.

Die rote Farbe besteht zum großen Teil aus Eisenoxidpigmenten und wurde mit einer Flüssigkeit vermischt. Die Farbe drang oft tief ein, so dass sich die Zeichnungen trotz Wind, Regen und Sonne erhalten haben. Allerdings hängen die Felsen oft so stark über, dass die Malereien am Fuß vor Erosion geschützt sind.

Dass sie bis heute überdauert haben, ist dennoch ein Wunder. Es liegt vor allem daran, dass das Klima seit etwa 10.000 Jahren im Landesinneren immer trockener wurde. So entstand die Caatinga, wie die Landschaft des Sertão im nordöstlichen Teil Brasiliens genannt wird. Die Ureinwohner glaubten zudem, sagt Mauro Lima, dass auf den Zeichnungen ein Fluch läge. „Sie machten einen großen Bogen um sie.“ Und dass es hier Eisenerz zu holen gab, war auch lange nicht bekannt, sonst hätte der Tagebau die Felsen wahrscheinlich längst platt gemacht.

Beim Tanz: Viele der Malereien zeigen Rituale, die sich nicht einfach deuten lassen.
Beim Tanz: Viele der Malereien zeigen Rituale, die sich nicht einfach deuten lassen. Bild: Norbert Franchini

Die größte Gefahr für das Weltkulturerbe sind zur Zeit noch die bis zu 30 Zentimeter großen Meerschweinchen, die bis in die höchsten Felsen klettern können. Die Mocós pinkeln und kacken alles voll, ihre Exkremente laufen auch über die Felsmalereien.

Was ausbleibt, sind Touristen. Dabei wurde eigens ein Flughafen für zwei Millionen Passagiere für den Nationalpark gebaut. Eine Bauruine. Auch ein zweites Museum wurde im Dezember eröffnet. Im vergangenen Jahr kamen allerdings nicht einmal 20.000 Besucher in den Park, um die Malereien zu sehen. Für Niède Guidon ist das eine bittere Enttäuschung. Die Fünfundachtzigjährige scheint überhaupt etwas müde geworden zu sein. Angeblich will sie Brasilien und ihrem Lebenswerk noch dieses Jahr den Rücken kehren und nach Frankreich ziehen.

Bleibt noch zu klären, wie vor 100.000 Jahren die ersten Menschen nach Amerika kamen. Mit Schiffen, so die Theorie. Von der Wiege der Menschheit brach der Homo sapiens irgendwann zu Beginn der letzten großen Eiszeit auf, weil es in Afrika eine Dürre gab. Europa lag damals unter einer dicken Eisschicht, was bedeutete, dass sich die Meeresoberfläche des Atlantiks 140 Meter unter dem heutigen Niveau befand. Auf ihrem verkürzten Weg über den Ozean trafen sie auf Inseln, die längst wieder versunken sind. Schließlich erreichten sie den Norden des heutigen Brasiliens und folgten von dort den großen Flüssen ins Landesinnere, bis sie zu den Felsen kamen, die heute Teil des Nationalparks Serra da Capivara sind.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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